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Andreas Thom (l.) und Ulf Kirsten wechselten 1989 bzw. 1990 zu Bayer Leverkusen © imago

Der Mauerfall vereint Deutschland und bringt DDR-Stars in den Westen. Teil V des SPORT1-Rückblicks auf 50 Jahre Bundesliga.

Von Rainer Kalb

München - Das einschneidendste Ereignis im dritten Bundesliga-Jahrzehnt war sicherlich der Fall der Mauer 1989 und die daraus resultierende Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten auch im Fußball.

Am gewieftesten beim Transfer von DDR-Stars in die Bundesliga war Bayer Leverkusen.

Manager Reiner Calmund hatte in Wolfgang Karnath einen Gewährsmann bereits am 15. November 1989 zum WM-Qualifikationsspiel der DDR-Auswahl in Wien gegen Österreich (0:3) geschickt.

Dieser hatte sich als Fotograf getarnt und war ganz nah dran an der DDR-Mannschaft, saß mit dem Fotografen-Leibchen sogar zwischenzeitlich auf der Ersatzbank.

Sein Ziel war es, die Asse Andreas Thom (BFC Dynamo), Ulf Kirsten und Matthias Sammer (beide Dynamo Dresden) zu kontaktieren.

Karnath erfüllte seinen Geheimauftrag, sprach Sammer sogar nach der Auswechslung auf der Ersatzbank an.

Calmund holt DDR-Duo

Der Fall der Mauer war gerade sechs Tage her und viele DDR-Spieler wünschten sich nichts sehnlicher, als in der Bundesliga zu spielen.

So schloss der clevere Calmund Vorverträge gleich mit drei Stars des DDR-Fußballs: Thom, Kirsten und Sammer.

Doch eine solche Ballung von Kickern bei einem Klub war den offiziellen Stellen in der noch existierenden DDR ein Dorn im Auge, sie erlaubten den Wechsel von maximal zwei Kickern zum Werksklub vom Rhein.

Sammer darf nicht wechseln

Die Wahl von Calmund fiel auf die Stürmer Thom und Kirsten. Als erster Spieler aus der ehemaligen wechselte der pfeilschnelle Thom für 2,5 Millionen Mark Ablöse im Dezember 1989 zu Bayer und feierte am 17. Februar 1990 beim 3:1 gegen den FC Homburg seine Bundesliga-Premiere.

Als Torschütze zum 1:0 (15.) führte sich der einstige BFC-Torjäger standesgemäß ein. (HINTERGRUND: Goldene Generation prägt das zweite Jahrzehnt)

Ulf Kirsten, der 3,5 Millionen Mark kostete, folgte zur Saison 1990/91.

Auf Sammer hingegen verzichtete Bayer, woraufhin der rotblonde Sachse zum VfB Stuttgart wechselte. Doch die nun rasant zunehmenden Wechsel von Spielern aus der DDR-Oberliga in die Bundesliga waren nur die eine Seite.

Von 18 auf 20 Mannschaften

Es galt auch, die Klubs zu integrieren. In der Spielzeit 1991/92 war es soweit. Die Bundesliga wurde für eine Saison von 18 auf 20 Mannschaften aufgestockt.

Als erste Ex-Oberligisten durften Hansa Rostock, der letzte DDR-Meister, und Dynamo Dresden in der Bundesliga mitspielen.

Allerdings mussten am Saisonende auch vier Teams absteigen, Rostock war darunter. Dresden schaffte hingegen als Tabellen-Vierzehnter den Klassenerhalt. (DATENCENTER: Die Bundesliga)

Buchwald köpft VfB zur Meisterschaft

Meister in jener Saison wurde im dramatischen Saisonfinale überraschend der VfB Stuttgart, der am letzten Spieltag durch ein 2:1 in Leverkusen im spannenden Endspurt noch Borussia Dortmund und Eintracht Frankfurt hinter sich ließ.

Guido Buchwald köpfte das 2:1 (86.), obwohl die Schwaben Sammer durch Platzverweis (79.) verloren hatten und in Unterzahl spielen mussten.

Sammer und Daum jubeln

Die Bilder vom auf dem Boden der Umkleidekabine kauernden Sammer, der sein Glück, erstmals Bundesliga-Champion geworden zu sein, kaum fassen kann, nachdem er sich aufgrund des Platzverweises fast alle Hoffnung aufgegeben hatte, wurden zum Inbegriff des VfB-Wunders unter Trainer Christoph Daum.

Dessen Stern war im September 1986 in der Bundesliga aufgegangen.

Attacke auf Heynckes und Hoeneß

Als Nachfolger von "Sir" Georg Keßler wurde Daum beim 1. FC Köln vom Assistenten zum neuen Cheftrainer befördert. Der Fußballlehrer sollte bald zu einem der größten Motivatoren und Lautsprecher der Liga aufsteigen.

Unvergessen seine Attacke 1989 im Titelzweikampf der Kölner mit Bayern München gegen seinen Trainerkollegen Jupp Heynckes und Manager Uli Hoeneß.

Der verbale Schlagabtausch kulminierte schließlich im denkwürdigen Auftritt der Protagonisten im "Aktuellen Sportstudio".

Der Titel mit dem FC blieb Daum allerdings 1988/89 versagt, weil die Kölner das zum "Endspiel" hochgejazzte Duell am 25. Mai 1989 in Müngersdorf gegen den FC Bayern 1:3 verloren.

Roland Wohlfarth war als dreifacher Torschütze der Münchner der Matchwinner.

Bayern dominiert die Dekade

Die Bayern waren in der dritten Bundesliga-Dekade ohnehin das spielbestimmende Team. Fünfmal holten der FCB in dieser Zeit den Titel.

Dabei hatten die Bayern Nationalmannschaftskapitän und Bundesliga-Torschützenkönig Karl-Heinz Rummenigge 1984 für zwölf Millionen Mark an Inter Mailand verscherbelt.

Lothar Matthäus, der "Judas"

Dafür hatten sich die Münchner mit einem gewissen Lothar Matthäus verstärkt, der 1984 von Borussia Mönchengladbach geholt wurde.

In seinem letzten Spiel für die "Fohlen" im DFB-Pokalfinale gegen die Bayern, als sein Transfer nach München bereits feststand, verschoss Matthäus seinen Strafstoß im Elfmeterschießen und wurde fortan jahrelang als "Judas" auf dem Bökelberg gebrandmarkt. (HINTERGRUND: Vom hässlichen Entlein zum stolzen Schwan)

Kutzop verschießt Meister-Strafstoß

Zu den denkwürdigen Momenten der Bundesliga-Geschichte gehört auch jener Handelfmeter, der Werder Bremen am 22. April 1986 nach einem Handspiel von Bayern-Profi Sören Lerby im Strafraum zugesprochen wird.

Es ist die 88. Minute, trifft der SV Werder, sind die Hanseaten deutscher Meister. Kutzop gilt als nervenstark. Er läuft an, verlädt Bayern-Keeper Jean-Marie Pfaff, doch sein Schuss landet am rechten Pfosten.

Es bleibt beim 0:0. Am 34. Spieltag werden die Bremen mit Trainer Otto Rehhagel von den Bayern noch abgefangen und Zweiter ? aufgrund der schlechteren Tordifferenz.

"König Otto" regiert die Liga

1988 holte Rehhagel den Titelgewinn mit Bremen nach und verwies diesmal die Bayern auf Platz zwei. Zum Abschluss des dritten Bundesliga-Jahrzehnts war "König Otto" 1993 erneut mit Bremen Titelträger - wiederum vor den zweitplatzierten Bayern.

Bemerkenswert auch im Februar 1987 der Rauswurf von Nationaltorwart Toni Schumacher beim 1. FC Köln und der Nationalmannschaft. (HINTERGRUND: Auf der Suche nach Professionalismus)

Sein Buch "Anpfiff", in dem er Doping-Anschuldigungen erhob, bedeutete den Abpfiff für den "kölschen Tünn", der erst rund 25 Jahre später Frieden mit seinem FC schloss. Er wurde zum Vize-Präsidenten des "Geißbock"-Klubs gewählt.

Privatsender mischen mit

Und auch die Fernsehlandschaft verändert sich Ende der 80er-Jahre: ab Februar 1988 mischte in "RTL" erstmals ein Privatanbieter mit.

Die Sendung "Anpfiff" mit Moderator Ulli Potofski forderte zeitgleich die "ARD"-Sportschau heraus und hob sich vor allem dadurch vom Konkurrenten ab, dass sie teilweise drei Stunden dauerte.

Erstmals konnte die Bundesliga eine deutliche Steigerung bei den Erlösen der TV-Rechteeinnahmen erzielen.

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