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Uwe Seeler (l.) wurde mit dem HSV 1960 Deutscher Meister © imago

Nach dem Wechsel seines Enkels zu Bayer Leverkusen lässt HSV-Ikone Seeler bei SPORT1 kein gutes Haar am Klub seines Herzens.

Von Tom Vaagt

München/Hamburg - Blut ist tatsächlich dicker als Wasser - auch bei Uwe Seeler. Nach dem angekündigten Wechsel seines Enkels Levin Öztunali zu Bayer Leverkusen rechnet die Ikone des Hamburger SV gnadenlos mit dem Klub seines Herzens ab.

"Ich werde immer HSVer bleiben. Aber das ist nicht mehr der HSV, den ich kenne", sagte der 76-Jährige im Gespräch mit SPORT1: "Wie das alles gelaufen ist, ist nicht glücklich. Ich stehe voll hinter Levins Entscheidung. Die hat mit Geld nichts zu tun, sonst hätte er zu den Bayern gehen müssen."

"Das ist armselig"

Auch der deutsche Rekordmeister hatte sich um die Dienste des 16 Jahre alte Mittelfeldspielers bemüht. Am Ende erhielt jedoch Bayer den Zuschlag. Nach Ablauf seines Kontraktes in Hamburg steht der Teenager ab kommenden Sommer bei Bayer unter Vertrag. Der Mittelfeldspieler unterschrieb in Leverkusen bis 2018.

Bitter für Seeler, der dem HSV jedoch nicht nur mangelndes Bemühen im Ringen um seinen Enkel vorwirft. "Der HSV hat ihm per Vorstandsbeschluss mitgeteilt, dass er bis zum Ende der Saison nicht mehr spielen und trainieren darf. Das ist armselig vom Verein und schlimm für den Jungen", sagte der DFB-Ehrenspielführer.

Öztunali beim HSV degradiert

Die Hamburger wollten von einer derartigen Entscheidung jedoch nichts wissen. "Levin Öztunali ist nicht suspendiert. Er wird bei der U 17 mittrainieren", sagte Vorstandschef Carl-Edgar Jarchow am Sonntag im Volkswagen Doppelpass: "Ob er spielt oder nicht, entscheiden dann die Trainer."

Eine Degradierung ist dies für Öztunali jedoch allemal: Trotz seines jungen Alters war er zuletzt bereits in Hamburgs U 19 befördert worden.

Jarchow spricht von Top-Angebot für Youngster

Seeler kontert: "Jetzt will zu dieser Entscheidung niemand stehen. Man wird sehen, wie es weitergeht." Jarchow gab sich gelassen und betonte: "Wir haben im Rahmen unserer Möglichkeiten alles versucht, um den Spieler bei uns zu halten."

So habe Öztunali die bestdotierte Offerte für einen Jugendspieler in der Vereinsgeschichte erhalten. Die Rede ist von 800.000 Euro für drei Jahre. "Zudem hat ihm Trainer Thorsten Fink eine Perspektive aufgezeigt", sagte Jarchow.

"Es geht um Seele des Vereins"

Seeler wirkt vom HSV dennoch zunehmend genervt. Nach den sportlichen und wirtschaftlichen Turbulenzen der vergangenen Jahre ist er von den Entwicklungen im Verein nun auch persönlich betroffen. In Juniorennationalspieler Öztunali verlässt nicht nur ein Top-Talent den HSV. Es geht auch ein Stück Seeler.

"Wenn man von Tradition redet, muss man sie auch leben. Es kann nicht nur allein um Berufsfußball gehen. Es geht auch um die Seele des Vereins", sagte Seeler: "Jeder macht Fehler, aber man darf nicht zehn Jahre lang den gleichen Fehler machen. Es verlassen einfach zu viele Talente den HSV."

HSV vor weiterem Millionen-Minus

Aus dem derzeitigen Stamm der Hamburger entstammt einzig Torjäger Heung-Min Son der eigenen Jugend. Der zuvor an Fortuna Düsseldorf ausgeliehene Maximilian Beister ist zwar dabei, aber nicht immer mittendrin. Und Zhi Gin Lam steht schon seit einer gefühlten Ewigkeit auf dem Sprung zu einer wichtigeren Rolle im Kader.

Dabei wäre eine erfolgreiche Nachwuchsförderung für den finanziell angeschlagenen Klub auch aus wirtschaftlicher Sicht wichtig. Im Winter schlug die Verkleinerung des teuren Aufgebots fehl. Ein weiteres Millionen-Minus droht.

Jarchow hofft auf neuen Vertrag für Son

Vom bevorstehenden Verkauf des kickenden "Tafelsilbers" will Jarchow aber nichts wissen. Stattdessen wolle man den noch bis 2014 gebundenen Son sogar schnell mit einem neuen Vertrag ausstatten.

Ein Verkauf des Südkoreaners sei zwar eine "theoretische Option", gestand Jarchow bei SPORT1: "Aber es wäre für die Entwicklung dieser Mannschaft ein Rückschritt. Ich gehe davon aus, dass wir den Vertrag kurzfristig mit ihm verlängern werden."

Neuen fehlt das Seeler-Gen

Zudem treibt der HSV die Entwicklung des vereinseigenen Campus-Projektes zur Nachwuchsförderung voran, hielt den von vielen Klubs umworbenen Youngster Jonathan Tah in Hamburg und verpflichtete für die kommende Saison bereits die Talente Hakan Calhanoglu (Karlsruher SC) und Kerem Demirbay (Borussia Dortmund).

Hochveranlagte Spieler - mit einem Defizit: Ihnen fehlt das Seeler-Gen.