In seiner Kolumne für Sport1.de kommentiert Ex-Nationaltorhüter Toni Schumacher das aktuelle Geschehen in der Bundesliga.

Fußball-Bundesliga, Ausgabe 22 - wieder mehr Rätsel, Leistungsnebel statt Klarheit und Tabellenkontur. Ergebnis: Spannung pur. Überall.

Der große Verlierer des Wochenendes: der HSV.

Statt Spitze und im Falle eines Sieges über die VW-Betriebssportgemeinschaft aus Wolfsburg mit einem komfortablen 6-Punkte-Vorsprung auf die UEFA-Cup-Plätze gepolstert, gab es eine bittere 1:3-Klatsche gegen Felix Magaths aufgerüstete Sturmtruppe.

Der zweitstärkste Angriff der deutschen Eliteklasse um Brasil-Bomber Grafite (schon 14 Tore) zerlegte den Titelanwärter bereits in der ersten Halbzeit und offenbarte das Problem der Hanseaten: die Nerven.

Denn eigentlich stimmt alles an der Elbe: Eine Top-Mannschaft, ein erfahrener und ausgefuchster Trainer, sehr gutes Management, Super-Stadion und eine tolle Fan-Schar.

Doch sobald man offiziell von der Meisterschaft spricht und die Spieler selber daran glauben wollen - schwupp, fällt das mühsam erarbeitete Kartenhaus mit einer Pleite wieder in sich zusammen.

Die Folge: das Selbstbewusstsein leidet, die unterschwellige Versagensangst in den wichtigen Momenten wird betoniert. Die Pleite gegen Wolfsburg war deshalb ein ganz schlimmer Rückschlag.

Ich bin mir sicher: Mit Langzeitfolgen. Pures Gift für die Köpfe. Man muss nur mal in Leverkusen und Schalke nachfragen wie sich das anfühlt, immer in großen Spielen mit leeren Händen in die Kabine zu trotten...

Die Konsequenz dieses Resultats: Mit dem VfL Wolfsburg greift eine Mannschaft und ein Klub in das Rennen um die Schale an, der mit ziemlichem Anlauf kommt.

Die Wölfe hatte ich zu Saisonbeginn unter den Top 5 erwartet und bin dann vom Stolper-Start und einer durchschnittlichen Hinrunde enttäuscht worden.

Jetzt aber läuft der zusammengekaufte und gebastelte Highspeed-Motor auf gefährlichen Touren.

Das UEFA-Cup-Aus gegen Paris wurde locker verkraftet und schont Power für die bisher stark geglückte Rückrunde (ungeschlagen, 13 Punkte).

Der Riesenvorteil: keiner kann sich vorstellen, dass der VfL Meister wird. Aber: Mega-Chef Felix weiß, wie sich die Schale anfühlt.

Wie die Konkurrenz - vor allem in München - denkt, fühlt arbeitet. Er kennt den Weg zum Triumph und er ist ein gnadenloser Realist und Arbeiter.

Und der Kalender birgt echte Chancen: Der VfL "Golf GTI" hat nun zwei Heimspiele in Folge und begrüßt die direkte Konkurrenz ebenfalls noch in der VW-Arena.

Bayern und Hoffenheim müssen genauso nach WOB wie Leverkusen und Schalke. Der Blick auf die Statistik verrät: in der Autostadt hat in dieser Saison national noch NIEMAND gewonnen!

Auf dem Papier gibt es also neben der Hertha mit dem VfL Wolfsburg einen ECHTEN Geheim-Tipp. Zumal Magath das uneingeschränkte Vertrauen des Konzerns genießt und keine Störfeuer zu erwarten sind.

Konkret: Wolfsburg hat Bayer 04 Leverkusen als Werksklub mit Titelgefahr endgültig abgelöst!

Was einst in Leverkusen von 1999 bis 2003 glitzerte, wird nun am Mittelland-Kanal mit brutaler Konsequenz weiter geführt. Gezielte Investitionen in die Mannschaft, ein Erfolgs-Trainer mit Allmacht, Anspruchsdenken offen gelebt.

Ganz im Gegensatz zu Leverkusen: Dieser Talentschuppen mit Zukunft zerfällt aktuell in Einzelteile. Aber irgendwie hat man das schon so oft erlebt...

Bis auf das Fast-Abstiegsjahr 2003 gehört Bayer 04 seit einer Dekade zur Beletage der Liga.

Etliche Champions-League-Teilnahmen, das Denkmal Rudi Völler als Gesicht, Geburtsstätte von Stars wie Lucio, Ballack, Ze Roberto, Berbatov.

Eine spielende, fast zaubernde Mannschaft. Und regelmäßig Abstürze, die das Innenleben des Klubs verstören.

Wenn dann Rudi Völler seinen Jung-Star Rene Adler auch noch "gleichschaltet" und Schelte an den Teamkollegen verbietet, weiß man, dass in Leverkusen die Krise ausgebrochen ist. Ausgerechnet jetzt kommt Angstgegner Bayern in die LTU-Arena nach Düsseldorf.

Wenn Bayer 04 nicht die Kurve kriegt, die internationalen Plätze wieder verfehlt - wird es irgendwann auch keinen Rudi Völler mehr dort geben.

Denn einem wie ihm ist der Blick in den Spiegel schon grau genug, als dass "Ruuuudiii" im Niemandsland der Liga täglich das "Murmeltier Rückschlag im falschen Moment" begrüßen will.

Bis nächste Woche

Euer Toni Schumacher

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