Die Rückzugsankündigung des NRW-Innenministers für das Schalker Stadion schlägt hohe Wellen. Der Schwarze Peter wandert zum Klub.

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München/Düsseldorf - Das Ticket für die Champions League ist gelöst, die Gruppengegner ausgelost, doch das Playoff-Duell des FC Schalke 04 mit PAOK Saloniki sorgt weiter für schwerste Verwerfungen.

Ums Sportliche geht es dabei schon lange nicht mehr, sondern nur noch darum, wer was wann zu wem gesagt hat - bevor die Polizei zu ihrem umstrittenen Einsatz mit Schlagstöcken und Tränengas in den Schalker Block einrückte.

Diese Geschichte hat spätestens seit Donnerstag den Rahmen des Lokalen durchbrochen - und könnte Auswirkungen auf die gesamte Bundesliga und deren Fans haben.

Mit der Ankündigung, dass sich die Gelsenkirchener Polizei fortan aus dem Stadion zurückziehen werde, löste Ralf Jäger, Innenminister von Nordrhein-Westfalen, wie zu erwarten eine hitzige Diskussion über die Sicherheit in Fußballstadien aus.

Wir das Schalker Modell sogar eines für andere Bundesliga-Standorte?

Präzendenzfall oder nicht?

Jäger glaubt das nicht. "Das ist allein ein Problem, das in Schalke existiert - und das in Schalke gelöst werden muss", betonte er und schloss einen Präzedenzfall für den deutschen Fußball ausschloss.

Schalkes Revierrivale Borussia Dortmund muss ähnliche Schritte der Polizei in seiner Arena jedenfalls derzeit nicht befürchten. "Wir haben eine enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem BVB. Die Gelsenkirchener Verhältnisse sind nicht eins zu eins auf uns übertragbar", sagte Polizeisprecher Kim Ben Freigang.

Allerdings könnten sich Minister und Polizei-Verantwortliche in Zukunft natürlich am Vorbild Gelsenkirchen orientieren - egal ob Jäger das will oder nicht.

"Kriegserklärung an die Bundesliga"

Vom politischen Gegner kommt direkt Gegenwind. Jägers Schnellschuss sei "eine Kriegserklärung an die gesamte Bundesliga. Zudem spielt er fahrlässig mit der Gesundheit und der Sicherheit der Fußballfans", erklärte Peter Biesenbach als stellvertretender CDU-Fraktionsvorsitzender im Düsseldorfer Landtag

Heribert Bruchhagen, als Vorstandsboss von Eintracht Frankfurt mit Problemfans durchaus vertraut, glaubt aber nicht, dass Fußball-Stadien künftig zu polizeifreien Zonen werden, in denen nur noch Mitarbeiter von Sicherheitsdiensten für Ordnung sorgen.

"Es gibt Diebstähle, es gibt Scharmützel zwischen rivalisierenden Fans - es wäre ja ungewöhnlich, wenn 48.000 Menschen zusammenkommen und es nicht zu einem rechtsstaatlichen Verstoß kommen würde", sagte Bruchhagen im "Hessischen Rundfunk".

Kollege Christian Heidel vom FSV Mainz 05 hat für einen Rückzug der Ordnungskräfte aus den Stadien kein Verständnis. "Selbstverständlich muss bei einer Großveranstaltung die Polizei vor Ort sein. Das ist ihr Auftrag", sagte Heidel bei "sky".

Wendt: Verein muss für Sicherheit sorgen

"Für die Sicherheit und Ordnung im Stadion ist in erster Linie der Verein zuständig", hält Rainer Wendt, Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft, bei SPORT1 dagegen. Er ist über Jägers Ankündigung erfreut, wehrt Befürchtungen aber ab: "Die Ordnungskräfte im Stadion müssen einschreiten und haben dann genügend Zeit, um die Polizei zur Verstärkung heranzuziehen."

Die Beamten würden auch weiterhin "die Menschen schützen und Straftaten verfolgen, dort wo sie begangen werden".

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) forderte, dass der der Streit über die Anwesenheit der Polizei in den Stadien nicht zum Abbruch des Dialogs über die Sicherheit rund um den Fußball führen dürfe.

Innenminister legt nach

Den Schwarzen Peter wandert immer mehr zu den Schalkern. "Wir haben großes Verständnis für die massive Verärgerung unserer Kolleginnen und Kollegen aus Nordrhein-Westfalen, die für einen mit den Verantwortlichen von Schalke 04 abgestimmten Einsatz zu Unrecht kritisiert wurden", meinte der stellvertretende GdP-Bundesvorsitzende Jörg Radek.

Auch NRW-Innenminister Jäger legte nach. "Es kann nicht sein, dass Schalke sich nur um die Logengäste kümmert und die Kurve sich selbst überlässt. Das, was üblicherweise an Stadionordnung existiert, ist dort nicht umsetzbar", sagte der SPD-Politiker.

Die Kooperation mit dem Verein sei nicht erst seit den Vorfällen aus dem Saloniki-Spiel gestört.

Protokoll bringt Schalke in Bedrängnis

Die Schalker geraten an einer weiteren Front unter Druck. Wie "Spiegel Online" berichtet, geht aus einem Polizeiprotokoll hervor, dass der Sicherheitsbeauftrage des Klubs über den umstrittenden Einsatz der Sicherheitskräfte vorab informiert war. Der Bundesligist hatte dies bislang stets bestritten.

Die Polizei war am 21. August eingeschritten, um Ausschreitungen griechischer Fans zuvorzukommen. Diese hatten sich angeblich durch das Zeigen einer mazedonischen Flagge durch Schalker Ultras provoziert gefühlt.

Am 5. September kam es zu einem Treffen zwischen Polizei und Schalker Vertretern. Klaus Noske, Leiter der Gelsenkirchener Schutzpolizei vermerkte "Spiegel Online" zufolge hinterher:

"Es wurde von beiden Seiten bestätigt, dass sowohl der Fanbeauftragte wie auch anschließend der Sicherheitsbeauftragte zu den Ultras gegangen waren mit der Aufforderung, die Fahne zu entfernen. Der Sicherheitsbeauftragte hatte bei Nichtbefolgen den Polizeieinsatz angedroht. Der Sicherheitsbeauftragte war jederzeit über die Absicht und Durchführung des Polizeieinsatzes informiert."

Das Saloniki-Spiel dürfte Königsblau offenbar auch dann noch beschäftigen, wenn in der Champions League längst wieder der Ball rollt.

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