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Toni Kroos kam in der aktuellen Bundesliga-Saison nur siebenmal zum Einsatz © imago

Die Flucht vor dem Reservistendasein als neuer Trend - der Weggang von Kroos zeigt: Talente haben bei Bayern wenig Chancen.

Über den FC Bayern berichten Daniel Rathjen und Mathias Frohnapfel

München - Es war eine sensationelle Blitz-Wende.

Lange hatte sich der FC Bayern geweigert, Toni Kroos ziehen zu lassen und damit dem Wunsch des U21-Nationalspielers zu entsprechen.

Jetzt leiht der Rekordmeister ihn doch bis Juli 2010 aus. Bayer Leverkusen empfängt ihn mit offenen Armen und zahlt nur das Gehalt.

Dabei war für Kroos die Trikotnummer 10 reserviert, Trainer Jürgen Klinsmann lobte ihn und bezeichnete ihn als perfekten Champions-League-Joker.

"Unser Ziel, dass Toni hier Stammspieler sein muss, hat sich null Millimeter verändert. Nur der Weg dahin hat sich geändert", bemerkt Bayern-Manager Uli Hoeneß.

Aber warum hatte der Mittelfeldspieler bei Bayern - genauso wie zuvor unter anderem Jan Schlaudraff, Marcell Jansen, Lukas Podolski oder auch die Abwehr-Talente Georg Niedermeier und Mats Hummels - überhaupt keine Chance auf Einsätze in der Startelf?

Hoeneß' Antwort: "Wir haben erkannt, dass es sehr schwierig ist für einen Trainer, auf der einen Seite Champions-League-Sieger zu werden und auf der anderen Seite zwei, drei junge Spieler einbauen zu wollen. Das eine schließt das andere fast aus. Aber wir müssen Titel gewinnen."

Keine Experimente mehr

Für ihn ist die Kroos-Ausleihe deshalb eine logische Folge: "Wegen des Bänderrisses hat Toni die Vorbereitung verpasst. Ribery, Schweinsteiger, Ze Roberto, Altintop, auch Sosa sind vor ihm. Und im Titelkampf können wir nicht experimentieren", stellt Hoeneß klar.

Kroos, ein 19-jähriger Profi mit zweifellos außergewöhnlichen fußballerischen Fähigkeiten, hätte in der Rückrunde weiter nur die Bank gedrückt.

Der Weg der Bayern ist klar erfolgsorientiert, für Ausbildung bleibt im Profi-Kader kaum Zeit.

Hoeneß: "Jürgen Klinsmann hat sich dieses und jenes vorgenommen, aber eines hat er noch nie erlebt, diesen Erfolgsdruck. Wenn du hier zwei, drei Spiele nicht gewinnst, interessiert sich kein Mensch dafür, ob du junge oder alte Spieler spielen lässt."

Kader ohne Störenfriede

Der Manager hat seine Lehre gezogen: "Es hat sich eben gezeigt, dass es kurzfristig leichter ist mit erfahrenen Spielern gewisse Ziele zu erreichen."

Er hat eine Vision eines, kleinen, aber schlagkräftigen Kaders - ohne potenzielle Störenfriede.

Kroos, der mannschaftsintern selbstbewusst auftritt und um seine Perspektiven ganz genau kennt, passt momentan dort nicht hinein und muss erst reifen.

Hoeneß wurde es zu bunt. Auch Amateur-Trainer Hermann Gerland, der Förderer von Kroos, entdeckte zuletzt nicht nur Gutes.

Kritik von Gerland

"Toni hat unglaubliche fußballerische Qualitäten. Aber er muss sie mit Leistungsbereitschaft paaren. Das hat er viel zu wenig gemacht", kritisiert er in der "Welt". Ein heftiger Vorwurf, der Kroos mangelnde Einstellung unterstellt.

Gerland weiter: "Er wurde von der Öffentlichkeit in den Himmel gehoben, bekam nur Zucker. Das ist für einen jungen Spieler nicht gut."

Eine "Emergency-Klausel" haben sich die Bayern dennoch gesichert. "Kein Verein war interessiert, ihn für drei, vier Monate zu nehmen. Deshalb haben wir gesagt, na gut, machen wir das für 1,5 Jahre, wenn wir ihn zurückholen können, wenn wir Notwendigkeit haben", erklärt Hoeneß.

"Keine Kehrtwende"

Das heißt: Spielt Kroos bei Bayer überragend, kehrt er im Sommer schon zurück, Leverkusen erhält in dem Fall eine Art "Ausbildungsentschädigung".

Die Bayern werden Kroos' Entwicklung streng beobachten und wollen auch in Zukunft auf junge deutsche Spieler setzen. "Der Transfer hat nichts mit einer Kehrtwende in der Politik des Vereins zu tun", sagte Hoeneß.

Er gibt zu bedenken: "Die Leute vergessen, dass wir am Freitag in ganz Europa die meisten Spieler auf dem Platz hatten, die aus den eigenen Reihen kommen: Michael Rensing, Philipp Lahm, Christian Lell, Bastian Schweinsteiger und Andreas Ottl."

Der Unterschied zu Kroos: Diese Spieler haben - im Gegensatz zum Neu-Leverkusener - noch "Bock" auf den FC Bayern.

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