Für Sport1.de schreibt der ehemalige Nationaltorhüter Toni Schumacher exklusiv über das Geschehen in der Bundesliga.

Abpfiff für die ersten 90 Minuten der Saison 2008/09: 29 Tore und eine Doppelspitze an der Tabelle: Schalke 04 und 1899 Hoffenheim!

Königsblau oben - das wirkt nicht wirklich außergewöhnlich. Aber der Aufsteiger, der Durchmarschierer aus der Regionalliga für ein paar Tage auf einem statistischen Champions-League-Platz - das ist für mich ein Zeichen, eine sportliche Aussage.

Weil Hoffenheim als Aufsteiger erst einmal völlig natürlich "nur" um den Klassenerhalt spielen will. Und auch wird.

Ebenso wie Energie Cottbus, der sympathische Kampf-Klub aus dem Osten, der jedes Jahr mit eingeschränkten Mitteln und jeder Menge Willen ums pure Überleben in der Elite-Liga fightet.

Die souveräne Art und Weise wie Hoffenheim den direkten Konkurrenten auf Distanz hielt und die ersten drei Bundesliga-Punkte der Vereinsgeschichte einsackte, lässt auch schon nach Tag 1 der neuen Spielzeit ahnen: 1899 ist ein ECHTER Bundesligist und nicht nur zu Besuch hier.

Da man auf der neuen Sport1.de-Webseite ja nun auch noch interaktiver ist, wird dieser Kommentar von mir wahrscheinlich von den Lesern wieder unter den Floskeln der Woche eingestuft und ruft die Kritiker des Klubs von Dietmar Hopp auf den Plan, der mit seinem Reichtum sein kleines 1899 in den großen Fußball befördert hat.

Ein mit Geld gebauter Plastik-Klub eben - Pfui Teufel?

Eben nicht.

In Hoffenheim gibt es schon länger Geldspritzen, hat mal ein Hansi Flick als Trainer sehr erfolgreich mit einem Top-Kader in der Regionalliga gespielt und regelmäßig ein paar Bundesligisten aus dem Pokal geworfen. Doch zum Sprung ganz nach oben reichte es eben nicht.

Bis Herr Hopp die totale Konsequenz formulierte und neben den Spielern auch noch das komplette Umfeld auf Bundesliga plante: Stadionbau, Management, Vermarktung, Trainerstab. 1899 ist nicht nur auf dem Rasen bereit für den Klassenerhalt, sondern auch jenseits der Seitenlinie.

Und blinder Kommerz ist Hopps "Spielzeug" auch nicht: Die B-Junioren sind Deutscher Meister. Also, als Momentaufnahme ein Glückwunsch und Willkommen an die 1899 Hoffenheim in der Bundesliga.

Wir werden uns daran gewöhnen und es kommen auch Tage, an denen es mal einen Rückschlag gibt, aber langfristig wird Hoffenheim ein Bundesliga-Dorf sein.

WEIL MAN SEINEN ANSPRUCH LAUT AUSSPRICHT UND SICH DARAN MESSEN LÄSST.

Deshalb müsste man den FC Bayern auch erfinden, wenn es ihn nicht schon gäbe. Weil Erfolgsdenken bis zur Selbstzerfleischung gelebt wird und nach dem 2:2 gegen den HSV schon ganz München zweifelt.

An Klinsmann, an dessen System. Jammert über die verletzten Super-Stars Franck Ribery und Luca Toni. Weil ein Punkt zum Start zu wenig ist.

Diese Denke schätze ich. Die empfinde ich als vorbildlich. Und deshalb wundern mich Auftritte und Analysen von Klubs wie Hannover 96.

Seit Jahren will man dort MEHR als nur Mittelmaß sein. Will in den Uefa-Cup, will mitmischen mit den Großen. Und das Potenzial ist auch vorhanden!

Aber warum kommen dann nach wochenlanger Vorbereitung und Konzentration auf den Start solch ein unorganisierter, mummloser Kick und eine herbe Pleite dabei raus?

Warum glaubt man in Gladbach allein an die Kraft der Euphorie? Und ist dann über die 1:3-Klatsche total schockiert?

In Frankfurt liegen alle nach dem 0:2 gegen Hertha im Depressiv-Koma.

Was ich MEINE: Hoffenheim wird erfolgreich sein, die Bayern, Schalke, der VfL Wolfsburg, oder selbst ein FC Ingolstadt in der Zweiten Liga - weil man den totalen Erfolg will und daran arbeitet. Und nicht nur von Woche zu Woche denkt und ein Sieg mal Luft verschafft für ein paar Stunden.

Deshalb, liebe Hertha-Fans: Ich würde gerne eine selbstbewusste, erfolgreiche Hertha sehen. Denn eigentlich ist dieser Klub der natürliche Gegenpol zum FC Bayern. Doch ein konsequentes Konzept habe ich den letzten Jahren nicht erkannt. Genießt also den guten Start.

Ich freue mich schon jetzt aus Spieltag 2!

Herzlichen Gruß

Toni Schumacher.

teilentwitternE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel