vergrößernverkleinern
Hertha BSC stand zuletzt im Oktober 2006 an der Tabellenspitze © imago

Hertha BSC, der Spitzenreiter, verblüfft die Liga. Aus der "Alten" wird die "Neue Dame". Sport1.de erklärt das Erfolgsrezept.

Von Daniel Rathjen

München - Hertha BSC gehört zur Bundesliga-Spitze.

Die Berliner sind nach dem 20. Spieltag Tabellenführer (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle). Das gab es noch nie.

Die Hauptstädter stehen erstmals seit Oktober 2006 auf Platz eins und werden sogar vom besiegten FC Bayern (Nachbericht) zu einem heißen Anwärter auf die Meisterschaft erklärt.

Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit plant bereits die Party für den 23. Mai und habe schon mal Anspruch auf den Balkon im Roten Rathaus angemeldet.

Senatssprecher Richard Meng dazu: "Wir haben den Balkon nicht reserviert. Wir brauchen es gar nicht, weil der immer frei ist. Wenn Hertha Meister wird, können wir dort spontan feiern."

Ganz so weit ist es auch noch nicht, möglich aber in jedem Fall. "Hertha ist jetzt eine Mannschaft, die um den Titel mitspielen kann", sagt Bayerns Manager Uli Hoeneß.

Selbst Joachim Löw erkennt: "Wenn die Berliner in den nächsten Wochen konstant bleiben, haben sie eine Titel-Chance", übermittelt der Bundestrainer via "Bild".

Doch warum kam es überhaupt dazu?

Die Ursachenforschung bei der "Alten Dame" beginnt bei Trainer Lucien Favre (Porträt). Vom Boulevard bereits "Super-Hirnli" getauft, gilt der Schweizer als Vater des Erfolgs.

Er selbst verspürt keinerlei Druck. "Wir müssen so weitermachen, immer mit kleinen Fortschritten."

Lob von Experten

Sport1.de-Experte-Toni Schumacher erklärt in seiner Kolumne: "Der Schweizer hat aus der Diva Hertha eine arbeitende, effektive Truppe gebastelt, die fightet, an sich glaubt und nicht aufgibt."

Er ergänzt: "Favre - das ist keine Show an der Seitenlinie, sondern geplante, ausgefeilte Wucht. Hertha spielt das, was die Mannschaft kann, nicht das, was ankommt."

Selbst Bayern-Präsident Franz Beckenbauer schwärmt nach dem 2:1 am Samstag: "Der Sieg war eine taktische Meisterleistung von Lucien Favre, der trotz zahlreicher Ausfälle aus wenig viel machte."

Langsam wird klar, dass hinter den Versprechungen bislang nicht nur leere Worte stecken, sondern sich ein System befindet.

Frühaufsteher Favre

Bei seinem Amtsantritt hatte der Coach, der seinen Vertrag jüngst bis 2011 verlängerte, mit der forschen Ankündigung überrascht, er wolle "mit Hertha 2010 um den Titel mitspielen". Nun könnte ihm das Kunststück ein Jahr früher gelingen.

Schon beim FC Zürich holte der Disziplinfanatiker Favre, der jeden Abend um 22 Uhr ins Bett geht und am Morgen um 6 Uhr aufsteht, mit wenig Mitteln zwei Meisterschaften.

Auf dem Transfermarkt landete Favre für Hertha für insgesamt 6,4 Millionen Euro Volltreffer wie Cicero aus Fluminense (Spielerporträt).

Und die Spieler sind von ihm fasziniert. "Er ist ein sehr guter Mensch. Ein Taktiker, der viel redet und hochkompetent ist. Ich habe bereits einige Trainer erlebt, aber noch nie so einen wie ihn. Es macht großen Spaß", erklärt Josip Simunic im Gespräch mit Sport1.de.

Simunic blüht auf

Der Abwehrchef befindet sich in der Form seines Lebens. Er steht mit seiner Effizienz symbolisch für den Hertha-Stil: Die Mannschaft zermürbt ihre Gegner und bildet damit einen Gegensatz zum bisherigen Tabellenführer 1899 Hoffenheim.

"Wir haben in 20 Spielen nichts geschenkt bekommen. Wir provozieren unser Glück, weil wir immer kämpfen", erklärt Favre.

Der Sieg über die Bayern war ebenfalls bezeichnend. Mit taktischem Geschick und hoher Lauf- und Einsatzbereitschaft wurden die Münchner vom Strafraum ferngehalten.

In der Offensive genügten wenige gute Chancen zu zwei Toren. Das 2:1 war der achte Heimsieg in Serie. Das Olympiastadion ist eine Bastion. Die Fähigkeit, enge Spiele zu gewinnen, hat der Hauptstadtklub in dieser Saison kultiviert.

Meister der Effizienz

Auch das Fehlen von Leistungsträgern scheint den Berlinern nichts auszumachen. Gegen Bayern waren Marko Pantelic, Gojko Kacar sowie die gesperrten Cicero und Sofian Chahed nicht dabei.

"Die Mannschaftsleistung ist unser großes Plus", weiß Manager Dieter Hoeneß. Im Tor hält Jaroslav Drobny nahezu alles.

Für Favre zahlt sich der Erfolg bereits schon aus. Da Hertha 40 Zähler auf dem Konto hat, erhält er ab sofort eine Prämie, die ihm 25.000 Euro pro Punkt garantiert.

Um Geld geht es auch noch bei den Vertragsverhandlungen mit Pantelic und vor allem Andrej Voronin (In 3D: Der Schuss ins Bayern-Herz).

Bleibt Voronin?

"Die Bereitschaft, dass Andrej auch in der kommenden Saison in Berlin spielt, ist beiderseits vorhanden", sagte Hoeneß dem "kicker". "Allerdings hat sich nichts an unserer wirtschaftlichen Situation geändert: Wir müssen jeden Euro umdrehen."

Hertha würde den Angreifer, der in Liverpool noch einen Anschlussvertrag bis 2011 besitzt, am liebsten erneut ausleihen. Ein Kauf zu den bislang gehandelten Konditionen (fünf Millionen Euro Ablöse, vier Millionen Gehalt) ist kaum zu stemmen.

Voronin selbst hadert noch. Aber die sportlichen Argumente sprechen momentan in jedem Fall für Hertha.

Zum Forum - hier mitdiskutieren!Zurück zur Startseite

teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel