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SPORT1-Reporter Reinhard Franke traf Michael Wiesinger (r.) zum Interview © getty

Nürnbergs neuer Trainer Michael Wiesinger spricht bei SPORT1 über seine "große Chance", Vorgänger Dieter Hecking und seinen Club.

Aus Nürnberg berichtet Reinhard Franke

Nürnberg - Liebe, Glaube, Leidenschaft.

Diese Worte sind an einer Wand am Trainingsgelände des 1. FC Nürnberg zu lesen.

Und sie könnten passender nicht sein für Michael Wiesinger und seinen Club (VEREINSSEITE: Alles zu den Klubs).

Nach dem plötzlichen Wechsel von Dieter Hecking zum VfL Wolfsburg wurde Wiesinger beinahe über Nacht der neue Cheftrainer in Nürnberg.

Als Spieler erlebte der ehemalige Bayern-Profi seine beste Zeit in Nürnberg, ab Donnerstag will er mit Beginn der Vorbereitung auf die Rückrunde als Trainer Erfolge mit seinem "Herzverein" feiern. (SERVICE: Winterfahrpläne der Bundesligisten)

Im SPORT1-Interview spricht Wiesinger über seine "große Chance", seinen Vorgänger Hecking, seine Liebe zum FCN, seinen Glauben an den Klassenerhalt - und verrät, wie groß seine Motivation ist. (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)

SPORT1: Herr Wiesinger, Sie wurden kurz vor Ihrem 40. Geburtstag Cheftrainer beim Club. Gab es ein schöneres Geburtstagsgeschenk?

Michael Wiesinger: Ich habe es nicht als Geschenk aufgefasst, weil so eine Entscheidung vom Verein auch nicht einfach so getroffen wird. Ich denke, dass ich das auch durch meine ehrliche Arbeit verdient habe. Der Zeitpunkt hat mit Weihnachten und meinem Geburtstag perfekt gepasst, aber es geht rein um das Sportliche. Ich wohne seit sechs Jahren in Nürnberg und von daher ist es schon ein Glücksfall, dass es jetzt passt.

SPORT1: Wie überraschend kam für Sie der Abschied von Dieter Hecking?

Wiesinger: Das war für viele überraschend. Ich bin seit anderthalb Jahren Trainer der U23 und hatte fast täglich mit Hecking zu tun. Es hat schon Spaß gemacht mit ihm. Natürlich ist es schade, dass er weg ist, aber so ist der Fußball. Der eine geht und der andere bekommt eine neue Chance. Ich habe mir vieles bei Dieter Hecking abgeguckt aus der Arbeit und aus den Gesprächen mit ihm.

SPORT1: Wie viel Hecking steckt in Wiesinger?

Wiesinger: Ich will keine Kopie sein. Ich bin Michael Wiesinger und habe meine eigenen Vorstellungen, was die Spielidee betrifft. Wie Dieter Hecking aber mit der Mannschaft umgegangen ist und es geschafft hat, im ganzen Verein einen Zusammenhalt vorzuleben, das hat mir imponiert. Ich möchte mich aber nicht mit ihm vergleichen, weil er schon ein paar Jahre mehr auf dem Buckel hat. Aber seine Philosophie hat mir gefallen.

SPORT1: Sie sollen sich selber ins Gespräch gebracht haben für den Trainerjob beim FCN.

Wiesinger: Was heißt ins Gespräch gebracht? Es gab eine Aussage von mir, als ich zu Martin Bader (FCN-Sport-Vorstand, Anm. d. Red.) sagte, dass ich mir das zutraue, weil ich die Mannschaft, den Verein und das ganze Umfeld kenne. Ich war nicht in der Position, mich da fordernd ins Gespräch zu bringen. Der Verein hat mir ein Signal gegeben und ich habe das Signal erwidert. Ich habe mich nicht in Stellung bringen wollen, sondern nur dokumentieren wollen, dass ich bereit bin. Diese Selbsteinschätzung steht mir auch zu.

SPORT1: Jetzt trainieren Sie erstmals einen Erstligisten. Keine Angst zu scheitern?

Wiesinger: Das darf nicht so sein. Ich bin absolut davon überzeugt, dass ich das schaffe. Ich setze eine ehrliche Arbeit um und glaube, dass ich eine natürliche Autorität besitze und damit habe ich bis jetzt gute Erfahrungen gemacht.

SPORT1: Warum ist der Club Ihr Verein?

Wiesinger: Ich bin hier Profi geworden, habe alle Facetten erlebt und es waren meine besten Jahre. Es gab auch Phasen in der Regionalliga, wo es nicht gut lief. Da merkst du, was hier für eine Tradition herrscht und was für ein Potenzial in dem Klub steckt. Ich weiß aber auch, was ich jetzt für eine Verantwortung habe. Die letzten drei Jahre unter Dieter Hecking war alles im ruhigen Fahrwasser und auch die Hinrunde war zufriedenstellend. Ich übernehme keine Mannschaft, die mit dem Rücken zur Wand steht. Ich bin mir der Stärke der Truppe bewusst.

SPORT1: Mit dem zwölf Jahre älteren Armin Reutershahn haben Sie die geballte Co-Trainer-Erfahrung an Ihrer Seite. Wie ist das Verhältnis?

Wiesinger: Das ist alles klar kommuniziert. Wir treten als Trainergespann auf und die finale Entscheidung treffe letztendlich ich. Es ist ja auch wichtig für die Spieler zu wissen, woran sie sind. Aber ich bin ein Team-Player und fühle mich sehr wohl in der Konstellation. Armin hat all die Jahre großes Fachwissen eingebracht und ich schätze ihn auch als Mensch. Zudem kennt er die Mannschaft gut, er war ja schon vor Hecking da.

SPORT1: Sie haben bei allen drei großen bayrischen Vereinen gespielt. Bei Bayern und 1860 lief es für Sie nicht gut, in Nürnberg waren Sie immer Stammspieler.

Wiesinger: Bei Bayern hatte ich Erfolg, habe aber als Ersatzspieler auch die andere Seite des Profifußballs gesehen, wenn man als Spieler nicht so zum Zug kommt oder nicht im Kader steht. Für meine jetzige Aufgabe waren diese Erfahrungen aber auch wichtig, um mich in die Spieler reinzudenken und zu wissen wie ein Spieler tickt, der hinten dran steht. Es war keine leichte Zeit bei Bayern und 1860, Nürnberg war schon meine schönste Zeit.

SPORT1: Wie ist der Trainer Wiesinger?

Wiesinger: Ich wurde vor vier Jahren in Ingolstadt von Thorsten Fink geholt und wurde von heute auf morgen U-23-Trainer, musste mich da freistrampeln und habe versucht meinen Weg zu finden. Ich möchte ein authentischer Trainer sein, der klare Entscheidungen trifft. Ich will mich nicht verbiegen, konsequent sein und ehrlich arbeiten. Bei mir soll ein gutes Klima herrschen, es gibt aber auch Grenzen. Mannschaftserfolg ist nur möglich, wenn sich jeder innerhalb dieser Grenzen so verhält, dass es akzeptabel ist.

SPORT1: Was werden Sie verändern?

Wiesinger: Man hat in Nürnberg unter Hecking einen erfolgreichen Weg eingeschlagen. Armin und ich wollen nicht alles verändern, sondern wollen den Weg weitergehen. Natürlich wird durch mich die eine oder andere neue Idee reinkommen, aber ich weiß auch, dass das Ganze solide dasteht. Ich kenne alles beim Club und habe eine Überzeugungskraft in mir, dass ich sage, wir schaffen das zusammen. Ich freue mich, wenn es losgeht.

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