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Babbel trainierte vor seinem Engagement in Hoffenheim bereits Stuttgart und Hertha © getty

1899 Hoffenheim entlässt Trainer Markus Babbel. Ihm wird nicht nur die Serie von vier Pleiten in Folge zum Verhängnis.

Von Tobias Wiltschek

München - Am Montagnachmittag vollzog die TSG 1899 Hoffenheim den Schritt, der bereits seit Sonntagabend erwartet wurde: Markus Babbel ist nicht mehr Trainer des abstiegsbedrohten Bundesligisten.

Mit dem Rauswurf zogen die Kraichgauer die Konsequenzen aus der anhaltenden Krise des Klubs, die bei der 1:4-Niederlage am Sonntag gegen Werder Bremen (Bericht) ihren vorläufigen Höhepunkt fand.

"Ich habe mich nach reiflicher Überlegung und im Einvernehmen mit der Geschäftsführung sowie den Gesellschaftern dazu entschlossen, einen Schnitt zu machen", begründete Manager Andreas Müller den Schritt (Mehr zu Babbels Entlassung in Bundesliga aktuell ab 18.30 Uhr LIVE im TV auf SPORT1).

"Unsere sportlich zunehmend bedrohliche Situation und der einhergehende, negative Trend haben mir keine Wahl gelassen. Wir müssen den Reset-Knopf drücken und neu beginnen."

Nach 15 Spieltagen steht Hoffenheim mit der Rekordanzahl von 36 Gegentoren auf Relegationsplatz 16 (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle).

Babbel versteht Entscheidung

"Es ist sicherlich enttäuschend und frustrierend für ihn", beschrieb Müller das letzte Gespräch mit Babbel.

"Er hat alles Menschenmögliche getan, um den Bock umzustoßen. Aber er hat auch für die Situation Verständnis gezeigt."

Neben Babbel wurde auch Co-Trainer Rainer Widmayer freigestellt.

Kramer soll übernehmen

Die Nachfolge von Babbel übernimmt zunächst der bisherige U-23-Trainer Frank Kramer, der die Mannschaft am kommenden Freitag beim Hamburger SV betreuen wird.

"Frank Kramer wird zunächst mal für die kommenden beiden Spiele die Verantwortung übernehmen. Er ist ein ausgezeichneter Fußballlehrer und hat unser vollstes Vertrauen", sagte Müller.

Ob er weiter darüber hinaus die Mannschaft betreuen wird, scheint unwahrscheinlich, auch wenn Müller es nicht ausschloss.

"Möglicherweise wird er es aber auch darüber hinaus machen", meinte Müller, grenzte aber zugleich ein: "In dieser Konstellation haben wir die notwendige Ruhe, uns alle weiteren Schritten zu überlegen."

[kaltura id="0_n1u4htu1" class="full_size" title="Hoffenheim macht Schluss Babbel entlassen"]

Kramer geht selbstbewusst an die Aufgabe

Der Interimscoach geht mit großem Selbstvertrauen und Rückhalt der sportlichen Leitung in die letzten zwei Spiele bis zur Winterpause.

"Natürlich hätte ich mir gewünscht, nicht einspringen zu müssen. Aber ich stelle mich auch selbstbewusst der nun anstehenden, schwierigen Aufgabe", sagte Kramer bei seiner Vorstellung auf der Pressekonferenz.

"In den wenigen Tagen bis zum Spiel beim HSV wird es vor allem darum gehen, den Spielern wieder das Vertrauen in ihre eigenen Stärken zurückzugeben."

Quartett wird gehandelt

Die besten Chancen auf Babbels Nachfolge werden dem ehemaligen Kaiserslauterer Coach Marco Kurz eingeräumt, der zusammen mit 1899-Manager Müller 1997 mit Schalke 04 den UEFA-Cup gewonnen hatte.

Ebenfalls gehandelt werden der in Basel entlasse Heiko Vogel, der ehemalige niederländische Nationaltrainer Bert van Marwijk sowie DFB-Assistenztrainer Hansi Flick.

Babbel ist bereits der dritte Trainer, der seit Sommer 2011 entlassen wurde.

Pezzaiuoli und Stanislawski scheitern

Schon Marco Pezzaiuoli und Holger Stanislawski hatten vergeblich versucht, den ambitionierten Provinzklub aus den unteren Tabellenregionen zu führen.

Dabei waren auch sie nur zum Teil verantwortlich für die langanhaltende Misere in Hoffenheim.

Die Liste der Verfehlungen ist lang und reicht bis zum Abschied von Ralf Rangnick zurück.

Der hatte den Provinzklub mit viel Geld von Mäzen Dietmar Hopp 2008 zum Bundesliga-Aufstieg geführt und wurde zweieinhalb Jahre später nach Differenzen mit dem Milliardär entlassen.

Seitdem fehlt dem Verein jegliche Kontinuität - auf der Trainerbank und im Management.

Ausbildung von Nationalspielern

Bereits vor der Trennung von Rangnick verabschiedete sich der zweite Baumeister des Erfolgs, Manager Jan Schindelmeiser.

Ihm folgte Ernst Tanner nach, der wiederum nach nur eineinhalb Jahren gefeuert wurde.

Einst war Hoffenheim als Ausbildungsverein bekannt, bei dem Spieler wie Marvin Compper, Andreas Beck und Tobias Weis zu Nationalspielern gereift sind.

Heute ist von diesem Konzept nicht mehr viel übrig. Stattdessen holte man in Erin Derdiyok, Mathieu Delpierre oder Tim Wiese gestandene Bundesliga-Profis, die das Niveau der Mannschaft aber nicht heben konnten.

"Da ist keine Hierarchie, keiner, der einen Ruck gibt", bemängelt auch SPORT1-Kolumnist Thomas Berthold (BERTHOLD: Keine Entwicklung seit Rangnick).

Keine Kommunikation

Außerdem mangelt es der Mannschaft an der nötigen Kommunikation.

Schon 17 Gegentreffer nach Standards in dieser Saison sind ein alarmierendes Zeichen dafür, dass auf dem Platz zu wenig gesprochen wird.

Die Folge sind Zuordnungsprobleme, die gerade bei Ecken und Freistößen gnadenlos bestraft werden.

Für die Zusammenstellung der Mannschaft ist auch Babbel verantwortlich gewesen. Schließlich war er von März bis September 2012 Trainer und Manager in Personalunion.

Vor allem Torwart Wiese, den er aus Bremen loseisen konnte, sollte nach seinen Vorstellungen die Hoffenheimer in den Europapokal führen.

Überhöhte Ambitionen

Jetzt steht der regelmäßig patzende Keeper sinnbildlich für die maßlos überhöhten Ambitionen der Kraichgauer, die sich nach 15 Spieltagen auf dem Relegationspatz und damit in Abstiegsnot befinden.

Andreas Müller, der den überforderten Babbel vor drei Monaten als Manager ablöste, hat nun den Trainer auch entlassen müssen.

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