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Martin Jol absolvierte neun Bundesligaspiele für Bayern München © getty

HSV-Trainer Jol weiß, wie er mit der Hamburger Euphorie umzugehen hat. Bei Sport1.de gibt er auch einen Einblick in sein Seelenleben.

Von Martin van de Flierdt

München - Der Einzug ins UEFA-Cup-Achtelfinale war ein Klacks: Nach dem 3:0-Hinspielsieg beim NEC Nijmegen bezwang der Hamburger SV die Niederländer auch im zweiten Vergleich. (zum Artikel: HSV lässt zum Jubiläum nichts anbrennen)

In der Liga schwimmt der Spitzenreiter derzeit ohnehin auf einer Erfolgswelle, geht mit breiter Brust in das Match gegen den VfL Wolfsburg (So., ab 16.30 Uhr LIVE). "Von uns aus kann es so gut bis Saisonende weitergehen", sagt Trainer Martin Jol (Porträt).

Im Interview mit Sport1.de verrät der 53-Jährige, wie er der Euphorie in der Hansestadt begegnet, dass er trotz seines ruhigen Naturells aus der Haut fahren kann - und wie er die Meisterschaftschancen des HSV einschätzt.

Sport1.de: Herr Jol, Glückwunsch zum Weiterkommen im UEFA-Cup. Der Hype um den Bundesliga-Tabellenführer HSV ist riesig. Müssen Sie die Begeisterung eigentlich bremsen ? und wenn ja, wie machen Sie das?

Martin Jol: Unsere Fans dürfen sich ruhig freuen. Fast 10.000 von Ihnen haben uns in Düsseldorf gegen Leverkusen unterstützt, so dass es für uns fast ein Heimspiel war. Und wir haben ihnen dafür gegeben, was sie gern haben wollten ? einen Sieg.

Sport1.de: Das ist schon alles?

Jol: Für uns gibt es keinen Grund, in Euphorie zu verfallen. Wir werden ganz in Ruhe weiterarbeiten und probieren, die Balance innerhalb des Teams Stück für Stück zu verbessern

Sport1.de: Der HSV hat immer wieder Ausfälle durch Verletzungen und Sperren wichtiger Akteure beklagen müssen. Warum scheint das keine Folgen auf die Leistung zu haben?

Jol: Jede Mannschaft muss im Laufe der Saison Verletzungen und Sperren wichtiger Spieler in Kauf nehmen. Deswegen braucht man einen ausgeglichenen Kader. Im Winter haben wir mit de Jong, Putsilo, Odjidja-Ofoe und Ben-Hatira vier Spieler abgegeben, dazu kamen die schweren Verletzungen von Atouba und Reinhardt (Porträt).

Sport1.de: Ein paar Ausfälle mehr als bei anderen Mannschaften...

Jol: Wir waren danach gezwungen, auf dem Transfermarkt aktiv zu werden. Wenn wir mit 14 Spielern in die Rückrunde gegangen wären, hätten wir keine Chance gehabt. Natürlich ist es nicht ideal, wenn wir Spieler während der laufenden Saison integrieren müssen. Aber es wäre viel schlimmer, wenn wir die Spieler gar nicht hätten.

Sport1.de: Ihrer Mannschaft wird von der Konkurrenz hochachtungsvoll die Cleverness zugeschrieben, die man braucht, um Meister zu werden. Wie lässt sich so etwas vermitteln?

Jol: Plötzlich sprechen alle von Cleverness. Das ist doch ein Klischee. Wir wollen die Mannschaft immer weiter entwickeln. Dabei kamen uns die vielen Spiele entgegen, Automatismen haben sich entwickelt. Durch die Siege ist auch das Selbstbewusstsein gestiegen. Alles, was die Spieler im Kopf haben, können sie auch erreichen.

Sport1.de: Sie selbst wirken nach außen stets ruhig und gelassen. Inwiefern überträgt sich diese Gelassenheit auf Ihre Spieler?

Jol: Nach außen bin ich ruhig, innen aber manchmal wie ein Vulkan. Ob sich das auf die Spieler überträgt, kann ich ihnen nicht beantworten. Für die Spieler ist es wichtig, ihre Ziele zu verfolgen und ihre Leistung abzurufen. Jeder macht das sicher auf unterschiedliche Art und Weise.

Sport1.de: Piotr Trochowski wurde jüngst zitiert, er könne sich einen Wechsel in die Premier League vorstellen. Wüssten Sie einen Grund, warum er wechseln sollte?

Jol: Ich habe Piotr Trochowski gerade in einem Interview gesehen. Da hat er gesagt, dass er sich sehr wohl in Hamburg fühlt und in dieser Saison etwas mit dem Verein erreichen möchte. Entscheidend ist das Jetzt. Alles Andere sind Spekulationen, die zum Geschäft gehören. (zur Vereinsseite)

Sport1.de: Nach dem lockeren UEFA-Cup-Weiterkommen gegen Nijmegen wartet nun Wolfsburg. Frank Rost sagt, wenn der HSV dort gewinnt, bleibt er dauerhaft oben. Hat er Recht?

Jol: Ich habe selten erlebt, dass Frank Rost mit seinen Aussagen daneben lag.

Sport1.de: Mladen Petric hat seine Rotsperre abgesessen, Paolo Guerrero und Ivica Olic sind bestens in Form. Wie lösen Sie dieses Luxusproblem zur Zufriedenheit aller Beteiligten?

Jol: Wir spielen ja nicht nur in der Bundesliga, wir sind auch noch im DFB-Pokal und im UEFA-Cup dabei. Da werden alle Spieler zu ihren Einsätzen kommen. Wir hatten jetzt gerade drei Spiele in sieben Tagen, da wird sich niemand beschweren, wenn er auch mal eine Pause bekommt.

Sport1.de: Wie beziffern Sie die aktuelle Chancen des HSV auf den Meistertitel?

Jol: Aktuell spielen sechs Mannschaften um den Meistertitel. Wir sind eine davon.

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