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Jupp Heynckes (r.) gewann mit dem FC Bayern München als Trainer seine dritte Meisterschaft © getty

Aus den Trümmern zum Rekord - und Heynckes hat nach der Meisterschaft nicht genug. Er lobt die Veränderungen beim FC Bayern.

Vom FC Bayern berichtet Mathias Frohnapfel

München - Jupp Heynckes schnaubte. Dann redete er sich in seiner Regierungserklärung all das von der Seele, was sich bei ihm aufgestaut hatte.

"Ich hatte keinen Urlaub gehabt, das sag ich Ihnen ehrlich", polterte der Bayern-Trainer.

Es war der letzte Tag des Trainingslagers am Gardasee im vergangenen Sommer und zugleich das Zeichen, dass Heynckes die Schmach nicht auf sich sitzen lassen wollte.

Das Vize-Triple tat Bayern weh, Perfektionist Heynckes raubte es den Schlaf. Die Meisterschaft, die trotz 73 Punkte an Dortmund ging. Die heftige schwarzgelbe Watschen im Pokalfinale und natürlich das "Trauma dahoam" im Champions-League-Finale.

Das Triple im Visier

Der Trainerveteran plante den Gegenschlag, für sich, seine Reputation und natürlich für seinen Spezl und Bayern-Boss Uli Hoeneß. (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)

Dem kann er nach dem 1:0-Sieg bei Eintracht Frankfurt (Bericht u. 698514Bilder) die Meisterschale präsentieren, hübsch verpackt mit zig Rekorden, die die Münchner in dieser Saison erreicht haben und noch knacken können.

"Es ist schön, noch einmal mit diesem Trainer den Titel gewonnen zu haben", betont Bastian Schweinsteiger.

"Außergewöhnlich, superklasse"

Heynckes genießt den Erfolg - Typus alter Staatsmann - in aller Ruhe, auch weil ihn das ganz große Ziel reizt: das Triple. Die Bayern als bestes Team Europas, dazu der Pokalsieg, alles ist noch möglich in dieser Traumsaison.

"Das ist ein fantastischer Moment. Die Spieler haben das erreicht, was sie sich über das Jahr hart erarbeitet haben. Dass die Meisterschaft nach 28 Spieltagen perfekt ist, ist außergewöhnlich, superklasse", sagt Heynckes und verweist dabei zuallerst auf die Mannschaft und spricht vom "Verdienst der gesamten Crew".

[kaltura id="0_savuq7t4" class="full_size" title="Meister Bayern feiert auf Sparflamme"]

Starke Transfers

Sein eigener Anteil ist dennoch unverkennbar. Bayern gab nicht nur viel Geld vor der Saison (70 Millionen Euro) aus, sondern pickte sich für jeden Mannschaftsteil aus dem Markt genau den richtigen Spieler aus.

Defensivmann Dante, Stürmer Mario Mandzukic und nicht zuletzt Javier Martinez überzeugen. Spanien-Experte Heynckes wollte den 24-Jährigen mit aller Macht, telefonierte selbst mit den stolzen Basken von Athletic Bilbao, so dass am Ende der heikle Transfer klappte. (697885DIASHOW: Der 28. Spieltag)

Zudem rotierte der 67-Jährige umsichtig, die Münchner spielen in dieser Saison mit nie gekannter Konstanz, Einbrüche nach Champions-League-Spielen wie in früheren Zeiten gab es kaum.

Heynckes lobt Veränderungen

Selbst Superehrgeizling Arjen Robben hielt sich mit Kommentaren zurück - trotz der zwischenzeitlichen Reservisten-Rolle. Vor dem Champions-League-Rückspiel bei Arsenal klärte Heynckes ihn über seine Joker-Rolle auf und dass er dafür gegen Bremen und Dortmund von Anfang spielen würde.

Robben machte gegen den BVB den entscheidenden Treffer.

Das Mannschaftsgefüge ist Heynckes so heilig wie der rheinische Sauerbraten an großen Festtagen. Er ist daher stolz darauf, "wie die Mannschaft sich präsentiert, sich öffentlich artikuliert, da hat sich bei Bayern einiges verändert zum Positiven in den letzten beiden Jahren."

Seine Erkenntnis: "Wir kommen volkstümlich, rüber, sachlich, realistisch, das macht unsere Mannschaft sympathisch."

Erste Meisterschaft "wahnsinnig emotional"

Die Interpretation liegt nah, dass Heynckes sich damit auch als Gegenpool zu seinem Vorgänger Louis van Gaal sieht. Denn der Niederländer geriet nicht nur mit Luca Toni, Martin Demichelis und Co. aneinander, sondern auch mit Bayerns Chefaufseher Hoeneß.

Hoeneß und Heynckes, die Weggefährten aus dem Weltmeisterteam von 1974, dürften sich indes herzlich umarmen, wenn am 33. Spieltag die Schale in München überreicht wird.

Schon 1989 holte das Gespann für Bayern den Titel, es war die erste Meisterschaft von Heynckes als Trainer. Als "wahnsinnig emotional" hat er diesen Moment in Erinnerung.

Guardiola ersetzt Heynckes

Vom FCB wird sich Heynckes im Sommer mit einem Lächeln verabschieden, auch wenn er vor allem bei der wichtigsten Bayern-Entscheidung dieser Saison anderer Meinung war.

Die Münchner verpflichteten Pep Guardiola als Heynckes-Nachfolger, dabei hätte der wohl gerne weiter Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm und Mitspieler dirigiert.

"Natürlich hätte er, glaube ich, ganz gerne noch ein Jahr weitergemacht", sagte Hoeneß im Januar, als der Guardiola-Coup als perfekt gemeldet wurde.

Die Entscheidung pro Guardiola habe Heynckes aber geschluckt. "Wir sind ihm dankbar, dass er uns das ermöglicht und kein Theater gemacht hat", meinte Hoeneß.

Heynckes bleibt locker

Professionell agierte Heynckes in den folgenden Wochen, auch wenn sein gekränkter Stolz sich mehr als einmal regte.

Etwa beim Vorschlag von Karl-Heinz Rummenigge, doch künftig für den FCB-Verwaltungsbeirat zu arbeiten.

Heynckes lehnte die wohlgemeinte Offerte brüsk ab, da mochte ihn Rummenigge vorher noch so sehr für einen "fantastischen Job" gelobt und als "einen der ganz großen Trainer in Europa" gewürdigt haben.

Ein Typ für langatmige Sitzungen mit Anzug und Krawatte, das will Meistermacher Heynckes nicht sein. Und in dieser Saison hat aus seiner Sicht die Titeljagd ja gerade erst begonnen.

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