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Kehrt dem BVB den Rücken und wechselt zum FC Bayern: Nationalspieler Mario Götze © getty

Schock für den BVB, ein Ablenkungsmanöver für die Bayern. Doch vor allem: Der Götze-Deal folgt altbekannten Mustern.

Von Tom Vaagt

München/Dortmund - Auch bei Werder Bremen dürften sie am Dienstagmorgen kurz zusammengezuckt sein.

Die Hanseaten sind von der Personalie Mario Götze zwar so weit entfernt wie vom Gewinn der deutschen Meisterschaft. Doch der Wechsel des Nationalspielers von Borussia Dortmund zu Bayern München weckte an der Weser Erinnerungen.

2007 war der FCB bei seiner Kaderplanung schon einmal wenig zimperlich und reichlich unsensibel vorgegangen. Die Paralellen zum Götze-Deal sind frappierend: Zwei Tage vor dem Halbfinal-Hinspiel des UEFA-Cups der Bremer bei Espanyol Barcelona hatten die Bayern den Wechsel von Miroslav Klose eingefädelt.

Ein Rivale des deutschen Rekordmeisters wurde in Unruhe versetzt und seines vielleicht besten Spielers beraubt - das alles zur absoluten Unzeit. Die aufgebrachten Norddeutschen verloren in Barcelona 0:3. Es folgte ein Ausscheiden ohne Sang und ohne Klang.

Ablöse: 37 Millionen Euro

Wie sich so ein Transferschock anfühlt, wissen sie nun auch in Dortmund. In der Nacht zum Dienstag sickerten via "Bild" erste Informationen zu Götzes anstehendem Wechsel durch. Im Verlaufe des Vormittags bestätigten BVB und FCB schließlich den Deal.

Einen Tag vor dem Halbfinal-Hinspiel der Champions League gegen Real Madrid (Mi., ab 20.15 Uhr im LIVE-TICKER) hätte die Borussia wohl kaum eine schlimmere Nachricht erreichen können. Ein Rivale des deutschen Rekordmeisters wurde in Unruhe versetzt und seines vielleicht besten Spielers beraubt.

Götze steigt dank einer Klausel aus seinem bis 2016 befristeten Vertrag bei den Dortmundern aus. Kostenpunkt für die Bayern: Angeblich 37 Millionen Euro. (Bericht)

Watzke: "Kalkulieren Angriffe ein"

"Ich glaube, dass Bayern seit vielen Jahren das gleiche Erfolgsschema verfolgt. Dazu gehört seit jeher auch, den Konkurrenten zu schwächen. Wir kalkulieren Angriffe aus München ein. Allen Solidaritätsaussagen zum Trotz", sagte BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke der "Sport Bild":

"Wir versuchen uns aber, mit unseren Mitteln zu wehren. Unsere Spieler müssen dann entscheiden, welcher Verein das bessere Paket darstellt."

Im vergangenen Sommer hatten die Dortmunder noch das bessere Päckchen geschnürt und den Gladbacher Marco Reus ins Ruhrgebiet gelockt. Die Bayern schauten im Ringen um den Nationalspieler in die Röhre. Diese Runde im Transferkampf ging also klar an den BVB.

Ablenkung von Hoeneß-Affäre

Dem Selbstverständnis an der Säbener Straße entsprach dies so gar nicht. Seit Jahrzehnten schien klar: Wollen die Bayern einen Spieler, bekommen sie ihn auch. Am Dienstag trat dieses eiserne Gesetzt wieder in Kraft. Der FCB schlug zurück - mit einer Wucht, die die ganze Liga erschütterte.

Ein mehr als willkommener Nebeneffekt: Die Steueraffäre um Bayern-Präsident Uli Hoeneß rückte in der Sportberichterstattung in den Hintergrund.

Umso mehr sah man sich in München offenbar dazu genötig, in der Pressemitteiling zum Götze-Wechsel auch zu erwähnen, dass man den Transfer erst nach Dortmunds Partie gegen Madrid habe "anzeigen" wollen.

Doch: Dass ausgerechnet Hoeneß zuletzt noch vor "spanischen Verhältnissen" warnte und eine ausgeglichenere Liga forderte, schert im Zuge der Götze Verpflichtung niemanden in München mehr.

Götze als "falsche Neun"

Solidarität oder ein Blick auf das Große und Ganze haben im harten Bundesliga-Geschäft keinen Platz. Was zählt, sind Fakten. Und nimmt man die zur Grundlage, haben die Bayern einen ganz dicken Fisch an Land gezogen.

Götze passt perfekt ins System des künftigen FCB-Trainers Pep Guardiola. Dem Spanier wird eine Vorliebe für das Spiel mit der sogenannten "falschen Neun" nachgesagt, also für ein System ohne kantigen Mittelstürmer.

Bayerns neuer Star, der einen Vertrag bis 2017 unterschrieben haben soll, kann diese Rolle verkörpern und übernahm sie bereits erfolgreich im DFB-Trikot. Der Transfer dürfte also auch schon ein Indiz für die künftige Taktik des in dieser Saison so dominanten Rekordmeisters sein. (DATENCENTER: Die Bundesliga)

Unerwartete Entwicklung

Wie das Ganze auf dem Platz aussieht, können sich die Münchner heute Abend ansehen. Dann tritt Guardiolas Ex-Klub FC Barcelona im zweiten Halbfinale der Königsklasse in der bayerischen Landeshauptstadt (Di., ab 20.15 Uhr im LIVE-TICKER) an.

Auch ein absolutes Kracherspiel, das im Laufe des Tages aber vom Hype um Götze fast verschluckt wurde.

Zumal der Transfer am Ende doch eher unerwartet zu Stande kam. In einem SPORT1-Interview vom vergangenen März hatte Götze noch Klubs wie Real, Barcelona oder Manchester United als "reizvoll" bezeichnet.

Andere Töne im SPORT1-Interview

Vor allem aber hatte er seine Vertragsverlängerung beim BVB als klares Bekenntnis zum BVB deklariert.

"Sonst hätte ich nicht verlängert. Dann hätte es ja keinen Grund dafür gegeben", sagte der 20-Jährige damals. Davon ist spätestens seit Dienstag keine Rede mehr.

Dennoch forderte die Borussia ihre Fans dazu auf, "Mario Götze in den letzten Spielen der Saison, vor allem aber im wichtigen Champions-League-Halbfinale am morgigen Abend gegen Real Madrid, genauso bedingungslos zu unterstützen wie jeden anderen Dortmunder Profi." (DATENCENTER: Die Champions League)

Eine Frage des Stils

Watzke wollte dem Jungstar keinen Vorwurf machen: "Wir sind natürlich über alle Maßen enttäuscht, betonen aber, dass sich sowohl Mario als auch sein Berater absolut vertragskonform verhalten haben."

Einen bitteren Beigeschmack hat der Deal eher aus anderen Gesichtspunkten. "Vom FC Bayern München hat sich bis zum heutigen Tag in dieser Angelegenheit kein Offizieller bei Borussia Dortmund gemeldet", teilte der BVB mit.

Kein guter Stil. Doch ein Blick in die Vergangenenheit relativiert.

Bundesliga ist ein Geschäft

Auf die Frage, ob er von den Dortmunder Verantwortlichen über die Verhandlungen mit Marco Reus informiert worden sei, hatte Gladbachs Manager Max Eberl vor rund einem Jahr geantwortet:

"Nein, mit uns hat kein Verein über mögliche Verhandlungen gesprochen, aber ich stand mit Marcos Berater in sehr engem Kontakt und wusste über die jeweiligen Sachverhalte Bescheid. Ich bin kein Fußballromantiker, sondern Realist. Das Geschäft ist so wie es ist und somit ist eben jeder auf seinen Vorteil bedacht."

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