vergrößernverkleinern
Markus Gisdol war unter Huub Stevens Co-Trainer bei Schalke 04 © getty

Vor dem Spiel bei Bayer Leverkusen spricht Hoffenheims Trainer Markus Gisdol über seinen Job und die neue Identität bei 1899.

Von Reinhard Franke

München - Markus Gisdol hat es wahrlich nicht leicht. Gleich in seinem ersten Cheftrainerjob hat der frühere Assistent von Huub Stevens und Ralf Rangnick bei 1899 Hoffenheim ein Himmelfahrtskommando übernommen.

Der Klub schwebt auf Platz 17 seit Monaten in akuter Abstiegsgefahr. (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle).

Gisdol, der von 2009 bis 2011 schon die zweite Mannschaft der TSG trainierte und in dieser Saison bereits der vierte Trainer bei den Kraichgauern ist, hat aber zumindest die Hoffnung auf eine Rettung zurückgebracht.

Seit zwei Spielen ist der 43-Jährige im Amt, seitdem holte sein Team vier Punkte. Vor dem Spiel bei Bayer Leverkusen (Sa., ab 15 Uhr im LIVE-TICKER)spricht Gisdol über seine Arbeit, eine neue Identität bei 1899, Tim Wiese - und erklärt seine Philosophie.

SPORT1: Herr Gisdol, vier Punkte aus zwei Spielen. Mit Ihrem Start können Sie zufrieden sein.

Markus Gisdol: Ich bin vor allem damit zufrieden, dass wir versuchen viele Dinge umsetzen, die wir im Training angesprochen haben. Es ist zwar noch einiges zu verbessern in der Art Fußball zu spielen, aber man sieht schon kleine Fortschritte und das war das Erfreuliche bisher.

SPORT1: Aber die Punkteausbeute kann sich sehen lassen.

Gisdol: Es geht gar nicht zwingend um die Punkteausbeute, weil das ja immer das Ergebnis von dem ist, was wir machen. Wir müssen kleine Schritte machen und kleine Schritte auch akzeptieren. Es ist schon einiges gelungen in den Spielen und ich mache das nicht nur von den Ergebnissen abhängig.

SPORT1: Wo lag denn bisher Ihr Hauptaugenmerk?

Gisdol: Vor allen Dingen wollen wir ein Stück von unserer Identität zurückgewinnen. Wir wollen mehr Bälle gewinnen, schneller umschalten und schnell in die Spitze spielen, ohne in Hektik zu verfallen. Ich schaue genau hin, welche Spieler darauf anspringen und wer diese Vorgaben umsetzen kann.

SPORT1: Sie sprechen von Identität. Wie sieht die aus?

Gisdol: Es tut uns allen gut, wenn wir in Hoffenheim wieder etwas bescheidener auftreten, auch die nötige Demut an den Tag legen, was die Gesamtsituation angeht. Wir sollten uns vor allem über Fußball definieren und nicht über irgendwelche Sprüche. Folgender Fall: Zwei Teams mit unterschiedlichen farbigen Trikots stehen auf dem Platz und die Zuschauer sagen hinterher, dass die eine Mannschaft schönen Fußball gespielt hat. Wenn das wir waren, dann ist das genau das, was ich will.

SPORT1: Die Spieler loben Ihre Philosophie. Beschreiben Sie diese doch mal.

Gisdol: Die Spieler sollen eine unglaubliche Bereitschaft für die Sache mitbringen. Ohne uns mit dem FC Barcelona vergleichen zu wollen: Dessen Spieler sagen in Interviews regelmäßig, dass sie jeden Tag besser werden wollen. Und diese Bereitschaft brauchen wir. Zudem geht es um gemeinschaftliche Balleroberung und gezielte Laufwege für das Team. Bei allem soll die individuelle Klasse in unserem Offensivspiel nie leiden.

SPORT1: 2008 wurde Hoffenheim mit tollem Offensivfußball Herbstmeister und wollte hoch hinaus. Ist der Klub daran gescheitert, dass man zu schnell zu viel wollte?

Gisdol: Ich kann und will nicht beurteilen, ob man gescheitert ist. Es ist manchmal auch ein beschwerlicher Weg, den ein Verein gehen muss, um sich auch wieder auf Dinge zurückzubesinnen. Alles, was zuletzt ablief in Hoffenheim, hatte auch seinen Zweck.

SPORT1: Worauf kommt es Ihnen jetzt im Abstiegskampf an?

Gisdol: Der Abstiegskampf steht nicht im Mittelpunkt meiner Überlegungen. Wir wollen uns auf unseren Fußball konzentrieren und da schaue ich, welche Spieler ich auf den richtigen Weg bringen kann. Ich überlege nicht, wer zum Abstiegskampf passt. Meine Überzeugung ist, dass man mit jedem guten Spieler alles machen kann, das ist nur eine Frage der Bereitschaft.

SPORT1: Sie sagten, dass ein Abstieg nicht so schlimm wäre. Glauben Sie, dass sich da ein Spieler im Abstiegskampf motivieren kann?

Gisdol: Ich denke nicht jeden Tag an den Klassenerhalt, sondern an das nächste Training und das nächste Spiel. Ich denke aber jeden Tag daran, wie wir unseren Fußball entwickeln können. Wenn der Klassenerhalt zum Schluss dabei rauskommen würde, wäre es eine tolle Sache, keine Frage. Es gibt auch ein Leben nach dieser Saison. Ich kann nur sagen, dass ich bisher einen sehr guten Eindruck von unserem Team gewonnen habe. Ich sehe eine hochmotivierte Mannschaft.

SPORT1: Sie nennen sich selbst einen Fußballentwickler. Wie meinen Sie das?

Gisdol: Es gibt verschiedene Arten von Trainern. Es gibt zum Beispiel den Fußballabrufer, der eher einen kurzfristigen Ansatz verfolgt. Und es gibt den Fußballentwickler, dort sehe ich mich. Ich möchte die Art und Weise, wie wir Fußball spielen, entwickeln und umsetzen und sehe nicht nur die reine Qualität, die ein Spieler mitbringt und gefälligst abrufen soll.

SPORT1: Nach der Saison soll es einen Schnitt geben. Wie wird der aussehen?

Gisdol: Ich habe von einem Strich gesprochen, den ich unter diese Saison ziehen werde, wenn sie vorbei ist. Das macht jeder Trainer und Manager und es bedeutet, dass wir ganz sauber und akribisch analysieren werden, wer zu uns passt und wer nicht. Ob es also einen kleinen oder einen großen Schnitt geben wird, können wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen.

SPORT1: Tim Wiese dürfte nicht mehr zu 1899 passen, oder?

Gisdol: Ich habe mit dem Tim zwei gute Gespräche geführt und ihm erklärt, dass die Entscheidung für Koen Casteels eine Entscheidung für die Zukunft ist. Tim versteht das zu 100 Prozent. Er lässt sich nicht hängen und trägt viel zur aktuell guten Stimmung bei. Er ist im Training voll dabei. Er verhält sich absolut korrekt.

SPORT1: Am Samstag geht es nach Leverkusen. Kein leichter Gang.

Gisdol: Wir spielen gegen eines der Topteams. Das wird eine schwere Aufgabe, aber wenn wir uns auf die Dinge besinnen, die ich einfordere, dann werden wir eine Chance haben. Wir werden uns nicht verstecken.

teilentwitternE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel