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Timo Hildebrand steht seit 2011 bei Schalke 04 unter Vertrag © getty

Schalkes Keeper Timo Hildebrand erklärt bei SPORT1 den Boateng-Effekt und spricht über zuweilen nervige Torwartdiskussionen.

Von Andreas Reiners

Gelsenkirchen - Timo Hildebrand hat in seiner Karriere beinahe alles erlebt.

Er feierte die deutsche Meisterschaft, wagte den Schritt ins Ausland und stand auch schon ohne Job da.

Früher nahm er selten ein Blatt vor den Mund. Doch neben zahlreichen positiven hat der 34-Jährige in seiner Karriere auch einige negative Erfahrungen gemacht. Deshalb nimmt sich der frühere Nationaltorhüter heute mehr zurück, wie er SPORT1 im Interview verriet.

Für die forschen Töne haben die Gelsenkirchener jetzt jemand anderen: Kevin-Prince Boateng ließ in seiner kurzen Zeit auf Schalke allerdings auch auf dem Platz schon Taten sprechen.

Boateng sei noch "einer dieser echten Straßenfußballer. Prince haut schon mal im richtigen Moment dazwischen", sagt Hildebrand. Der Schalker Keeper erklärt im SPORT1-Interview den Boateng-Effekt und spricht zudem über nervige Torwartdiskussionen.

SPORT1: Herr Hildebrand, Schalke ist in dieser Saison offenbar mal wieder eine kleine Wundertüte. Was fehlt noch zu einer Spitzenmannschaft?

Timo Hildebrand: Dasselbe wie in der vergangenen Saison: Dass wir konstant spielen. Wir waren im letzten Jahr auch eine Wundertüte. Viele haben gedacht, dass wir jetzt stabiler sind. Aber wir haben bis jetzt nicht viele Punkte geholt. Ich hoffe, dass wir jetzt anfangen, konstant zu punkten (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)

SPORT1: Bei Ihnen war recht schnell klar, dass Sie die Nummer eins bleiben. Trotzdem hat man das Gefühl, dass es auf Schalke immer sehr schnell eine Torwart-Diskussion gib. Stört Sie so etwas noch?

Hildebrand: Ich finde es ehrlich gesagt unnötig und verstehe es auch nicht wirklich. Natürlich ist man als Torwart auch davon abhängig, dass es in der Mannschaft gut läuft. Aber ich denke, dass ich sehr konstant gespielt habe. Und meiner Meinung nach ist das immer noch so. Ich kann meine Argumente nur auf dem Platz sammeln, werde aber nicht mit jedem über gute oder schlechte Torwartaktionen diskutieren können.

SPORT1: Sie haben in den vergangenen Jahren viel erlebt, von der Meisterschaft bis zur Arbeitslosigkeit. Warum lernt man durch die negativen Erfahrungen mehr als durch die positiven?

Hildebrand: Weil man sich selber besser kennenlernt und lernt, wie man mit solchen Rückschlägen umgeht. Auf einer positiven Welle kann jeder mitschwimmen. Aber wenn es mal hart auf hart kommt, lernt man viel über sich selbst. Wenn man es dann schafft, wieder nach oben zu kommen, ist das oft mehr wert als eine Bilderbuch-Karriere.

SPORT1: Was haben Sie über sich gelernt?

Hildebrand: Dass ich mental stark und gewappnet bin. Auch wenn ich inzwischen nicht mehr so sehr der "Hau-drauf-Typ" bin. Ich will mich nicht selbst loben, aber ich glaube schon, dass es sehr ungewöhnlich ist, dass man nach der Arbeitslosigkeit noch einmal so hoch spielt. Da gehört natürlich auch Glück dazu, aber letztendlich kann ich stolz darauf sein, es noch einmal geschafft zu haben.

SPORT1: Sie haben gesagt, Sie seien sehr selbstkritisch. Was war Ihr größter Fehler?

Hildebrand: Ich habe relativ lange auf Meinungen anderer gehört. Ohne nachtragend sein zu wollen, hätte ich da meinen eigenen Weg gehen sollen.

SPORT1: War vielleicht auch der Wechsel ins Ausland ein Fehler?

Hildebrand: Nein, den ersten Wechsel wollte ich ja und habe ihn auch selbst forciert. Es war einfach ein schlechter Zeitpunkt und der falsche Verein, in Valencia ging es drunter und drüber. Man sieht ja heute, wie viele Spieler im Ausland spielen, bei denen es super läuft und die sich durchsetzen.

SPORT1: Und was war im Nachhinein die beste Entscheidung?

Hildebrand: Die letzte Vertragsverlängerung in Stuttgart. Danach sind wir Meister geworden, obwohl es uns keiner zugetraut hat. Ohne diese Entscheidung wäre ich wohl nie Deutscher Meister geworden.

SPORT1: Schalke war am Anfang der Saison schnell die Versagertruppe. Dann schafft die Mannschaft mit Ach und Krach die Champions-League-Qualifikation, im Anschluss kommen Dennis Aogo und Kevin-Prince Boateng ins Team und es läuft. Können Sie dieses Phänomen erklären?

Hildebrand: Das ist schwer zu erklären. Ich glaube, dass es auch eine Bewusstseinsfrage ist. Etwas Mentales, das man verändern muss, damit wir konstant auf hohem Niveau spielen. Ich vergleiche das mit einem Trainerwechsel. Da kommt auch oft ein frischer Wind rein. Auch wenn man weiß, dass eigentlich dieselben Spieler auf dem Platz stehen. Die zwei Jungs waren unbelastet und unbekümmert und haben einfach drauf los gespielt und sich super eingefügt. Dadurch haben sie die Mannschaft mitgezogen.

SPORT1: Was zeichnet Kevin-Prince Boateng aus?

Hildebrand: Er hat eine hohe Qualität und eine hohe Ausstrahlung und Präsenz. Wir haben noch nicht so viel zusammen trainiert, aber da erkennt man schon, dass er etwas draufhat. Er ist noch einer dieser echten Straßenfußballer.

SPORT1: Schalke hat ja eigentlich keinen Mangel an Führungsspielern. Hat dennoch ein Leader a la Boateng gefehlt? Er ist ja eher der ?

Hildebrand: ? extrovertierte Typ (lacht).

SPORT1: Genau. Hat so jemand Schalke gefehlt?

Hildebrand: Ich persönlich finde solche Charaktere immer gut, weil ich in Stuttgart selbst einer war, der vorneweg ging. Der eine Angriffsfläche geboten hat für Medien und Leute von außen. Seit den Negativerfahrungen habe ich mich da aber immer mehr zurückgenommen. Ich weiß heute teilweise gar nicht mehr, wie man sich nach außen hin verhalten soll. Sagt man etwas Negatives, ist man ganz schnell der Motzki. Sagt man etwas Nettes, sieht man alles nur rosarot. Aber Prince haut dann schon mal im richtigen Moment dazwischen.

[kaltura id="0_bobx6lkp" class="full_size" title="Boateng liebt den Druck"]

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