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Jürgen Klinsmann begann seine Profikarriere bei den Stuttgarter Kickers © imago

Jürgen Klinsmann gibt nicht auf. "Es ist noch viel zu gewinnen", sagt der Coach des FC Bayern vor dem Heimspiel gegen Hannover 96.

Über den FC Bayern berichtet Daniel Rathjen

München - Ze Roberto (Spielerportrait) hatte recht.

Dem feinfühligen Brasilianer war aufgefallen, dass sein Trainer derzeit "angeschlagen" wirke.

Und tatsächlich verhielt sich Bayern-Coach Jürgen Klinsmann vor dem Heimspiel gegen Hannover 96 (Sa., ab 15 Uhr LIVE) irgendwie anders als sonst.

Das sonst so herzhafte "Mahlzeit miteinander!" zur Begrüßung war leise, und der Smalltalk vorab des Pressetalks an der Säbener Straße fiel gänzlich weg.

Vor dem "Schicksalsspiel" umgibt den einstigen kalifornischen Sunnyboy die Endzeitstimmung des bayerischen Winteralbtraums 2009.

Nur das Spiel zählt

Klinsmann bemüht sich, die Aufmerksamkeit von sich abzulenken. "Unabhängig davon, was über mich geschrieben wird. Das Spiel ist wichtig, um sofort auf Tuchfühlung mit dem ersten Platz zu kommen", stellt er klar.

Ob die Mannschaft gegen Hannover für ihn spiele? "Die Mannschaft spielt für den FC Bayern, diesen tollen und faszinierenden Klub. Und der Trainer gehört mit dazu." (zur Vereinsseite)

Klinsmann kennt die Mechanismen des Profifußballs: "Dass der Trainer in erster Linie den Kopf dafür hinhalten muss, wenn die Ergebnisse wie jetzt nicht so optimal sind, ist der Gang der Dinge. Das ist okay, damit habe ich kein Problem."

"Es gibt noch viel zu gewinnen"

Es gebe noch viel zu gewinnen, der immense Druck mache ihm nichts aus.

"Bei diesem Klub herrscht bei allen von uns eine permanente Erwartungshaltung. Der Druck ist ein positiver Wegbegleiter, weil er die Wichtigkeit dieses Klubs dokumentiert", sagt der 44-Jährige kühl.

Dabei schrillen in der Vorstandsetage nach dem Pokal-Aus gegen Bayer Leverkusen im Viertelfinale längst die Alarmglocken. Klinsmanns Projekt droht nach Lage der Dinge ein jähes Ende. (NACHBERICHT: Hitzfeld rechnet mit Klinsmanns Taktik ab)

Hoeneß Ruhe bedeutet Gefahr

"Ich kann wirklich nicht beschreiben, was im Moment bei uns los ist. Ich habe in meiner ganzen Bayern-Karriere noch nie einen solch schweren Moment erlebt", sagte Ze Roberto der "tz".

Als Beleg für die ausgewachsene Krise beim deutschen Rekordmeister kann auch die demonstrative Ruhe von Manager Uli Hoeneß gewertet werden, der zuletzt auf Treueschwüre verzichtete.

Dafür debattieren die Spieler öffentlich umso lauter über Gemütszustand und Taktik ihres Trainers. Experten wie Ottmar Hitzfeld, Lothar Matthäus oder Thomas Berthold bei Sport1.de sparen nicht mit Kritik. ("Irgendwann nimmt dich keiner mehr ernst")

Kritik von Matthäus

"Mich überrascht, dass ein gestandener Spieler wie Philipp Lahm öffentlich die Taktik von Jürgen Klinsmann kritisiert. Das sollte einen nachdenklich stimmen. Öffentliche Kritik an der Taktik ist ein Stich ins Herz eines Trainers", weiß Matthäus.

Der Coach des israelischen Erstligisten Maccabi Netanya glaubt aber, dass die Bayern-Führung den Coach nicht so schnell fallen lassen wird: "Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß sitzen mit Klinsmann in einem Boot, sie haben ihn geholt und den Coup als Sensation gefeiert."

Der mediale Druck wird unterdessen größer und größer. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" lästert über des Trainers PR-Mentalität, wortreich Positives zu betonen und Optimismus zu propagieren.

Klinsi allein im "Orkan der Kritik"

"Klinsmann-Plattitüden" wird das genannt. Die "Süddeutsche Zeitung" sieht Klinsmann "nun endgültig allein gelassen im Orkan der Kritik".

Der Mannschaft fehlt es an Killerinstinkt und Ordnung. Und gegen Hannover plagen Klinsmann auch noch Personalprobleme.

Luca Toni fällt gegen wegen Achillessehnenbeschwerden genauso wie der gelbgesperrte Kapitän Mark van Bommel aus - Franck Ribery, Bastian Schweinsteiger sind wegen Prellungen zudem angeschlagen, Tim Borowski (Porträt) macht eine Oberschenkelzerrung zu schaffen.

Motivation als größtes Problem

"Wir müssen die Dinge so nehmen, wie sie kommen. Die Mannschaft, die auflaufen wird, hat es in sich und genug Qualität, um Hannover zu schlagen. Ich erwarte totales Engagement und Feuer von der ersten Sekunde an", fordert Klinsmann.

Das größte Problem wird für ihn sein, das Starensemble richtig zu motivieren. Momentan stimmen nur in der Champions League Aggression und Konzentration.

"Nach dem Double-Gewinn letztes Jahr denken vielleicht einige, Meisterschaft und Pokal gehen von selbst. Aber das ist die falsche Denkweise. Darauf weisen wir ständig hin, aber abrufen muss es jeder Spieler für sich selbst", betont der Trainer.

Alte Tugenden gehen vor

Leverkusen hat es dem FC Bayern am Mittwoch mit gnadenlosem Pressing gezeigt. (Leverkusen wirft Bayern raus)

Klinsmann dazu: "Das muss ich neidlos anerkennen. Eigentlich hätte das von uns ausgehen müssen. Wir müssen über die Zweikämpfe ins Spielerische finden."

Gegen Hannover gehen alte Tugenden vor revolutionäres Offensiv-Spektakel.

"Es wird ein interessantes Spiel", sagt Klinsmann. Wohl wahr.

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