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Gelöste Stimmung: Hertha feiert den Sieg gegen die Bayern wie einen Titel © getty

Zum ersten Mal überhaupt erobert Hertha in einer Rückrunde die Tabellenspitze und versetzt den Bayern einen weiteren Rückschlag.

Von Tobias Schneider und Andreas Ziepa

Berlin/München - Lucien Favre rang nach Spielende um Fassung.

Dem sonst so kühlen Schweizer huschte ein Lächeln über das Gesicht, im nächsten Moment schüttelte er ungläubig den Kopf und zeigte mit dem Finger in das noch immer prall gefüllte Rund des Berliner Olympiastadions.

Nicht nur für die Fans von Hertha BSC bedeutete der 2:1-Sieg über den FC Bayern einen Feiertag wie Ostern und Weihnachten zusammen.

"Das ist phantastisch, das ist phantastisch. Heute ist der schönste Tag, seitdem ich bei Hertha bin", jubelte der Coach.

Durch durch den Doppelpack von Matchwinner Andrej Voronin (zum Spielbericht) hat Hertha BSC am 20. Spieltag die Tabellenführung in der Bundesliga übernommen.

Katzenjammer bei Bayern

Gleichzeitig war es die erste Niederlage des Rekordmeister gegen den Hauptstadt-Klub seit 14 Partien.

Während sich die Berliner Anhänger beim Blick auf die Tabelle verwundert die Augen reiben, ist der Katzenjammer bei den Münchnern groß. (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)

Mit einem Sieg wollten die Bayern endlich zum ersten Mal in dieser Spielzeit die Tabellenführung übernehmen. Pustekuchen.

"Wir sind sehr enttäuscht und verärgert, dass es mit der Tabellenführung nicht geklappt hat", sagte der sichtlich genervte Jürgen Klinsmann. "Die Jungs sitzen in der Kabine und sagen: Mensch, das gibt es doch nicht."

Gibt es sehr wohl.

Denn über die gesamte Spieldauer agierte die Hertha schlicht cleverer und konterte die Bayern eiskalt aus.

Einfallslose Offensive

Nicht eine Torchance erarbeiteten sich die Gäste im ersten Durchgang, nach Wiederbeginn verzweifelten die Gäste am überragend haltenden Jaroslav Drobny.

Im Sturm der Bayern blieb Miroslav Klose bis auf den 1:1-Ausgleich blass, der nach 35 Minuten für Luca Toni (Achillessehnenprobleme) ins Spiel gekommene Landon Donovan konnte ebenfalls kaum Impulse setzen.

So rächte es sich, dass Klinsmann den wiedergenesenen Lukas Podolski in München gelassen hatte.

Den Bayern fehlt die Durchschlagskraft, auch wenn der Coach dies nicht explizit an den Stürmern festmachen wollte: "Es hat hier und da der entscheidende Funke gefehlt, um das Tor zu machen."

Ribery kommt nicht zur Entfaltung

Denn auch das Mittelfeld entwickelte zu wenig Druck, Franck Ribery wurde durch aggressive Tacklings nahezu komplett aus dem Spiel genommen.

Das Problem: Kann sich Kreativspieler Ribery nicht entfalten, gerät das Offensivspiel des Rekordmeister fast immer ins Stocken.

Zudem leistete sich die Defensive bei den Gegentoren haarsträubende Schnitzer, insbesondere Christian Lell erwischte einen rabenschwarzen Tag.

Meisterschaft weiter im FCB-Visier

Trotz der zweiten Pleite nach der Winterpause hat Bayern-Manager Uli Hoeneß die Meisterschale aber noch immer fest im Visier, etwas anderes kommt für den "Bayern-Macher" ohnehin nicht in Frage:

"Hertha ist jetzt eine Mannschaft, die um den Titel mitspielen kann", meinte er zwar, fügte jedoch rasch hinzu:

"Ich finde nicht, dass sich unsere Ausgangsposition sehr verschlechtert hat, denn die anderen haben auch nicht unbedingt so gespielt, dass man Angst haben müsste."

Statt einen Punkt auf Hoffenheim, muss der FC Bayern nun eben zwei Punkte auf die Hertha aufholen.

Novum für Hertha

In Berlin kannte die Begeisterung derweil kaum Grenzen. Durch die Eroberung der Tabellenspitze sorgten Hertha für eine Premiere in ihrer Vereinsgeschichte.

Noch nie thronte der Klub in einer Rückrunde auf dem ersten Platz. Letztmals hatten die Berliner die Tabellenführung im Oktober 2006 inne, damals war es aber erst der 6. Spieltag.

Doch Spieler, Trainer und Verantwortliche schätzen die Situation realistisch ein - ernsthaft redet von der Meisterschaft niemand. Noch nicht.

"Wir werden unser gestecktes Ziel, den UEFA-Cup, erreichen", meinte Hertha-Manager Dieter Hoeneß, hielt sich aber noch ein "Hintertürchen" offen:

"Wenn am Ende mehr bei rauskommen sollte, würden wir uns natürlich nicht dagegen wehren. Wir schätzen die Situation aber realistisch ein."

Mittelfeldmann Maximilian Nicu schlug in die gleiche Kerbe. "Wir dürfen diese Tabellenführung nicht überbewerten. Es sind noch 14 Spiele zu absolvieren. Das ist eine Menge."

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