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Pep Guardiola (r.) holte mit dem FC Barcelona als Coach 14 Titel © getty

Bayerns Trainer Guardiola macht einen Kultur-Crashkurs und wundert sich über die Unterschiede. Umbauarbeiten stehen ihm bevor.

Von Martina Farmbauer

München - Zwischenzeitlich sah es so aus, als ob die Erwartungen schwer auf dem Mann mit den schmächtigen Schultern lasteten.

Und als ob er sich das, was er meisten brauchte, am wenigsten nehmen könnte.

"Ich brauche ein bisschen mehr Zeit für Deutschland kulturell, seinen Fußball, seine Mentalität, für meine Spieler", sagte Pep Guardiola nach dem Sieg mit dem FC Bayern, dem aktuell besten Verein der Welt, im DFB-Pokal beim SV Rehden. Vor vier Wochen war das.

"Lasst mir ein bisschen mehr Zeit." Zeit, bei Bayern?

Erste Verschnaufpause

Nun hat Guardiola sie, die erste längere Pause, seit er in München ist. Die Nationalmannschaft tritt in der WM-Qualifikation am Freitag in München gegen Österreich und am kommenden Dienstag in Torshavn gegen die Färöer an.

Die Bundesliga setzt deswegen aus. Macht zwei Wochen Ruhe zum Durchschnaufen.

Guardiola braucht diese Zeit, denn trotz des geglückten Saisonstarts, inklusive des Supercup-Siegs über den FC Chelsea, steckt der FC Bayern weiter in einer turbulenten Phase.

Neues System und Verletzungsseuche

Pep, der Baumeister, schraubt am Team, fixiert sein favorisiertes 4-1-4-1-System und muss quasi nebenbei noch Lösungen für die Verletztenmisere suchen.

Das 62-Milllionen-Euro-Paket in Form von Mario Götze und Thiago Alcantara ist dabei, sich von Operationen erholen, der erhoffte Konkurrenzkampf in der Offensive verläuft so deutlich gebremst.

Doch wirkliche Bauchschmerzen bereitet Guardiola die Misere auf der Sechserposition. Javier Martinez: am Dienstag frisch an der Leiste operiert. Luiz Gustavo: nach Wolfsburg transferiert. Bastian Schweinsteiger: im Aufbautraining.

Guardiola wird also im defensiven Mittelfeld Optionen testen, der etatmäßige Außenverteidiger Philipp Lahm ist eine davon.

Vertrauen zahlt sich aus

Lahms Vertrauen hat der Katalane längst erobert - ebenso wie das des gesamten Teams. Und dies ist eine der größten Errungenschaften seiner Anfangszeit in München.

Es scheint, als ob Guardiola mehr und mehr in München ankommen würde - auch wenn er dem spanischen Fernsehsender "Canal Plus" nach dem Gewinn des Supercups sagte:

"Es würde mir gefallen, wenn wir in dem ganzen Prozess der Eingewöhnung so spielen würden wie heute. Ich muss mich an die Kultur in Deutschland gewöhnen, die Deutschen sind direkter, weniger bedächtig."

Kuss für Pep

Beim Supercup war Guardiolas zweite Ankunft - nach der ersten, physischen, auch die mentale und emotionale - deutlich geworden, und zwar an den Reaktionen von Team und FCB-Bossen.

Franck Ribery, der Änderungen des Trainers zu Beginn der Vorbereitung komisch gefunden hatte, lief nach seinem Tor auf diesen zu und küsste ihn auf die Glatze.

"Das ist wichtig für ihn", sagte der Franzose. "Wir haben es so gut gemacht im vergangenen Jahr und alles gewonnen, das ist nicht einfach für Pep, er hat viel Druck. Er ist ein richtig guter Trainer, macht das sehr gut, wir sind zufrieden mit ihm."

Der Kritik entgangen

Auch Matthias Sammer betonte, wie wichtig der Sieg für Guardiola war.

"Es hätte Kritik geben können", sagte der Sportvorstand über eine mögliche Niederlage, "und dann wird einfach zu viel geredet, nicht nur das Richtige."

Über das 4-1-4-1-System beispielsweise, das in Prag anfällig für Konter war.

Ohne "mensajeros" beim FCB

Und man wundert sich, wenn Guardiola nach einer unterdurchschnittlichen Leistung wie zuvor beim 1:1 beim SC Freiburg Lob verteilt. Aber das hat er auch beim FC Barcelona schon gemacht, es ist seine Art und Weise, die Spieler hinter sich zu bringen.

In München ist es umso wichtiger, sich nach außen vor die Mannschaft zu stellen, weil Guardiola in Barcelona sogenannte 'mensajeros' hatte, die Spielern schlechte Nachrichten überbrachten oder ihm widerspiegelten, wenn Lionel Messi schlecht gelaunt war.

Guardiola spricht zwar passabel Deutsch. Aber diese Boten hat er bei Bayern, wohin er vier Mitglieder für den Trainerstab mitgebracht hat, aus sprachlichen und strukturellen Gründen noch nicht.

Spielerfreund geht auf Tuchfühlung

Es hatte auch aus anderen Gründen nach den ersten Auftritten und Eindrücken durchaus Zweifel gegeben, dass es mit Guardiola und Bayern funktionieren würde.

Beim ersten Testspiel bei einem Bayernfanklub in der Oberpfalz ging er ohne Kommentar an Zuschauern und Journalisten vorbei. Und es stellte sich die Frage: War das etwas Persönliches, Guardiola ein Grummler, oder kulturell bedingt?

Im Training redet der Spielerfreund fast ständig auf die Spieler ein, spielt selbst mit, geht in (Körper-)Kontakt. Diese Intensität ist typisch für Guardiola und hat dazu geführt, dass er nach seinem Einsatz für den FC Barcelona erst einmal ein Jahr Pause in New York brauchte.

"Pep ist Führer und Verführer"

"Er ist sehr anspruchsvoll, um nicht zu sagen Perfektionist", sagt der katalanische Autor Miguel Angel Violan ("Pep Guardiola: So geht?s anders!").

Distanziert ist der Umgang mit den Medien, außer in der Pressekonferenz beantwortet Guardiola keine Fragen, Interviews gibt er schon gar. Wie das geht in der Medienlandschaft München? Es geht sehr gut, was außer auf die Erfolge sicher auch auf Guardiolas Charisma zurückzuführen ist.

"Er ist nicht nur ein Führer, sondern auch ein Verführer", sagt Autor Violan. Wenn man Guardiola einmal die Hand gegeben hat und sieht, wie Spieler, Verantwortliche und Journalisten in Prag an Guardiolas Lippen hingen, dann weiß man, was er meint.

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