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Jupp Heynckes (l., mit Shaqiri) wurde als Trainer zum dritten Mal Meister © getty

Die Bayern machen in Frankfurt den Titelgewinn perfekt, bleiben aber bodenständig. Hoeneß und die Spieler blicken schon voraus.

Aus Frankfurt berichtet Frank Hellmann

Frankfurt - Es war um kurz vor 18 Uhr, als ein kraushaariger Brasilianer sich mit bebenden Schritten und einem Utensil aus der Fankurve den Weg in die Kabine des FC Bayern bahnte.

"Deutscher Fußballmeister!", trällerte der Verteidiger Dante in den Frankfurter Katakomben, und stimmte damit denselben Singsang wie die mitgereisten Anhänger aus München an. (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)

Über dem Kopf schwenkte der bestens gelaunte Abwehrchef eine Meisterschale aus Pappmache, auf deren Rückseite das Vereinsemblem abgebildet war. (697885DIASHOW: Der 28. Spieltag)

Wie ein kleines Kind freute sich der 29-Jährige, und doch sollten Dantes Emotionen an diesem Nachmittag nicht zur Normalität in der Münchner Entourage gehören.

Kaum war das 1:0 (0:0) bei Eintracht Frankfurt (Bericht) nach einem exzellenten Hackentor von Bastian Schweinsteiger (52.) unter Dach und Fach, die gegenseitigen Gratulationen auf dem Rasen und die Danksagungen an die Fans erledigt, gefielen sich die Titeljäger von der Isar auch noch in einer anderen meisterhaften Disziplin.

Einem für diesen Verein fast schon atypischen Understatement.

Keine Weißbierduschen

Dass weder Weißbier vergossen noch Champagnerflaschen geköpft wurden, hatte sich ja schon herumgesprochen, aber es kommt dann doch nicht so oft vor, dass der Sportchef des neuen Meisters vor die Mikrofone geht und das Feierverbot erneuert.

"Das ist ein Genuss, das ist ein Gefühl, das kaum zu beschreiben ist. Wir dürfen glücklich sein, wir müssen uns aber dementsprechend verhalten", sagte Matthias Sammer.

Und schob gleich den Mahner hinterher: "Die Mannschaft muss wissen: Will sie mehr oder will sie nicht mehr? Dann darf im Flugzeug ein Bier, ein Glas Sekt getrunken werden, dann aber Schluss."

Er erzählte später, er habe es doch selbst miterlebt, wie Juventus Turin 1997 auch deshalb ein Champions-League-Finale gegen Sammers damalige Dortmunder verlor, "weil sie es haben krachen lassen."

[kaltura id="0_savuq7t4" class="full_size" title="Meister Bayern feiert auf Sparflamme"]

Keine Discobesuche geplant

Und weil die Bayern schon am Mittwoch eben bei Juventus Turin im Viertelfinal-Rückspiel antreten, um einen 2:0-Vorsprung zu verteidigen, sei Nüchternheit und Enthaltsamkeit angesagt.

"Sie glauben doch nicht, dass auch nur einer Spieler sich heute noch abfüllt oder in die Disco geht", verkündete Trainer Jupp Heynckes, der für Sonntag um 10 Uhr erst Training, dann Spielanalyse angesetzt hat.

Der 67-Jährige allerdings vermochte - anders als Sammer - seine Genugtuung auch zu zeigen.

"Natürlich sind wir mit der Intention angereist, die deutsche Meisterschaft zu holen. Für mich und meine Mannschaft ist das zu diesem Zeitpunkt großartig."

Kältester Titel für Heynckes

Und dann erzählte er frank und frei, wie er sich an seine erste Meisterschaft, 1971 mit Borussia Mönchengladbach erinnerte, "wir waren punktgleich mit Bayern und haben 4:1 in Frankfurt gewonnen - das war die schönste, die ich miterlebt habe". Auch zum Scherzen war Heynckes aufgelegt.

"Ich bin schon einige Male Meister geworden, als Spieler und als Trainer - aber es war noch nie so kalt wie heute", schmunzelte der Gentleman.

Das passiert, wenn sechs Spieltage vor Schluss die ohnehin nur noch theoretischen Zweifel ausgelöscht werden - das haben die Münchner nicht mal in ihren bisherigen rekordreifen Spielzeiten 1972/73 und 2002/2003 geschafft.

Hoeneß dankt Mannschaft und Trainer

Solche Zeiten hat allein Uli Hoeneß miterlebt. Klar, dass der Präsident benötigt wurde, um den 23. Titel in die richtigen Relationen zu rücken.

"In all den vielen Jahren, die ich beim FCB bin, kann ich mich nicht erinnern, dass wir so überragend und so eindeutig Meister geworden sind. Da gebührt dem Trainer vor allen Dingen, aber auch der Mannschaft, ein riesiger Dank."

Das Oberhaupt weiter: "Das ist eine wunderbare Antwort auf das, was Dortmund uns abgefordert hat."

Hoeneß trachtet allerdings für den Branchenprimus nach dem ganz großen Coup: "Nach dem Debakel gegen Chelsea ist die Champions League extrem wichtig, das ist das große Ziel. Wir wollen aus einer super Saison, eine super, super, super Saison machen."

Lahm will mehr

Dass die Bayern in der Bundesliga nachlassen, soll allerdings auch niemand erwarten.

"Wir wollen in der Rückrunde jedes Spiel gewinnen", rief Philipp Lahm aus, der das Siegtor von Schweinsteiger vorbereitet hatte.

Dessen technische Delikatesse ließ übrigens auch verschmerzen, dass der Österreicher David Alaba einen Foulelfmeter an den Außenpfosten setzte (26.).

Handspiel von Dante

Glück hatten die Bayern bei einem Handspiel von Dante im Strafraum, als Schiedsrichter Florian Meyer den Frankfurtern den fälligen Strafstoß verweigerte.

Nicht die einzige knifflige Situation.

"Mindestens so wichtig war heute der super Reflex von Manu ? sonst gewinnen wir hier nicht", vergaß Lahm nicht zu erwähnen, dass auch Nationaltorwart Manuel Neuer noch eine Glanztat (gegen Srdjan Lakic, 79.) im Repertoire hatte.

Der Bayern-Kapitän trat dabei vor der Abreise aus der Bankenmetropole so nüchtern wie ein Buchhalter auf, der - hochzufrieden beim Blick auf stimmige Zahlen - seine Sachen packt und nach einem ganz normalen Arbeitstag den Heimweg antritt.

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