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Mladen Petric erzielte in Gladbach sein zehntes Saisontor © getty

Nach dem desaströsen Auftritt in Mönchengladbach geht beim HSV die Furcht um, in dieser Saison noch alles zu verspielen.

Von Martin Hoffmann

München - Aufstieg und Fall, Euphorie und Katzenjammer - selten lagen die Gegensätze im Meisterschaftskampf so dicht beieinander wie in dieser Saison.

Für diese Behauptung liefert der Hamburger SV gerade das beste Anschauungsmaterial. Zwei Wochen ist es her, dass Martin Jols Männer umjubelter Tabellenführer waren.

Nun hat man das Gefühl, dass das eine Erinnerung ist, die beinahe so weit entfernt ist wie die Ernst-Happel-Ära.

Nach der in jeder Hinsicht indiskutablen 1:4-Schlappe beim bisherigen Tabellenletzten Mönchengladbach (zum Spielbericht) redet in Hamburg schon niemand mehr vom Titel - stattdessen macht sich Angst breit, dass die Spielzeit noch mit dem Super-GAU endet.

Petrics warnende Worte

Stürmer Mladen Petric sprach es am deutlichsten aus.

"Alle reden von Titeln, aber wir müssen jetzt hinter uns schauen", mahnte der Kroate: "Es kann gut sein, dass wir am Ende der Saison mit leeren Händen dastehen."

Ein Gedanke, mit dem sich der HSV - das einzige Bundesliga-Team, das noch Chancen auf drei Titel hat - nach dieser hasenherzigen Vorstellung ernsthaft auseinandersetzen muss.

Debakel auf fast allen Ebenen

Dabei hatte Keeper Frank Rost nach dem schläfrigen Pokalauftritt gegen Zweitliga-Schlusslicht Wehen Wiesbaden noch eindringlich gewarnt, dass eine solche Leistung gegen Erstliga-Schlusslicht Gladbach nicht ausreichen würde.

Doch so wie sich seine Vorderleute in Gladbach präsentierten, sah es aus, als ließen sie es auf den Versuch ankommen.

Das Ergebnis war der Absturz auf Platz fünf (DATENCENTER: Spieltag und Tabelle) und ein Debakel auf fast allen Ebenen, für das Jol nur das Wort "schrecklich" übrig hatte.

Aneinanderreihung von Verirrungen

Besonders fuchste ihn die Aneinanderreihung von defensiven Verirrungen, die jedem Gegentor vorausgingen.

Der Stellungsfehler Jerome Boatengs beim Angriff der zu Rob Friends 1:0 führte. Das Zweikampfverhalten von Joris Mathijsen, das sowohl Tobias Levels' 2:1, als auch den von Marko Marin verwandelten Strafstoß zum 4:1 begünstigte.

Das kollektive Ignorieren des mitgelaufenen 3:1-Schützen Roel Brouwers. Die Verfehlungen waren so zahlreich wie haarsträubend.

"Wenn man die Tore so verschenkt, dann ist es schwierig zu gewinnen", konnte Jol da nur festhalten.

Mangel an Tugenden und Spielkultur

Aber auch sonst offenbarte der HSV einen Mangel an fast allem, was ein Spitzenteam ausmacht.

Es fehlte von Beginn an Engagement und Initiative, Tugenden die sich die Hamburger auch nach den Gegentoren nicht entlocken ließen.

Auch die Spielkultur wurde besonders im Mittelfeld vermisst, wo weder Gladbach-Heimkehrer Marcell Jansen noch Piotr Trochowski über außen Akzente setzten.

Symptomatisch, dass die Vorarbeit zu Mladen Petrics zwischenzeitlichem Ausgleichstor eigentlich keine war, sondern ein verunglückter Torschuss Trochowskis.

Kontrastpunkt Marin

Den Kontrast dazu setzte ausgerechnet der vom HSV so intensiv umworbene Marko Marin.

Mit einem Tor und Beteiligung an zwei weiteren konnte das Gladbacher Top-Talent den Hauptanteil an Gladbachs wohl bester Saisonleistung für sich reklamieren.

Er tat es klugerweise nicht, sondern vermied jedes Eigenlob, dass ihm der so kritische Coach Hans Meyer negativ auslegen könnte.

Stattdessen hob er die Bedeutung des Siegs für das Kollektiv hervor: "Es war ein wichtiger Schritt für uns, dass wir die nächsten Spiele etwas mit etwas mehr Ruhe angehen können."

Intensive Morgenluft

Allzu groß kann die zwar nicht sein, da Gladbach immer noch auf einem Abstiegsplatz steht.

Aber so intensiv wie jetzt hat die Borussia in dieser Saison noch nie Morgenluft gewittert.

Acht Punkte aus den jüngsten fünf Spielen, das erste Mal seit dem 15. Spieltag nicht mehr Letzter - dazu die Gelegenheit beim Derby in Köln kommende Woche die Abstiegsplätze zu verlassen.

Die von vielen schon totgesagten "Fohlen" kommen womöglich gerade rechtzeitig noch auf Trab.

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