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Jos Luhukay arbeitet seit 2012 als Trainer für Hertha BSC © getty

Vor einem Jahr weckte Jos Luhukay die Hertha mit einer Wutrede auf. Mit ungewöhnlichen Regeln sorgt der Coach für Ruhe im Klub.

Von Raphael Weber und Anett Sattler

München/Berlin ? "Zu viele bei Hertha meinen, dass sie Status haben, Namen oder Stellenwert. Das werfe ich ab heute alles in die Mülltonne."

Knapp ein Jahr liegen diese Worte zurück.

Mit seiner Wutrede sorgte der sonst so besonnene Jos Luhukay bei Hertha BSC für Aufsehen. 1:3 hatte seine Mannschaft gerade beim FSV Frankfurt verloren, da platzte dem Niederländer die Hutschnur.

Gut zwölf Monate später lässt sich festhalten: Die Worte haben ihre Wirkung nicht verfehlt. Erst schaffte die Hertha den Aufstieg, dann legte sie den besten Saisonstart ihrer Bundesliga-Geschichte hin.

Nach dem kleinen Dämpfer beim 0:2 in Wolfsburg will der Hauptstadtklub gegen den VfB Stuttgart (ab 20 Uhr im LIVE-TICKER und bei SPORT1.fm) will der Aufsteiger zurück in die Erfolgsspur.

Brandrede als Wendepunkt

Die hat Luhukay den Berlinern gezeigt. "Armutszeugnis, völlig versagt, hilflos, katastrophal" waren weitere Charakterisierungen, mit denen er 2012 nach dem Zweitliga-Fehlstart seine Mannschaft abwatschte.

Berlin war seinerzeit in der öffentlichen Wahrnehmung am Tiefpunkt - nach desolater Saison, drei Trainerwechseln (Markus Babbel - Michael Skibbe - Rene Tretschok/Ante Covic - Otto Rehhagel) und Abstieg in der Skandal-Relegation gegen Fortuna Düsseldorf mit juristischem Nachspiel.

Doch die Wutrede von Frankfurt brachte die Wende, die Hertha blieb 21 Spiele in Folge ungeschlagen und marschierte zum Aufstieg.

Der Vater des Erfolgs

Der Vater des Erfolgs ist Luhukay, der im pulsierenden Berlin Ruhe in den Verein gebracht hat und die Hertha auf dem Spielfeld wieder nach oben führte.

"In der vergangenen Saison in der Zweiten Liga haben wir uns Anerkennung und Respekt zurückverdient", erklärt der 50-Jährige im SPORT1-Interview.

Aus Herthas starken Individualisten hat der Vater des Erfolgs eine Mannschaft geformt, die ihm folgt und jetzt auch in der Bundesliga für Furore sorgt. "Wenn wir erfolgreich sein wollen, müssen wir uns gegenseitig vertrauen können", sagt Luhukay.

Für Manager Fredi Bobic vom VfB Stuttgart stehen die Qualitäten des Niederländers außer Frage: "Außerhalb ist er der meistunterschätzte Trainer der gesamten Liga, aber in Fachkreisen ist Luhukay einer der am meisten geschätzten. Ich habe ihn kennengelernt, ein absoluter Fachmann, ein Top-Trainer und ein Glücksgriff für Hertha."

Bei Heynckes in der Lehre

Bis dahin musste Luhukay aber auch Enttäuschungen wegstecken. Nach Stationen in Uerdingen, Köln und Paderborn wurde er 2007 bei Borussia Mönchengladbach Assistent von Jupp Heynckes, den er nach dem Rücktritt im Januar 2008 sogar als Chef beerbte.

"Die Zeit mit Jupp Heynckes war unglaublich gut und sehr positiv", schwärmt Luhukay: "Es war nur eine kurze Zusammenarbeit, aber aus menschlicher Sicht und was seine Trainerfähigkeit angeht, war es beeindruckend."

Den Abstieg konnte Luhukay nicht verhindern, schaffte mit den Fohlen aber den direkten Wiederaufstieg. Fünf Monate nach der Bundesliga-Rückkehr wurde der Niederländer dennoch entlassen.

Premiere mit Augsburg

"In einem Leben gibt es positive und negative Erlebnisse, die man erst einmal verkraften muss", blickt Luhukay zurück: "Das prägt einen Menschen. Wenn es einem nur gut geht, weiß man später nicht damit umzugehen, wenn es mal nicht so positiv läuft."

Luhukay kehrte 2009 stark zurück, heuerte beim FC Augsburg an und führte die Schwaben 2011 erstmals in die Bundesliga.

"Augsburg war drei Jahre lang eine tolle Erfolgsgeschichte" blickt der Trainer zurück. Nach dem Klassenerhalt 2012 "war der Zeitpunkt gut, um Augsburg zu verlassen."

Risiko bei der Hertha

Der Wechsel zur frisch abgestiegenen Hertha war für Luhukay dennoch nicht ohne Risiko. "Viele Menschen haben mir abgeraten, es zu machen", berichtet er im "kicker".

Doch Luhukay brachte die Ruhe und den Erfolg zurück zur Hertha - nach wie vor auch mit ungewöhnlichen Regeln. So verordnete er seinen Spielern vor Punktspielen eine Ausgangssperre ab Dienstag - um vor allem junge Profis vor den Verlockungen des Nachtlebens zu schützen. "Berlin lebt 24 Stunden am Tag."

Auch die Euphorie in der Hauptstadt ist für Luhukay kein Problem, wie er bei SPORT1 erklärt: "Unsere Fans dürfen euphorisch sein und träumen. Aber wir müssen einen weiteren Blick haben."

Der geht zunächst auf den VfB ? und dann auf eine erfolgreiche Zukunft an der Spree.

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