Als Bayern-Double auf Bayern-Jagd
Von Christian Paschwitz
München - Es herrscht ein neues Gefühl bei Königsblau:
Eines, dass Tiefenentspannung in bemerkenswerter Weise mit Angriffslust paart - und bisher Erfolg verheißt.
Erstmals ist der FC Schalke 04 bis auf Platz zwei vorgerückt, mit vier Punkten Rückstand jetzt erster Jäger der erstmals gestrauchelten Bayern.
Und das auf eine Art und Weise, die gleich in mehrfacher Hinsicht an den Tabellenführer aus München erinnert: Mit einem schnörkellosen Arbeitssieg am Ende einer rauschhaften Champions-League-Woche - und mit Manager Horst Heldt als Abteilung Attacke.
Barnetta: "Schauen nur auf uns"
"Ich will Meister werden", sagte der Manager nun bei einer Fan-Veranstaltung. "Wenn ich dieses Jahr Meister werden kann, dann nehme ich das mit - ich wäre ja sonst bescheuert."
Töne, die sich die Schalker erlauben können, nachdem sie binnen einer Woche alle Eigenschaften gezeigt haben, die ein echtes Topteam auszeichnen.
Erst der Revier-Derby-Coup bei Borussia Dortmund, danach der glanzvolle wie historische Triumph in der Champions League beim FC Arsenal - und nun der 1:0-Pflichtsieg gegen Nürnberg ( Bericht).
Ähnliches ist man sonst nur vom Rekordmeister gewohnt.
"Schweinesieg" und entspannte Fans
Bemerkenswert vor allem, wie S04 - müde nach den jüngsten Großtaten - beim "dreckigen Arbeitssieg" (Benedikt Höwedes) oder "Schweinesieg" (Jermaine Jones) gegen den Club nicht in Hektik verfiel.
"Kompliment an die Mannschaft, die die Ruhe bewahrt hat, aber auch an die Fans, die Geduld mit uns gehabt haben", lobte Trainer Huub Stevens, nachdem es schon auf eine Nullnummer hinauszulaufen schien.
Die Anhänger hatten schon vor dem Anpfiff ihren Frieden mit dem weiteren Saisonverlauf gemacht: "Alles in Butter - Derbysieger", prangte auf einem Plakat.
Wie das Bayern-Gen, nur königsblau
Und was sonst immer nur als das typische Bayern-Gen gilt, trifft nun auch auf Schalke zu.
Denn das Siegtor in der 77. Minute durch Jefferson Farfan fiel genau in der Phase, als sich die Nürnberger anschickten, tatsächlich einen Punkt mitzunehmen aus der mittlerweile still gewordenen Arena.
"Das Tor fiel aus dem Nichts", gab Jones hinterher zu. Beharrlichkeit wird offenbar belohnt, auch wenn die Leichtigkeit dabei fehlt. (DIASHOW: Tops und Flops)
Heldt: "Schön, das uns keiner für voll nimmt"
Erfolgreich sein, obwohl schon keiner mehr damit rechnet: So hätte es Heldt ganz gerne auch im größeren Rahmen.
"Schön, dass uns keiner für voll nimmt zum jetzigen Zeitpunkt", meint er: "Das ist die größte Chance, die man hat. Alle reden nur zum Punktabstand zur verbotenen Stadt - das ist super."
Der Wunsch des Managers: "Wenn der FC Bayern einmal schwächelt, dann müssen wir parat sein, und dann darf kein anderer Verein Deutscher Meister werden."
Auch Pokal-Finale das Ziel
Im Pokal sind Heldts Ansprüche vor dem Duell gegen Zweitligist SV Sandhausen (Di., ab 20.15 Uhr im LIVE-TICKER) ebenso groß: "Wir wollen auch im Pokal ins Endspiel. Das ist unser Ziel."
Vier Siege hat Schalke aus den jüngsten vier Spielen herausgeholt, insgesamt nur eine Niederlage in 13 Pflichtspielen erlitten - die allerdings ausgerechnet gegen Bayern (0:2).
Für das Rückspiel werden aber schon einmal die Messer gewetzt: "Wir haben immer noch Potenzial, um uns zu verbessern", sagt Torjäger Klaas-Jan Huntelaar. ( DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)
Huntelaar will noch mehr
"Eigentlich haben wir sogar vier Punkte zu wenig", spielt der Niederländer an auf die Punktverluste in Hannover und in Düsseldorf (jeweils 2:2).
"Die Stabilität haben wir uns in den letzten drei Wochen erarbeitet", meint wiederum Höwedes: "Aus den Spielen in Düsseldorf und Montpellier (2:2 in der Champions League, Anm. d.Red.) haben wir viel gelernt."
Was ihnen auch einen gewissen Mut verleiht: "Wenn wir den Lauf halten können, sieht es super aus", erklärt Außenverteidiger Christian Fuchs.
Nur einmal übrigens war Schalke in der Liga zum jetzigen Zeitpunkt der Saison besser als aktuell: In der Spielzeit 1971/'72. Damals wurde Königsblau am Ende Vize-Meister. Diesmal darf's ein bisschen mehr sein.


