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Jermaine Jones wechselte 2007 von Eintracht Frankfurt zu Schalke 04 © getty

Auf Schalke gehen die Diskussionen um Trainer Jens Keller weiter. Jones nimmt die Kollegen in die Pflicht.

Von Thorsten Langenbahn

Gelsenkirchen - Schalkes Finanzvorstand Peter Peters suchte in der Schlussphase des Spiels gegen Stuttgart die Nähe der Kapelle in den Katakomben der Arena auf Schalke.

Völlig fertig, als hätte er selbst 90 Minuten auf dem Platz hinter sich, tigerte der 50-Jährige rastlos durchs Untergeschoss.

Das Verpassen der Champions League würde die Königsblauen rund 20 Millionen Euro kosten - keiner im hoch verschuldeten Klub weiß das besser als Peters. (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)

Doch alles Hoffen und Beten half nichts. Durch das 1:2 gegen den VfB Stuttgart haben die Gelsenkirchener einen deftigen Dämpfer im Kampf um Platz vier und die Champions-League-Qualifikation erhalten.

Tönnies stinksauer

Verlieren die Schalker (52 Punkte) am letzten Spieltag im direkten Duell beim SC Freiburg (51), bleibt in der nächsten Saison nur die Europa League.

Dabei hatten sich die S04-Verantwortlichen am Samstag alles so schön ausgemalt. Nach dem letzten Heimspiel in der ausverkauften Arena wollten sie nicht nur die Vertragsverlängerungen von Jungstar Julian Draxler und Trainer Jens Keller feiern, sondern auch die erneute Qualifikation für die Champions League.

"Alles war angerichtet - und dann so etwas", sagte Schalke-Boss Clemens Tönnies stinksauer.

Heldt: "Elfmeter meilenweit übers Tor gehauen"

"Es war unerträglich, wie sich die Mannschaft präsentiert hat. Nach einer Woche mit so vielen guten Nachrichten habe ich ein anderes Auftreten erwartet", sagte Tönnies zu "Sport Bild Plus".

Auch Horst Heldt musste sich Mühe geben, seine Enttäuschung nicht zu sehr zur Schau zu tragen.

"Es ist nicht erklärbar, dass die Stuttgarter mehr vom Spiel wollten als wir", sagte Schalkes Sportdirektor, die Hände tief in den Taschen vergraben.

"Den Elfmeter haben wir nicht einfach verschossen, wir haben ihn meilenweit übers Tor gehauen", haderte Heldt.

Haben sich die S04-Verantwortlichen verzockt?

Doch die Verantwortlichen stehen in der Kritik, die Spannung vorzeitig rausgenommen zu haben, indem sie mit der Entscheidung in der Trainerfrage doch nicht - wie ursprünglich angekündigt - bis zum Saisonende gewartet haben.

"Ich weiß nicht, wie solche Entscheidungen wie jetzt die Vertragsverlängerung auf Schalke getroffen werden. Ist das stimmungsabhängig? Aus dem Bauch heraus? Mit richtiger Strategie hat das alles nichts zu tun", kritisiert SPORT1-Experte Thomas Berthold das Vorgehen des S04 in seiner Kolumne.

Ob der Zeitpunkt für die Bekanntgabe von Kellers Weiterbeschäftigung ungünstig gewählt worden sei, wurde Heldt gefragt.

"Warum?", fragte Schalkes Sportchef zurück. "Wenn man davon überzeugt ist, darf man das nicht platzierungsabhängig sehen", betonte der 43-Jährige.

Jones: "Da tanzt keiner durch die Kabine"

Der Mannschaft haben die guten Nachrichten jedenfalls nicht den erhofften Schub verliehen.

"Wir haben das gut aufgenommen, aber da tanzt jetzt keiner durch die Kabine, schreit 'Juchhuuu' und macht Party, weil der Trainer und Jule verlängert haben. Das ist ihre Sache", sagte Mittelfeldspieler Jermaine Jones zu SPORT1.

Statt Europapokalsause gibt's nun das große Finale in Freiburg. Ein Punkt beim Tabellenfünften würde Schalke schon reichen, falls Eintracht Frankfurt als Sechster gegen Wolfsburg nicht mit mindestens fünf Toren Unterschied gewinnt.

"Jetzt haben wir Druck", weiß Jones.

Keller lässt Druck nicht als Ausrede gelten

Gegen Stuttgart erwies sich die eigentlich positive mentale Herausforderung als Bumerang.

"Wir haben uns selbst viel Druck gemacht. Das hat uns ein bisschen gehemmt. Vielleicht haben wir zu viel gewollt", meinte Schalke-Kapitän Benedikt Höwedes nach der verpassten Vorentscheidung.

Davon wollte Coach Keller nichts wissen. "Wir haben erfahrene und gestandene Spieler, darunter viele Nationalspieler. Dass wir vor eigenem Publikum zu großen Druck hatten, halte ich für eine Ausrede", sagte der 43-Jährige.

"Wir haben immer noch alles in der Hand", gibt sich der Trainer der viertbesten Mannschaft der Rückrunde kämpferisch.

Der Trainer scheint unerschütterlich

Verpasst Keller das Ziel Königsklassen-Quali, wird er mit einem schweren Rucksack auf den Schultern in die nächste Saison starten.

Daran denkt der Fußballlehrer allerdings (noch) nicht. "Wir werden unser Ziel erreichen. Jetzt ist es halt nur auf nächste Woche verschoben", sagt er scheinbar unerschütterlich.

"Nun müssen wir diese Woche im Training noch mal richtig Gas geben und haben kein lockeres Spiel in Freiburg", meint Jones.

Der US-Nationalspieler sagte zu SPORT1: "Wie hat Oliver Kahn mal gesagt: Jetzt brauchst du Eier und Typen, die sich da nicht verstecken."

Zwei Youngster machen Hoffnung

Optimistisch stimmt die Schalker die Rückkehr von Julian Draxler nach dessen Gelbsperre.

Der 19 Jahre alte Nationalspieler kann offensiv für das Überraschungsmoment sorgen, das der Elf gegen Stuttgart völlig abging.

Bei Jefferson Farfan fehlte nach mehrwöchiger Verletzungspause noch jegliche Explosivität, defensiv ließ die gesamte Mannschaft die Geschlossenheit vermissen.

Die Rückkehr des zuletzt angeschlagenen Linksverteidigers Sead Kolasinac anstelle von Christian Fuchs dürfte ebenfalls wieder mehr Stabilität bringen.

Zwei 19-Jährige als Hoffnungsträger - der Druck auf Schalke wächst. Zittert sich der Klub noch in die Champions League, dürfte manch einer nach dem 34. Spieltag drei Kreuzzeichen machen.