vergrößernverkleinern
Der Schweizer Lucien Favre kam 2007 aus Zürich zu Hertha BSC Berlin © getty

Lange wird Lucien Favre in Deutschland nicht für voll genommen. Dann führt er Berlin an die Spitze - und die Liga zieht den Hut.

Von Dustin Werk

München - Anfangs wurde Lucien Favre noch belächelt. Jetzt lacht er.

Denn aus dem hierzulande unbekannten Schweizer mit dem lustigen Akzent ist binnen anderthalb Jahren der anerkannte Architekt des Aufschwungs von Hertha BSC geworden. (DATENCENTER: Ergebnisse Hertha BSC)

Rückblick: Im Sommer 2007 lotste Berlins Manager Dieter Hoeneß den ehemaligen Schweizer Nationalspieler Favre in die Hauptstadt, und zwar auf Empfehlung von Bayerns Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge.

"Ich habe mich bei Kalle schlau gemacht, um aus erster Hand etwas über den Menschen Lucien Favre zu erfahren", bestätigte Hoeneß in der "Sport Bild". Rummenigge hatte 1987 bis 1989 mit Favre bei Servette Genf zusammengespielt und mit ihm sogar ein Zimmer geteilt. Und über Favre hatte er offenbar nur Gutes zu berichten.

Hoeneß' guter Griff

Nachdem der Trainer den FC Zürich 2006 überraschend zum Schweizer Meister gemacht und dies 2007 wiederholt hatte, traf Hoeneß die wahrscheinlich beste Entscheidung seiner Amtszeit und überzeugte Favre, an die Spree zu ziehen.

Mit einem Drei-Jahres-Plan im Gepäck, an dessen Ende Hertha Meister werden soll, krempelte der Coach den Berliner Kader um. (DATENCENTER: Kader Hertha BSC)

Schwierige Typen wie die Boateng-Brüder wurden verkauft und spülten Geld in die klamme Hertha-Kasse. Weil aber der Transfer von Favres Lieblingsschüler Raffael zunächst scheiterte, hatte Favre Zweifel an der Klasse des Personals.

Frühe Rücktrittsgedanken

Der Perfektionist sah keine Möglichkeit, der Mannschaft sein kompliziertes System ausreichend beizubringen. Mehrfach trug er sich mit Rücktrittsgedanken, die Hoeneß erst mit der Zusage weiterer Transfers aus der Welt schaffen konnte.

Für Herthas Trainer ist das Personal entscheidend für Erfolg oder Misserfolg in einer Saison. Favre legt Wert darauf, dass seine Neuzugänge jung, lernfähig, technisch stark und vor allem vielseitig sind.

Er mag keine festgefahrenen Typen, sondern Spieler, die überall einsetzbar, eben polyvalent sind. Favre will junge Spieler nach seinen Vorstellungen ausbilden, damit sie in sein anspruchsvolles System passen.

Schnäppchen Stein und Nicu

Dabei zählt nicht der Marktwert des Spielers, einzig seine Eigenschaften sind entscheidend. So wechselten im Sommer Marc Stein von Absteiger Hansa Rostock ablösefrei und Maximilian Nicu (DATENCENTER: Spielerportrait) von Zweitligisten Wehen Wiesbaden für nur 300.000 Euro nach Berlin.

Beide haben sich in der Mannschaft etabliert und als echte Schnäppchen erwiesen.

Das perfekte Beispiel für den Spielertypen nach dem Geschmack Favres ist allerdings Gojko Kacar.

Im Winter 2008 geholt, steht der junge Serbe für die Zukunft des Hauptstadt-Klubs. Technisch sicher, kreativ im Aufbau, intelligent in der Ballverteilung und zudem torgefährlich.

Netzer erkennt Favres Handschrift

Nach einer durchwachsenen ersten Saison mit mehr Schatten als Licht, in der Favres Konzept nur selten durchschien, hat die Mannschaft des Trainers System endlich verstanden.

Jenes System, das den FC Zürich zum Meister machte. Dabei ist die Entwicklung der Mannschaft noch längst nicht beendet. Denn eigentlich steht Favre für Offensivfußball mit feinen Spielzügen und hübschen Toren.

"Das größte Kompliment, das einem Trainer zu machen ist, ist, wenn seine Handschrift auf dem Platz erkennbar wird. Das ist bei Favre definitiv der Fall", urteilte Günter Netzer in der "Berliner Morgenpost".

Reaktion auf aktuelle Umstände

"Favre lässt einen kultivierten, technisch hochversierten Fußball mit einem hohen Rhythmus spielen", meinte der Europameister von 1972.

"Und obwohl er den perfekten Fußball spielen lassen will und keinen Zweifel daran lässt, dass er seine Philosophie durchsetzen wird, verlangt er von den Spielern nichts, was sie nicht können. Als er gegen die Bayern fünf Verletzte hatte, setzte er aus einer kompakten Abwehr heraus auf Konter."

Das war die entscheidende Formel zum Erfolg. Das Sieg bringende Tor von Andrej Voronin war zudem kein simpler Konter, sondern in unzähligen Trainingseinheiten einstudiert, in denen Favre so lange korrigiert und unterbricht, bis auch der Letzte verstanden hat, was von ihm verlangt wird.

Grenzen aufgezeigt

Ein weiterer Pluspunkt ist die gewachsene Autorität des Trainers. Bei ihm erlaubt sich kein Spieler eine Extra-Wurst. Und wenn, dann wird er auf die Tribüne gesetzt, wie Marko Pantelic am achten Spieltag gegen den VfB Stuttgart. Ein riskanter Zug, dennoch gewann Hertha mit 2:1.

Es war der Beginn der knappen Siege, die Hertha inzwischen kultiviert hat, und der erste von inzwischen acht Heimerfolgen. Neun der zwölf Saisonsiege wurden mit einem Tor Vorsprung errungen. Viele nennen das Glück, die meisten Experten Cleverness.

Dass die Berliner nach der Übernahme der Tabellenführung abheben, ist indes nicht zu erwarten. Das Wort Meisterschaft ist immer noch tabu. Realistisches Ziel ist und bleibt das internationale Geschäft. "Die Spieler sind geerdet", weiß Hoeneß. Dafür wird Lucien Favre schon sorgen.

Zum Forum - hier mitdiskutieren!Zurück zur Startseite

teilentwitternteilenE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel