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Matthias Sammer arbietet seit 2012 als Sportvorstand beim FC Bayern © getty

Bayern-Sportchef Sammer übt trotz des 2:0 über Hannover harte Kritik an den Profis. Sie würden sich hinter Guardiola verstecken.

Vom FC Bayern berichtet Mathias Frohnapfel

München - Matthias Sammer brauchte keinen Anlauf, keine Vorrede.

Der Sportvorstand des FC Bayern lederte nach dem 2:0-Sieg über Hannover 96 direkt los.

"Wir spielen zum Teil lethargisch, wir spielen ohne Emotionen Fußball, wir machen Dienst nach Vorschrift", schimpfte der 46-Jährige.

Vor allem die blutleere erste Hälfte mit einigen Fehlpässen nervte ihn gewaltig.(776530Bilder des Spiels)

"Wenn man in der ersten Halbzeit Schwierigkeiten hat, muss man sich eben mal in den Zweikämpfen helfen, wir müssen uns mit einfachen Mitteln ein bisschen mehr emotionalisieren", forderte Sammer.

Bayern mit mäßiger Zweikampfbilanz

Ein Blick auf die Spielstatistik dürfte die Zornesröte in Sammers Gesicht angetrieben haben: Bayern gewann 44 Prozent der Zweikämpfe, Hannover 56 Prozent.

"Wir sind recht ruhig, gucken, fünf Titel in den letzten 15 Monaten, Franck Ribery noch Europas Fußballer des Jahres, vielleicht wird er noch Weltfußballballer", schilderte Sammer, wie er aktuell die Denkweise der Spieler wahrnimmt.

Ganz klar, diese Einstellung gefällt dem Charakterkopf ungefähr so sehr wie der Blick auf die Tabelle.

Dort grüßt nach dem abendlichen Schützenfest gegen Hamburg wieder Dortmund von ganz oben.(DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)

"Wir emotionalisieren uns null"

"Es geht nicht darum, dass wir nicht arbeiten, aber wir emotionalisieren uns null", lautete der härteste Vorwurf von Sammer ans Münchner Team.

Der Sportvorstand weckte so die Profis quasi mit der Elektroschock-Methode, dabei waren Philipp Lahm und Co. nach der Länderspielpause einfach froh, den Auftakt zu einem Mammutprogramm - inklusive der Auswärtspartien bei Schalke, Manchester und Leverkusen - gemeistert zu haben.

Denn die Mittelfeldgranden Thiago Alcantara, Mario Götze und Javier Martinez sahen allesamt verletzt zu.

Taktgeber Bastian Schweinsteiger stand zwar im Kader, doch Guardiola schonte den Oberbayern nach dessen Sprunggelenksblessur.

Guardiolas Brandrede in der Pause

Mario Mandzukic (51.) und Franck Ribery (64.) trafen in der zweiten Hälfte und verhinderten so ein wohl noch größeres Bayern-Gewitter.

Das hatte es allem Anschein nach bereits in der Kabine gegeben, die Münchner kamen später als Hannover aus der Pause, aber mit neuem Feuer.

"Es kann nicht sein, dass Pep jedesmal die Dinge ansprechen muss", klagte Sammer.

"Unser Trainer muss jedes Mal eine Brandrede halten, dass wir in die Gänge kommen."

Sammer führt Gespräche

Sammer ärgert das. Er ist daher selbst ist aktiv geworden, hat den "ein oder anderen Spieler" zum Gespräch gebeten.

Im Europameister von 1996 gärte es während der Länderspielpause, jetzt folgte der Ausbruch.

Schon nach dem 1:1 in Freiburg hatte sich Sammer bei SPORT1 beschwert, dass "zwei Punkte verschenkt" worden seien.

"Pep hier, Pep da, Pep hoch, Pep runter"

Die Verletztenliste wischte er vor dem 96-Spiel mit dem Spruch weg, bitte "nicht ins Weinerliche" zu verfallen.

Nach dem eroberten Dreier knüpfte er sich dann eines seiner Lieblingsthemen vor, den Hype um Trainer Pep Guardiola.

"Wir haben einen neuen Trainer, der kann nichts für den Hype, doch immer heißt es: Pep hier, Pep da, Pep hoch, Pep runter. Wir finden das alles so prima, dass wir sagen: Ach Mensch, jetzt stehen wir alle etwas weniger in der Verantwortung. Das läuft alles unterbewusst ab. Es ist ja nicht so, dass einer nicht will."

Sammers große Befürchtung: "Wir verstecken uns alle hinter dem Trainer."

Nach der Hoeneß-Methode

Im Erfolg kritisieren, im Misserfolg sich vor das Team stellen. Sammer folgt perfekt dem Prinzip von Ex-Manager Uli Hoeneß, der aktuell als Bayern-Präsident schon wegen seiner Steueraffäre anders auftreten muss.

Ähnlich wuchtig wie Hoeneß wirkte Sammer bereits.

Auf die Nachfrage, ob er jetzt einen bewussten Reiz setzen wolle, schnaubte der 46-Jährige kurz, dann ging die Stimme noch etwas höher: "Nein, das ist Normalität!"

Seinem Klub rieb er im gleichen Moment noch hin, dass in den vergangenen drei Jahren Dortmund zweimal und der FCB nur einmal Meister gewesen sei.

Guardiola analysiert kühl

Ob Sammers Ausbruch im Sinne Guardiolas war, ist fraglich. Der Katalane wertete die Partie gegen 96 deutlich weniger emotional.

"In der ersten Halbzeit fehlte ein wenig das Risiko", bemerkte der Trainer nüchtern.

"Wir waren nicht müde, aber nach acht, neun Tagen Pause fehlt der Rhythmus etwas. In der zweiten Hälfte haben wir nach dem Tor von Mario Mandzukic besser gespielt?."

Die Spieler erkannten natürlich wie Ribery, es in der ersten Hälfte "nicht gut" gemacht zu haben.

Und nicht nur Toni Kroos führte die Zeit bei den Nationalteams als Argument an.

"Viele Spieler waren unterwegs und haben zwei Spiele gemacht", sagte er.

Die Unzufriedenheit mit den zähen Kombinationen war aber auch Kroos und anderen Münchnern in der ersten Hälfte anzumerken.

Vor dem Champions-League-Auftakt gegen ZSKA Moskau am Dienstag gab es jetzt von Sammer die unmissverständliche Ermahnung.

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