Albtraum Wolfsburg: Magaths Kredit schwindet
Von Martin Hoffmann und Jürgen Blöhs
München/Wolfsburg - Das Training des VfL Wolfsburg scheint eine tolle Erfahrung zu sein.
Immer wieder wurde es jedenfalls an diesem Wochenende herangezogen, wenn es darum ging, etwas Positives über den Verein zu erzählen.
"Da läuft es gut", meint Keeper und Kapitän Diego Benaglio. "Es hat Spaß gemacht zuzuschauen", hielt Aufsichtsratschef Francisco Javier Garcia Sanz fest – vor der 0:2-Heimpleite gegen den SC Freiburg ( Bericht).
Und Trainermanager Felix Magath antwortet bei SPORT1 auf die Frage, ob er die Mannschaft nicht mehr erreiche: "Diesen Eindruck habe ich im Training überhaupt nicht." ( DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)
So wenig Tore wie nie
Man darf sich an dieser Stelle hinzudenken, dass das, was Magath außerhalb der so gepriesenen Trainingszeiten erlebt, ihn doch ein wenig ins Grübeln bringt.
Tabellenletzter, dazu verhöhnt von der eigenen Fankurve ("Oh, wie ist das schön!"): Der Meistertrainer von 2009 ist am vorläufigen Tiefpunkt seiner zweiten Amtszeit bei den "Wölfen" angelangt.
Das verheerendste aller Zeugnisse ist weiterhin die Trefferbilanz: Nur zwei Tore in acht Spielen, nur der VfL Bochum anno 1982/83 war genauso ungefährlich.
Benaglio ratlos
Es kann Magath nur bedingt trösten, dass die Bochumer sich seinerzeit noch den Klassenerhalt erkämpft haben, sein Team ist bekanntlich für internationale Aufgaben zusammengestellt.
Aufgaben, die im Moment noch ferner zu liegen scheinen als der VfL Bochum von 1982: "Um den Europapokal müssen wir uns gar nicht den Kopf zerbrechen", macht Benaglio gegenüber SPORT1 deutlich.
Woran das liegt? Benaglio ist ganz ehrlich: "Ich habe keine Erklärung."
Magath hatte die "richtige Idee"
Magath hatte schon ein paar, sie weisen wie üblich weg aus seiner Richtung.
Er bekannt sich zwar zur "Verantwortung", die er für die Zusammenstellung und Spielweise der Mannschaft hat.
Zugleich aber betont er, dass er die "richtige Idee" gehabt hätte, auf zwei Flügelspieler zu setzen, die Stürmer Bas Dost mit Flanken hätten füttern sollen. (DIASHOW: Der 8. Spieltag)
Seine Spieler hätten den Einfall nur eben "nicht gut umgesetzt".
Portugiese am Pranger
Welche Spieler genau? Magath hilft da gerne weiter.
Dem Portugiesen Vierinha attestierte er einen "rabenschwarzen Tag", dem zuletzt schon mehrmals gescholtenen Landsmann Naldo hielt er den von ihm verursachten Elfmeter als "katastrophalen Fehler" vor.
Und über Bankdrücker Diego, um den schon wieder Abgangsgerüchte kreisen, bemerkte er noch: "Wir haben in den ersten sieben Spielen versucht, Diego ein Umfeld zu schaffen, in dem er Bestleistungen bringen kann. Das hat sich aber nicht in guten Spielen ausgedrückt."
Bloßstellung der eigenen Spieler
Das alles sind durchaus richtige Beobachtungen, nur finden die meisten Trainer, dass sie die Dinge nur verschlimmern, wenn sie Fehlleistungen Einzelner öffentlich herausstellen.
Vor allem stärkt so etwas nicht unbedingt das Verhältnis zwischen Mannschaft und Trainer.
Kritik von Hoeneß
Bayern-Präsident Uli Hoeneß vergleicht die aktuelle Situation in Wolfsburg mit der beim FC Bayern in der Saison 2006/07: "Wenn du es mit zwei Titeln in Folge schaffst, 80 Prozent der Spieler gegen dich aufzubringen, stimmt etwas nicht. Das scheint auch das Problem in Wolfsburg zu sein", sagte Hoeneß beim Ständehaustreff in Düsseldorf.
Im Januar 2007 hatten die Münchner Trainer Magath nach zwei Double-Gewinnen entlassen.
Für die schwachen Leistungen der "Wölfe" gebe es laut Hoeneß nur zwei Erklärungen: "Wenn die Spieler so wenig laufen, sind sie entweder vom Training kaputt oder spielen gegen den Trainer."
"Einige wollten den Ball nicht haben"
Um den Teamgeist ist es bei Wolfsburg ohnehin nicht gut bestellt, das geben selbst die Spieler recht ungeschminkt zu.
"Wir haben gute Einzelspieler, aber das Zusammenspiel ist nicht gut", findet Thomas Kahlenberg.
Kollege Naldo wird noch deutlicher: "Es ist ein Albtraum. Wir spielen nicht miteinander, einige Spieler wollten den Ball nicht haben."
Magath hört in diesen Tagen öfters die Frage, wie in Wolfsburg überhaupt strukturiertes Miteinander entstehen kann.
In einem Team, in dem das Spielermaterial munter fluktuiert, dessen Startaufstellung in acht Spielen nie dieselbe war, in dem sich mittlerweile drei Ex-Kapitäne tummeln - neben vielen weiteren Akteuren, die Magath mit anderen Arten von Liebesentzug verunsichert hat.
Kredit nicht unendlich
Es sind Zustände ähnlich denen, die Magath bei seinem vorherigen Klub Schalke 04 hinterließ.
Bei Wolfsburg genießt der Coach wegen seiner früheren Verdienste mehr Kredit, unendlich wird er aber nicht sein - trotz der Kosten, die bei einer Trennung von ihm und seinem Mitarbeiterstab anfallen würden.
VW-Chef Martin Winterkorn verließ beim Freiburg-Spiel vorzeitig das Stadion. Aufseher Sanz erklärte noch davor: "Im Moment steht der Trainer nicht zur Diskussion."
Das "im Moment" fällt auf.


