vergrößernverkleinern
Geknickte Gestalten: Heiko Westermann (l.) und Jefferson Farfan © getty

Nach der Pleite in Bochum herrscht bei Schalke Erklärungsnotstand - und die Rufe nach personellen Konsequenzen werden lauter.

Von Martin Hoffmann

München/Bochum - Was wäre das für ein Heldenstück gewesen:

Kevin Kuranyi, unter der Woche noch Opfer eines Hackers, der auf der Schalker Homepage eine gefälschte Entlassungsmeldung platzierte (Königsblaue PR-Offensive) - und dann im Spiel darauf der gefeierte Siegtorschütze.

Bis kurz vor dem Halbzeitpfiff lief das Revierderby beim VfL Bochum auch genau nach diesem Drehbuch.

Doch am Ende trat Kuranyi nicht als strahlender Held vor die Reporter, sondern als ratloser Tropf.

"Vielleicht fehlt Qualität"

Und dieser ratlose Tropf musste dann irgendeine Erklärung dafür finden, wieso ein eigentlich so gut besetztes Team wie das seinige es nicht schaffte, eine 1:0-Führung gegen einen personell gebeutelten Abstiegskandidaten über die Zeit zu bringen (Spielbericht).

"Wir haben nicht geschafft nachzulegen, ich kann nicht genau sagen warum", sagte er.

Um dann doch zumindest eine Theorie vorzulegen: "Vielleicht fehlt die Qualität."

Illustre Offensive scheitert an Not-Abwehr

Eine ernüchternde Erkenntnis, wenn man sich anschaut, wer da für Schalke auf dem Platz stand.

Kuranyi, Gerald Asamoah, Halil Altintop, Jefferson Farfan, Ivan Rakitic. Eine illustre Offensivbesetzung bot Coach Fred Rutten auf - gegen eine Bochumer Not-Abwehr.

Der VfL musste sein etabliertes Innenverteidiger-Duo ersetzen, nachdem sich sowohl Marcel Maltritz als auch Anthar Yahia in Wolfsburg verletzt hatten.

Hilfe von Fernandes

Auf dem Papier sah das nach einer klaren Sache aus - doch es bleibt das chronische Problem der Schalker, dass sie ihr papierenes Potenzial schlicht nicht ausschöpfen.

Selbst bei ihrem Führungstor brauchten sie die gütige Mithilfe von Bochums Keeper Daniel Fernandes, der Kuranyi den Ball bei der unglücklichen Abwehr eines Altintop-Schusses vor die Füße klatschte.

Verdient war die Führung zu dem Zeitpunkt für die aktiveren Schalker dennoch. Doch beim Versuch, den Vorsprung zu verwalten, drifteten sie in eine Passivität ab, die sie sich gegen die kämpferischen Bochumer nicht leisten konnten.

Planlosigkeit statt Sachlichkeit

Und nach dem 1:1 durch den Kunstschuss des Ex-Schalkers Mimoun Azaouagh kurz vor der Halbzeit musste Rutten gar eine Tendenz zur Planlosigkeit erkennen.

"Es wurde vergessen, worum es eigentlich geht: um Sachlichkeit", kritisierte er: "Man muss einen kühlen Kopf bewahren."

Stattdessen hatte Rutten am Ende "Kopfschmerzen", nachdem Bochums Christoph Dabrowski auch noch das Siegtor geschossen hatte: "Nach so einem Spiel mit null Punkten dazustehen, tut weh."

Übersehene Tätlichkeit

Selbst vom Verletzungspech geplagt und mit so vielen Offensivspielern in der Startelf hatte Rutten kaum noch eine Möglichkeit, um nach dem 1:2 noch mit einem Gewinn bringenden Wechsel zu reagieren.

So brachte er notgedrungen Verteidiger Christian Pander für den offensiven Rakitic. Hätte der Abwehrmann am Ende seinen Freistoß in der 89. Minute ins Tor statt an den Pfosten gesteuert - es wäre noch eine irrwitzige Pointe gewesen.

Schalke hatte außerdem noch Glück, dass Schiedsrichter Knut Kircher einen Armeinsatz von Rafinha gegen Stanislaw Sestak im S04-Strafraum nicht als Tätlichkeit wertete - eine Fehlentscheidung, wie er hinterher zugab.

Bochumer "Überlebenszeichen"

Die Freude der Bochumer, die in der Rückrunde schon jetzt einen Heimsieg mehr auf den Konto haben als in der gesamten Hinserie, konnte das falsche Urteil aber nicht trüben.

"Heute war das auch eine kleine Trotzreaktion", freute sich Siegtorschütze und Ersatzkapitän Christoph Dabrowski: "Für die vielen, die uns totgesagt haben, haben wir ein Überlebenszeichen gesetzt."

Durch den dritten Dreier im eigenen Stadion hat der VfL nun die Abstiegsplätze wieder verlassen - und dürfte auch einige Anhänger mit dem zuletzt in die Kritik geratenen Coach Marcel Koller versöhnt haben.

"Keine personellen Konsequenzen"

Bei den Schalker Fans konzentriert sich der Unmut bekanntlich auf Sportdirektor Andreas Müller, der sich auch diesmal wieder laute "Müller-raus"-Rufe anhören musste.

Seine Meinung dazu behielt Müller für sich, er hielt seinen selbst auferlegten Interview-Boykott aufrecht.

An seiner Stelle antwortete Vorstandsmitglied Peter Peters den Medien - und garantierte Müller und auch Rutten einmal mehr Jobsicherheit: "Es wird keine personellen Konsequenzen geben."

Ob die Linie immer noch gilt, wenn am Freitag auch das große Derby gegen Dortmund verlorengeht, ist eine andere Frage.

Zum Forum - hier mitdiskutieren!Zurück zur Startseite

teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel