In seiner Kolumne für Sport1.de kommentiert Ex-Nationaltorhüter Toni Schumacher das aktuelle Geschehen in der Bundesliga.

Miro Klose, der Bayern-Stürmer. Eigentlich ein eher eleganter, schneller Soft-Torjäger. Kein Wut-Bündel oder Treter.

Nach seinem Treffer zum 2:1 gegen Dortmund aber hämmert er mit beiden Händen gegen die Werbebande, schlägt mit der geballten Faust Löcher in die Luft.

Sein Gesicht: Anspannung pur. Mimik aus Eis, Brust raus.

Energie-Torschütze Rangelov: Sein Kopfball zum 1:0 gegen "Hörgeräte 96" hatte die Wucht eines Schusses.

Grund: Körperspannung, Kraft, Wille.

Oder KSC-Doppel-Jubler Freis: Sein Last-Minute-Sieg-Tor war kein Dusel, sondern das GEWOLLTE, GEKÄMPFTE Glück. Freis war mit jeder Faser seines Körpers auf Sieg programmiert. Das sah man, spürte man.

Siege können sprechen. Mit dem Körper.

Dieser 19. Spieltag war ein eindrucksvolles Beispiel dieser Körpersprache.

Die Tabelle ist eng. Keine Mannschaft, die vorneweg marschiert, düpiert, unerreichbar ist. Keine Mannschaft, die bereits jetzt schon für die Zweite Liga plant und auf dem Rasen urlaubt.

Alles ist immer möglich. Jeder kann jeden schlagen. Die Liga so scharf und schmal wie eine Rasierklinge. Da zählt die Psychologie, der Eindruck, den man auf den Gegenspieler macht.

Bei Bayern gegen Dortmund hat man nach dem 0:1-Schock durch Valdez sofort gefühlt: der Meister wird antworten, Gas geben, fighten. Verlieren verboten.

Dieses Gen haben die Bayern seit Jahren gezüchtet. Und ernten daher immer wieder die berühmten Bayern-Punkte. In letzter Minute, Sekunde. Massel nennen das viele. Ich nenne es den Triumph einer Erziehung, einer eigenen Kultur.

Es ist die Lehre des Uli Hoeneß.

Ich habe die Bayern-Spieler der letzten 20 Jahre nicht gezählt, aber nur ganz wenige sind aus München als Loser gegangen, als Weichei und Bayern-untauglich abgestempelt worden. Wer beim Deutschen Fußball-Branchenführer unterschreibt, verpflichtet sich dem Erfolg.

Und geht sehenden Auges in das Leben als Feindbild: Man wird ausgepfiffen, ausgelacht, angespuckt. Die Fremde hofft auf Pleiten, Fehlpässen, Blamagen. Schlechte Leistungen werden medial zur Lebenskrise, eine Niederlage im Bayern-Trikot ist wie ein kleiner Tod.

Und wenn dann auch noch ein Emporkömmling wie Hoffenheim am Nervenkostüm kratzt, werden die Serien-Sieger und Meister-Sammler von der Isar giftig.

Das ist nun unter Jürgen Klinsmann so. Das war so, seit ich Fußball denken, erinnern und atmen kann. Bayern züchtet Charaktere.

Und deshalb glaube ich, dass der Dortmund-Sieg ein Signal an die unerschütterlichen Hoffenheimer war. Und an alle anderen auch.

Aber ich habe auch den Gegenentwurf zum mit Adrenalin aufgepumpten Triumphator gesehen: In Schalke, beim 1:0-Gezittere gegen Werder. Auf beiden Seiten Verunsicherung pur.

Mummlos, wutlos, mutlos.

Standards die im Fuß des Gegners landen, Eckbälle wie beim Torwarttraining. Da müssen gleich zwei komplette Mannschaften auf die berühmte Couch.

S04 und Werder wirken zerbrochen am eigenen Anspruch. Kein Feuer, keine Leitfigur, abgespulte Hilflosigkeit.

Oder der HSV: Ein wirklich gute Mannschaft, ein toller Mix an Spielern.

Aber immer, wenn sich der große Traditionsklub etwas aufgebaut hat mit einer Serie oder einem Sieg gegen den FC Bayern - dann kippt man sich selbst wieder um. So wie jetzt in Karlsruhe. Da wird das Selbstbewusstsein, der Glaube an die eigene Stärke, Klasse in der entscheidenden Sekunde zur Fahrlässigkeit und zur Arroganz.

Ich weiß natürlich, dass jetzt wieder viele Kommentare kommen, die mich als Bayern-Fan beschimpfen werden. Ich lese nämlich immer alle Antworten?

Bin ich nicht. Ich bin ein Fan des gelebten Fußballs. Klub, Farbe oder Trikot interessieren mich nicht. Ich liebe Spieler, denen man ansieht, dass sie ihren Beruf lieben und leben. Und in ganz vielen Momenten dieses Sports, dem ich ALLES zu verdanken habe, entscheidet nun mal der Wille zum Sieg.

Den habe ich am 19. Spieltag genossen...

Bis nächste Woche

Euer Toni Schumacher

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