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Uli Hoeneß wechselte 2009 vom Manager-Job ins Präsidentenamt des FC Bayern © getty

Die Steuer-Affäre bedroht auch das Image der mit Bayern verbundenden Firmen. Experte Estermaier beurteilt bei SPORT1 die Lage.

Von Martin Hoffmann

München - Mario Götze hat möglich gemacht, was am Tag zuvor noch undenkbar schien: Uli Hoeneß und seine Steuer-Affäre sind im Vorfeld des Bayern-Duells mit dem FC Barcelona nicht mehr Thema Nummer eins.

Und das obwohl der Bayern-Präsident am Dienstag noch ein Mea Culpa in eigener Sache liefert.

"Ich habe erkannt, dass ich einen schweren Fehler gemacht habe, den ich versuche, mit der Selbstanzeige zumindest halbwegs wiedergutzumachen", sagt der 61-Jährige im Gespräch mit "Sport Bild": "Ich will reinen Tisch machen. Das Gesetz bietet ja diese Möglichkeit."

Namhafte Firmen involviert

Ob das genug ist, damit er Präsident des FC Bayern und Aufsichtsratschef der Bayern AG bleiben kann?

Christian Estermaier ist Fachmann für Compliance, also grob gesagt dafür, wie Großunternehmen durch das Befolgen gesellschaftlicher, gesetzlicher und selbst gesteckter Regeln ihre Glaubwürdigkeit bewahren.

Ein Phänomen, das Hoeneß noch Probleme bereiten könnte, zumal an der FC Bayern AG Audi und Adidas beteiligt sind und weitere Großfirmen wie Telekom und Allianz mit ihr eng verbunden.

Unternehmen, in denen Compliance groß geschrieben wird und die für ihre Verbindung mit einem geständigen Steuersünder unter Rechtfertigungsdruck geraten könnten.

Im SPORT1-Interview schätzt Estermaier, Geschäftsführer bei Greenlight Consulting GmbH und früherer Senior Consultant bei Siemens, die Lage ein.

SPORT1: Was würden Sie als Compliance-Berater den involvierten Unternehmen nun raten?

Christian Estermaier: Zum jetzigen Zeitpunkt besteht für die ja nur indirekt beteiligten Unternehmen kein konkreter Handlungsbedarf. Ob Herr Hoeneß weiterhin als Aufsichtsrat und somit als Integrationsfigur tragbar ist, müssen die weiteren Mitteilungen seitens der Staatsanwaltschaft zeigen. Erst einmal abwarten und dann weiterschauen, denn mehr kann man momentan nicht unternehmen. Ganz konkret gibt es keine Notwenigkeit, schon zu reagieren.

SPORT1: Aber?

Estermaier: Um auf Eventualitäten für die Zukunft vorbereitet zu sein, macht es sicherlich Sinn, Konzepte und Maßnahmen in die Schublade zu legen. Ein möglicher Schritt wäre dann letztlich, Herrn Hoeneß die Niederlegung es Aufsichtsratsmandates nahezulegen beziehungsweise ihn zu entfernen. Das ist dann das zentrale Thema, mit dem man sich beschäftigen sollte.

SPORT1: Ist tatsächlich vorstellbar, dass es so weit kommt?

Estermaier: Mit den Aufsichtsratsmandaten, die er ausübt, ist er ja schon eine Leit- und Integrationsfigur, die den Mitarbeitern in gewisser Weise zur Seite stehen soll und an der sie sich orientieren können. Insofern ist so ein Malus sicherlich nicht optimal. Wenn man es zum Beispiel mit dem Fall Siemens vergleicht: Heinrich von Pierer war wohl der beste Vorstandsvorsitzende, den das Unternehmen je hatte. Trotzdem musste er wegen der Dinge, die am Ende passiert waren, als Aufsichtsratsvorsitzender gehen.

SPORT1: Mit der Bestechungs-Affäre um Formel-1-Boss Bernie Ecclestone befasst sich die Compliance-Abteilung von Mercedes. Ist der Fall Hoeneß nun ein Fall für die Compliance-Abteilungen Adidas und Audi?

Estermaier: Jein. Der Name Uli Hoeneß wird zwar unmittelbar mit den Firmen, in denen er eine Aufsichtsratstätigkeit ausübt, in Verbindung gebracht, geschäftlich hat das jedoch nichts miteinander zu tun. Dennoch bin ich der Meinung, dass dies Stand jetzt sicherlich kein Fall für eine Compliance-Abteilung ist, da ja auch das genaue Ausmaß noch gar nicht bekannt ist. Ändern könnte sich das natürlich dann, wenn sich herausstellen sollte, dass es hier auch um Gelder von Adidas oder Audi geht. Ein fader Beigeschmack dürfte aber ohnehin bleiben.

SPORT1: Wie könnten die Überlegungen bei den betroffenen Unternehmen nun aussehen?

Estermaier: Man holt sich ja bekannte Persönlichkeiten in die Aufsichtsgremien, um einen "positiven Effekt" zu erzielen und sich deren Strahlkraft zu Nutze zu machen. Für die Unternehmen Adidas und Audi ist die aktuelle Situation nicht allzu glücklich, da, wie in diesem Fall, negative PR letztendlich auch an deren eigenem Image haften bleibt. Es hat ja einen gewissen Marketing-Effekt auf beiden Seiten, wenn einerseits ein Uli Hoeneß im Aufsichtsrat ist und auf der anderen Seite Audi und Adidas am FC Bayern beteiligt sind. Das sind ja auch Personen und Namen, die sich da gegenseitig vorstehen. Insofern sind Berührungspunkte auf jeden Fall gegeben, und dementsprechend tragbar oder nicht tragbar ist Herr Hoeneß dann in Zukunft.

SPORT1: Glauben Sie, dass bei den besagten Unternehmen hinter den Kulissen schon die Drähte glühen und man sich berät, was jetzt zu tun ist?

Estermaier: Mit Sicherheit. Allerdings ist es in dieser frühen Phase der Ermittlungen noch nicht an der Zeit, Konsequenzen zu ziehen. Erfahrungsgemäß dauert es mehrere Monate bis hin zu Jahren, bis letztlich ein Urteil gefällt wird, und bis dahin ist sicher schon viel Gras über die Sache gewachsen. Wenn das Urteil dann näher rückt, wird die Thematik dann sicherlich noch einmal aufflammen, allerdings ist jetzt unmittelbar keine Handlungsnotwendigkeit gegeben.

SPORT1: Wie würde sich die Situation gestalten, wenn am Ende festgestellt würde, dass die Selbstanzeige wirksam ist? Wäre dann der Fall erledigt?

Estermaier: Grundsätzlich liegt ein Tatbestand ja vor. Er hat Steuern hinterzogen bzw. "vergessen", Zins- oder Spekulationserträge in Deutschland anzugeben. Nicht unbedingt wirkt eine Selbstanzeige strafbefreiend. Wenn sich der heutige Verdacht am Ende bestätigt, ist Herr Hoeneß vorbestraft. Und dann müssten sich die jeweiligen Abteilungen in den Unternehmen schon überlegen, ob so ein Aufsichtsrat tragbar ist, und auch der FC Bayern wird sich seine Gedanken machen. So etwas kann schon hohe Wellen schlagen, wenn auch vielleicht nicht gleich morgen oder übermorgen.

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