In seiner Kolumne für Sport1.de kommentiert Ex-Nationaltorhüter Toni Schumacher das aktuelle Geschehen in der Bundesliga.

Ich bin Vielflieger. Meistens mit der Lufthansa beruflich unterwegs.

Und damit in einer Hinsicht im Vorteil: Ich kannte den Namen Logan Bailly aus dem LH-Bordmagazin lange bevor er in die Bundesliga hechtete.

Immer wieder beim Blättern hängen geblieben. Als Werbefigur - für einen Schuh-Hersteller.

Nur: Erkannt habe ich den neuen Gladbacher Torwart bei seinem ersten Borussia-Einsatz nicht - weil er als Schuh-Modell noch streichholz-kurze Haare trug.

Spätestens seit dem Mega-Auftritt in Bremen gebe ich zu: Dieser Kerl ist eine Wucht.

Was sich schon beim 1:1 gegen Hoffenheim andeutete, hat sich im Weserstadion eindrucksvoll bewahrheitet: Enke und Neuer hin, Adler und Wiese her - Bailly ist für mich ganz spontan die Nummer eins der Liga in Sachen Zukunft. Nur hat er leider keinen deutschen Pass.

Seine Statur: Muskulös, aber drahtig, beweglich. Seine Ausstrahlung: Selbstbewusst bis in die Haarspitzen. Sensationelle Reflexe. Und: Bailly ist schnell, steht unter enormer positiver Spannung.

Seine Körpersprache: Souveräner Ehrgeiz.

Eigentlich bin ich ein gefühlter Gegner von Winter-Transfers. Schnee-Schnäppchen, die im Sommer schon an Glanz und Gloria verloren haben. Aber mit Bailly hat Gladbach einen echten Glücksgriff getan.

Ich kenne den Vertrag zwischen der Borussia und Bailly nicht. Aber: Sollte Gladbach am Ende nicht genügend Punkte haben für die erste Liga, darf dieser Torwart nicht in Liga zwei abtauchen.

Und ich bin mir sicher: Wird er auch nicht. Denn jeder Klub, der ein Problem zwischen den Pfosten ahnt: Bailly ist DIE Lösung.

Auch wenn es Uli Hoeneß nicht hören (oder lesen) möchte: Bailly statt Rensing wäre eine Variante für die Dreifach-Belastung in Sachen Pokale-in-die-Vitrine-Holen.

Oder Köln. Mondragon ist sicher keine Langfrist-Besetzung mehr. Und Belgien ist vom Dom nur eine Autostunde entfernt.

Oder: Stuttgart. Oder, oder... Logan Bailly - an diesem Namen kommen wir ganz sicher nicht mehr vorbei.

Und noch ein Bundesliga-Mann hat mich begeistert: Lucien Favre, Trainer des neuen Tabellenführers: Den Sieg gegen Bayern kommentierte er so nüchtern wie er arbeitet.

Der Schweizer hat aus der Diva Hertha eine effektive Truppe gebastelt, die fightet und nicht aufgibt.

Favre - das ist keine Show an der Seitenlinie, sondern geplante, ausgefeilte Wucht. Hertha spielt das, was die Mannschaft kann.

Der Stellvertreter der Berliner Situation: Andrej Voronin. Läuft und rackert für die Gemeinschaft, trifft im richtigen Moment. Ist sich für nichts zu schade, malocht in der Defensive.

Der Leihstürmer aus Liverpool lebt im hier und jetzt. Berlin ist heute, was morgen kommen kann - dafür ist Voronin selbst verantwortlich.

So denkt die Hauptstadt, so arbeitet Favre. Das Ganze erinnert mich ein wenig an den VfB Stuttgart vor zwei Jahren. Keiner hatte den späteren Meister so wirklich auf den Zettel. Doch am Ende siegte die sachliche Konstanz.

Wenn Berlin jetzt nach dem Triumph über den Meister nicht überschnappt, geht da was.

Weil Favre im einstigen Chaos die Nerven behalten hat. Das funktioniert nur dann, wenn die Mannschaft spürt, dass der Trainer fair und erfolgorientiert ist. Die Profis wissen nun: Das System Favre ist erfolgreich. Dieses Wissen macht Berlin nun janz jefährlich...

Und noch eine Einschätzung möchte ich den Lesern meiner Kolumne nicht schuldig bleiben: Nämlich wie ich den Transfer von Lukas Podolski zurück nach Köln bewerte.

Ich lebe in Köln und werde täglich mit der Euphorie um dieses Eigengewächs konfrontiert. Deshalb freue ich mich als Kölner, für die Fans und den Klub.

Aber Bauchschmerzen habe ich schon, wenn ein junger Mann nach nur zwei Jahren München "endlich nach Hause" kommt und man den Eindruck hat, dass es kein danach mehr geben wird.

Wenn Poldis Vertrag in Köln ausläuft, ist er 27 Jahre. Und der FC wird nicht in den nächsten zwei, drei Jahren um den Titel oder in der Champions-League spielen.

Und so glücklich der Kölner an sich auch heute ist, so düster-depressiv und ungerecht kann er im Falle des Misserfolgs werden.

Also: Podolski steht vom ersten Training an unter Druck und Mega-Beobachtung. Ob er es schafft, damit klar zu kommen? Die Fakten sprechen eindeutig gegen ihn:

Bei Bayern hatte er mit Magath, Hitzfeld und jetzt Klinsmann drei völlig unterschiedliche Trainer. Bei keinem war er gesetzt oder hat sich mit Leistung gegen die Bank gewehrt.

Alle drei Chefs hatten einen einzigen Vorwurf: Es kommt zu wenig im Training, zu wenig Brutalität im Kampf um den Stammplatz.

Schlicht: Zu lieb, ein bisschen faul im Training, zu sorglos. Bei Bayern gilt das einfache, harte Gesetz des Siegens. Das wird in Köln - auch wenn es Heimat ist - NICHT anders sein.

Ein Umweg über den HSV oder wo auch immer wäre sinnvoller gewesen. Aber dann wäre Podolski eben nicht "Prinz Poldi".

Ich bin zu weit vom FC und Lukas weg, um eine definitive Aussage zu treffen. Ich habe nur ein mulmiges Gefühl. Und würde gerne das Gegenteil erleben. Schließlich bin ich Kölner.

Bis nächste Woche,Euer Toni Schumacher

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