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Schwere Zeiten bei Werder: Coach Thomas Schaaf (l.) und Sportchef Klaus Allofs © getty

Bremen steht so schlecht wie zuletzt vor acht Jahren: Diego spricht bei Sport1.de von einem Desaster. Wo ist der Ausweg aus der Krise?

Vom Christian Paschwitz

München - Wenn Frauen sich ihre Haare abschneiden, ist meist eine Beziehung zu Ende gegangen, heißt es. Veränderte Optik für den großen Neuanfang quasi.

Dass sich Thomas Schaaf (Porträt) seit kurzem einen Bart stehen lässt, mag weniger bedeutungsschwangere Gründe haben. Trotzdem wünscht sich auch Werder Bremens Trainer wohl nichts sehnlicher als die Rückkehr in rosigere Zeiten.

Die blamable Heimpleite zuletzt gegen Bielefeld war der vorläufige Negativ-Höhepunkt einer verkorksten Saison. (Mittelmaß statt Meisterschaft)

Als "ein Desaster, und das zum Rückrunden-Auftakt" hatte gegenüber Sport1.de auch Spielmacher Diego den jüngsten Werder-Auftritt gegeißelt: "Ich war sehr traurig über das Ergebnis, ich hatte ein wesentlich besseres Resultat erwartet."

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Schlechteste Hinrunde seit acht Jahren

Schon zehn Punkte Rückstand sind es auf einen Champions-League-Platz, sieben bis zu den UEFA-Cup-Rängen. Und am Samstag (ab 15 Uhr LIVE) steht nun ausgerechnet das Duell beim ebenfalls abgestürzten FC Schalke an. Ein Schicksalsspiel.

Zahlen lügen nicht: Der fünfmalige Teilnehmer an der Königsklasse steht am Scheideweg, steckt nach der schlechtesten Hinrunden-Bilanz seit acht Jahren als Tabellen-Zehnter im Liga-Mittelmaß fest.

Lustlos, ideenlos, kraftlos. Kurzum: Die ganze Saison ist in Gefahr. "Wir sind in einer schwierigen Situation", bekennt Diego bei Sport1.de. Dass für den Brasilianer gleichwohl die "Champions League noch möglich sein sollte", verwundert angesichts der momentanen Situation: Haben sie im Werder-Lager noch immer nicht den Ernst der Lage begriffen?

Pokal und UEFA-Cup zum Trost

"Es wird noch einige Möglichkeiten geben, in Richtung oberes Tabellendrittel zu marschieren", sagt dazu Manager Klaus Allofs und verweist darauf, auch noch im DFB-Pokal und im UEFA-Cup mitzumischen. Immerhin.

"Die Saison ist für uns noch nicht gelaufen", ergänzt Werders Sportchef. Nach wie vor allerdings bleiben die Grün-Weißen den Beweis schuldig, Konstanz reinzubekommen.

Starken Auftritten wie vor der Rückrunde gegen Inter Mailand (2:1) und Eintracht Frankfurt (5:0) stehen ganz schwache Momente gegenüber wie das 0:1 in Karlsruhe und nun eben die Bielefeld-Pleite. (Spielplan und Tabelle)

Auch Torsten Frings (Porträt) sorgen die gewaltigen Schwankungen: In Gelsenkirchen "müssen wir mit Herz spielen, sonst gehen wir unter", warnt der Nationalspieler im "kicker". Warten auf die Wende. Sonst droht das Ende.

Dauerthema Diego-Hickhack

Ein echtes Ärmel-Aufkrempeln in der Krise ist bisher ausgeblieben: Routinier Frings war es, der den Fehler zum zweiten Gegentor im Duell mit der Arminia fabrizierte. Spielmacher Diego wiederum, noch rot-gesperrt wie Claudio Pizarro, glänzt anstelle fußballerischer Geniestreiche vielmehr durch Undiszipliniertheiten.

Dazu kommen die Koketterie mit einem Vereinswechsel sowie Schlagzeilen aus seinem Privatleben. Es erscheint fraglich, wie lange Diego (Porträt) noch das Siegel "unverkäuflich" trägt.

Ohne Champions-League-Teilnahme könnte ein üppiges Transferangebot für Werder zur großen Verlockung werden. Auch wenn Diego gegenüber Sport1.de sagt: "Mir gefällt es sehr gut im Norden und überhaupt in Deutschland."

Kalkül oder Fehlleistung?

Untypisch für die sonst so fruchtbare Arbeitsatmosphäre erscheint auch Werders Transferpolitik: Während die Konkurrenz im Winter hochkarätig zuschlug, hielt Allofs wider Erwarten die Füße weitgehend still. Trotz der alarmierenden Tabellensituation. Ungeachtet angespannter Personallage und fehlender Alternativen auf der Bank.

Immerhin wurde der griechische Nationalspielers Alexandros Tziolis von Panathinaikos Athen ausgeliehen. Der Ungar Marko Futacs (AS Nancy) ist dagegen ein Mann für die Regionalliga-Riege, wie selbst Allofs bekennt.

Hanseatisches Kaufmannskalkül oder Fehlleistung? Zumal auch noch Boubacar Sanogo (Hoffenheim) abgegeben wurde, man den Notstand im Sturm damit selbst noch verschärfte.

Schaaf unangetastet

Allofs wehrt sich gegen den Vorwurf einer missratenen Personalpolitik: "Es ergibt keinen Sinn, Dinge zu machen, von denen man nicht überzeugt ist", sagt der Manager im "kicker". "Wir betreiben wie immer keinen Aktionismus, kaufen nicht um des Kaufens willen."

Den Klub Kaputtsparen nennt Allofs das keineswegs. Eher das Pflegen von Prinzipien. (Vereinsseite)

Mehr noch: In der "Sport Bild" droht er etlichen Profis gar mit Rauswurf: Wenn man das Potenzial nicht abrufen könne, "müssen wir Veränderungen im Kader vornehmen". Egal, ob Spieler "auslaufende oder noch laufende Verträge" haben.

Fans sind noch ruhig

Der Sportlich Hauptverantwortliche steht dagegen außerhalb jeder Diskussion: "Die Trainerfrage stellt sich einfach nicht", so Allofs. "Wir haben mehrfach erklärt, dass wir mit der Arbeit von Thomas Schaaf sehr zufrieden sind."

Wie lang der 47-Jährige indes auch von den Fans einen Freibrief ausgestellt bekommt, ist unklar Nur mit einem Sieg auf Schalke hält Werder den Anschluss nach oben - und die Volksseele in Zaum.

Zu oft schon in dieser Saison ist der Übungsleiter trotz markiger Ansagen ("Wir müssen verbissener spielen als in der Rückrunde") die nachhaltige Wende schuldig geblieben: Dass Schaaf, seit mittlerweile fast zehn Jahren im Amt, nun die Zügel sichtbar anzieht, dürfte Werders Anhänger in etwa so berühren wie dessen neu gewonnene Gesichtsbehaarung.

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