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Huub Stevens (l., mit Thon) war von 1996 bis 2002 und 2011/2012 Trainer auf Schalke © getty

Alle Königsblauen waren 2000/2001 im siebten Himmel - wenn auch nur für einen kurzen Moment. Doch am Ende jubelten die Bayern.

Von Rainer Kalb

München - Überaus turbulent ging es im vierten Jahrzehnt der Bundesliga-Geschichte zu. (DATENCENTER: Die Bundesliga)

Alles übertrafen allerdings die Vorkommnisse am letzten Spieltag der Saison 2000/2001, als sich Schalke 04 fünf Minuten lang als Deutscher Meister feiern ließ und am Ende doch mit leeren Händen dastand.

Die Bilder vom jubelnden Schalke-Manager Rudi Assauer, der ebenso wie Zehntausende S04-Fans der Fehlinformation eines Fernsehreporters aufsaß und schon den scheinbar sicheren Titelgewinn überschwänglich bejubelte, sind ein fester Bestandteil der Bundesliga-Historie.

Entsetzte Gesichter auf Schalke

Genauso die entsetzten Gesichter auf Schalke, als das Live-Bild vom Parallelspiel zwischen dem Hamburger SV und Bayern München eingeblendet wurde und dort eben nicht beim Stand von 1:0 für den HSV abgepfiffen worden war.

Der schwedische Innenverteidiger der Bayern, Patrik Andersson, drosch in der Nachspielzeit einen indirekten Freistoß zum 1:1 ins Hamburger Tor und stürzte die königsblaue Fußballseele damit in ein Tal der Tränen.

Die achte deutsche Meisterschaft und die erste nach dem letzten Titelgewinn 1958 löste sich innerhalb von fünf Minuten in Luft auf.

Bessere Karten für Bayern

Vor dem Spieltag war klar, dass die Bayern natürlich die besseren Karten am finalen Bundesliga-Spieltag haben würden - trotz des Auswärtsspiels in Hamburg. (HINTERGRUND: Goldene Generation prägt das zweite Jahrzehnt)

Zeitgleich musste Schalke, drei Punkte dahinter als Tabellenzweiter platziert, aber mit der besseren Tordifferenz ausgestattet, gegen Absteiger SpVgg Unterhaching einen Pflichtsieg einfahren.

Aber die Schalker brauchten halt die Schützenhilfe des HSV. Bis zur 90. Minute stand es an der Elbe torlos, Schalke half somit das 5:3 nach 0:2 gegen die Hachinger nichts.

Barabrez trifft urplötzlich

Doch dann traf urplötzlich Sergej Barbarez per Kopf zum 1:0 für die Norddeutschen, damit war Schalke Champion - sollte es dabei bleiben.

Das Spiel auf Schalke war mittlerweile abgepfiffen, als die verhängnisvolle Information ihren Weg zu Assauer fand. Dieser ballte die Faust, bejubelte das scheinbare Ende der 43 Jahre währenden Titellosigkeit der Knappen.

Doch Stumpen-Rudi wurde ganz schnell von der Realität eingeholt, denn plötzlich hieß es: "In Hamburg wird noch gespielt!"

Kaum zu überbietende Dramatik

Und was sich in der Hansestadt abspielte, war dann auch kaum an Dramatik zu überbieten.

Denn dort entschied Schiedsrichter Markus Merk (Kaiserslautern) in der fünften Minute der Nachspielzeit nach einem Rückpass des Tschechen Tomas Ujfalusi auf HSV-Keeper Mathias Schober, einem Ex-Schalker, auf indirekten Freistoß für die Bayern.

Ein letzter Schuss, ein letzter Versuch, die Schale doch nach München zu holen?

Ausgerechnet der ehemalige Gladbacher Andersson, der zuvor noch keinen Treffer für die Bayern erzielt hatte, trat zur Freistoß-Exekution an.

Grenzenloser Jubel

Der Skandinavier fand aber die Lücke in der HSV-Mauer und traf zum 1:1. Grenzenloser Jubel aufseiten der Bayern, Torwart Oliver Kahn lief zur Eckfahne, riss diese heraus und wälzte sich wie ein kleines Kind im Sandkasten auf dem Rasen.

Auf Schalke dagegen das konträre Bild. Innerhalb eines Augenblicks erstarb der Jubel, Entsetzen und Fassungslosigkeit machten sich breit.

"Wenn der Fußball-Gott gerecht gewesen wäre, wäre Schalke Meister geworden", äußerte Assauer niedergeschlagen und mit Tränen in den Augen.

Mehr als der Titel "Meister der Herzen" blieb S04 nicht. 4:38 Minuten schwankte Schalke an jenem 19. Mai 2001 zwischen Himmel und Hölle.

Der Fall Daum

Und noch einen Paukenschlag gab es in jener Saison. Aus Christoph Daum, Chefcoach von Bayer Leverkusen, wurde der Um-ein-Haar-Bundestrainer.

Der eloquente Fußballlehrer, der sich heftige Scharmützel mit dem damaligen Bayern-Manager Uli Hoeneß geliefert hatte, wurde eine selbst in Auftrag gegebene Haarprobe am 20. Oktober 2000 zum Verhängnis.

Das positive Ergebnis auf Kokain kostete Daum nicht nur den Job bei Bayer, sondern auch die Berufung zum Bundestrainer. Der damalige DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder wollte Daum nach dem EM-Desaster 2000 in Belgien und den Niederlanden (Vorrunden-Aus) zum neuen Chefcoach im Bereich des Deutschen Fußball-Bundes machen.

Pustekuchen! Daum floh nach Florida, um dann Anfang Januar 2001 auf einer denkwürdigen Pressekonferenz seinen Drogenkonsum frank und frei einzugestehen. Uli Hoeneß hatte mit seiner Skepsis Daum gegenüber also Recht gehabt.

Dynamo Dresden schreibt Geschichte

Zu Beginn der Dekade hatte Dynamo Dresden Bundesliga-Geschichte geschrieben. (HINTERGRUND: Wiedervereinigung - auch im deutschen Fußball)

Trotz eines Vier-Punkte-Abzugs schafften die Sachsen erneut den Klassenerhalt, während der VfB Leipzig 1994 den Gang in die Zweitklassigkeit nicht abwenden konnte.

Bermerkenswert in den 90er Jahren war die zweifache deutsche Meisterschaft von Borussia Dortmund. Nach 32 Jahren Pause holte der BVB wieder den Titel an den Borsigplatz.

Hitzfeld und Sammer Garanten für Triumphe

Trainer Ottmar Hitzfeld und Mittelfeldstar Matthias Sammer waren die Garanten für die Triumphe der Schwarz-Gelben 1995 und 1996. Zwei Jahre später sorgte Otto Rehhagel für eine der größten Sensationen in der Bundesliga-Historie.

Der Erfolgstrainer führte Aufsteiger 1. FC Kaiserslautern zur Meisterschaft. In der gleichen Saison 1997/98 verabschiedete sich im ersten Bundesliga-Champion 1. FC Köln eines der Gründungsmitglieder erstmals aus der höchsten deutschen Spielklasse.

Lattek Retter in höchster Not

Als erster Meister im neuen Millennium durfte sich Rekord-Titelträger Bayern München feiern lassen. Und 2000 führte Trainer-Ikone Udo Lattek (damals 65) die Borussia aus Dortmund als Retter in höchster Not zum Klassenerhalt. (HINTERGRUND: Vom hässlichen Entlein zum stolzen Schwan)

Als Assistent stand Lattek damals ein gewisser Matthias Sammer zur Seite. Der Rotschopf aus Dresden avancierte wiederum zwei Jahre später (2002) zum jüngsten Meistertrainer (damals 34 Lenze) aller Zeiten.

Und das vierte Bundesliga-Jahrzehnte endete 2003 wie es 1994 begonnen hatte: mit dem Titelgewinn für den FC Bayern.