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Leon Goretzka (l.) bestritt in der letzten Zweitliga-Saison 32 Spiele für Bochum und erzielte dabei vier Tore © imago

Der Jungstar zieht gegen Bochum vor Gericht, um den Transfer zu S04 durchzusetzen. Keller und Neururer planen mit dem Spieler.

Von Christian Stüwe

München - Die Situation ist schon ein wenig kurios.

Leon Goretzka bereitet sich seit einigen Tagen mit dem VfL Bochum auf die neue Zweitliga-Saison vor, hat aber offenbar schon einen Vertrag bei Schalke 04 unterschrieben.

"Er ist ein Riesentalent", sagte Trainer Jens Keller bei SPORT1 über den Noch-Bochumer: "Wann und wie sich geeinigt wird, weiß ich nicht. Wir wollen ihn definitiv haben. Ich bin überzeugt, dass er zum Saisonstart zu uns stößt."

Der VfL aber will das 18 Jahre alte Ausnahme-Talent nicht ziehen lassen. Es geht um eine Ausstiegsklausel und Ablöseförderungen, das Gezerre um den Junioren-Nationalspieler zieht sich bereits seit Wochen hin.

Außergerichtliche Einigung unwahrscheinlich

Nun hat der Mittelfeldspieler offenbar genug, er reichte eine Zivilklage beim Arbeitsgericht ein. Der VfL bestätigte SPORT1 den Eingang eines entsprechenden Schreibens am Mittwochnachmittag.

"Ein Rechtsstreit wäre schlimm", hatte Bochums Trainer Peter Neururer unmittelbar zuvor im Gespräch mit SPORT1 gesagt: "Es wäre traurig, wenn das so laufen würde. Das wäre nicht im Sinne des Spielers, nicht im Sinne beider Vereine."

Doch die Fronten scheinen verhärtet, eine außergerichtliche Einigung auf den letzten Drücker derzeit fast ausgeschlossen.

Ablösesumme festgeschrieben oder nicht?

Goretzkas Vertrag läuft bis 2016. In dem Arbeitspapier soll eine Klausel verankert sein, die ihm einen vorzeitigen Abschied für eine festgeschriebene Ablösesumme in Höhe von 2,8 Millionen Euro ermöglichen soll.

Diese Klausel wird aber von beiden Klubs unterschiedlich interpretiert.

Während Bochum offenbar mehr Geld fordert, pocht Schalke auf die Durchführung des Transfers zu den genannten Konditionen.

"Der Spieler hat bei uns einen ab dem 1. Juli gültigen Vertrag", stellte Schalkes Sportdirektor Horst Heldt klar: "Wir haben dem abgebenden Verein fristgerecht ein Angebot unterbreitet, daher ist für mich nicht nachvollziehbar, warum es Bochum jetzt einfach darauf ankommen lässt."

Man habe dem VfL die Hand gereicht und verschiedene Ideen aufgezeigt, um eine für beide Seiten befriedigende Lösung zu finden, erklärte Heldt: "Aber im Moment sehe ich keinen Grund mehr, warum ich weiter mit Bochum verhandeln soll."

"Dafür gibt es Gerichte"

Dr. Gregor Reiter, Geschäftsführer der Deutschen Fußballspieler-Vermittler Vereinigung (DFVV), hält Goretzkas Vorgehen für gerechtfertigt.

"Es geht es offensichtlich um die Auslegung einer Klausel im Vertrag, wenn ich das aus der Öffentlichkeit richtig mitbekommen habe", sagte Reiter: "Es ist die Aufgabe von Gerichten streitige Rechtsfragen zu entscheiden. Der VfL Bochum vertritt die eine Rechtsauffassung, der Spieler und Schalke offensichtlich eine andere. Da die Parteien sich nicht einigen können, ist es korrekt, das Gericht anzurufen. Aus meiner Sicht ist da niemandem ein Vorwurf zu machen."

"Ein Bochumer durch und durch"

Goretzka sei dennoch enttäuscht über die Vorgehensweise des VfL, berichtete Sportdirektor Heldt, "denn er hat sich für uns entschieden, um den nächsten Schritt in seiner Karriere zu gehen."

Und das, obwohl Goretzka in Bochum geboren ist. Bereits in der F-Jugend wechselte er zum VfL. Als Jugendlicher stand er in der Fan-Kurve der Blau-Weißen. Goretzka sei "ein Bochumer durch und durch" und von einwandfreiem Charakter, stellt Neururer klar.

Der 58 Jahre alte Trainer würde Goretzka liebend gern noch ein weiteres Jahr im Trikot seines Herzensklub sehen. Der Spieler habe einen Vertrag bis 2016, über andere Dinge wollte Neururer erst gar nicht spekulieren.

"Ich habe ihn in alle meine Überlegungen zur nächsten Saison eingebunden", sagte Neururer: "Ob und welche Klausel oder Falls-Klausel kommentieren wir gar nicht. Von daher stellt sich mir die Frage gar nicht."

Schalke setzt auf junge Spieler

Doch auch in Schalkes Plänen spielt Goretzka eine wichtige Rolle.

Schalke setzt vermehrt auf junge Spieler. Zuletzt wurde Christian Clemens (21 Jahre) vom 1. FC Köln verpflichtet, mit Julian Draxler (19), Joel Matip (21), Sead Kolasinac (19) stehen weitere junge Eigengewächse im Kader.

Stürmer Philipp Hofmann (20), der zuletzt an den SC Paderborn ausgeliehen war, kehrt nach Gelsenkirchen zurück.

Auch der erst 17 Jahre alte Max Meyer, der noch in der A-Jugend spielt, aber schon erste Bundesliga-Erfahrung sammelte, dürfte in der kommenden Saison mehr und mehr in den Profikader drängen.

Keller setzt auf junge Spieler

Auf Schalke dreht sich derzeit nicht alles, aber sicher vieles um den Nachwuchs.

Man habe eine "sehr gute" Jugendabteilung, lobte Keller und betonte: "Wir achten sehr darauf, dass die Durchlässigkeit (zu den Profis, d. Red.) gegeben ist."

Aufgrund der finanziell begrenzten Mittel der "Knappen" eine nur allzu verständliche Politik.

Denn Schalke muss seit einiger Zeit verstärkt auf Talente statt auf fertige Stars bauen. Fast neun Millionen Euro Verlust machte der Klub im Kalenderjahr 2012, der riesige Schuldenberg schrumpft zwar, beträgt aber laut Klubangaben immer noch stolze 173,1 Millionen Euro.

Goretzka passt ins S04-Konzept

Goretzka würde dementsprechend in das Konzept der Schalker nur zu gut reinpassen.

Da S04 aus juristischen Gründen die Einhaltung der Ausstiegsklausel nicht selber einklagen kann, bleibt dies nun am Spieler selber hängen.

Für den Jung-Profi ist das eine höchste unerfreuliche Sache, zumindest in der Einschätzung dieses Sachverhaltes sind sich Bochum und Schalke einig.

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