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Bayern-Präsident Hoeneß rügte Sportvorstand Sammer für dessen Wutrede nach dem Hannover-Spiel © getty

Bei den Bayern ist vor dem Champions-League-Start Dampf auf dem Kessel. Hoeneß kritisiert Sammer. Das Ende der Harmonie?

Von Julian Buhl

München - Matthias Sammer ist für die Spieler des FC Bayern so etwas wie das personifizierte schlechte Gewissen.

Als Querdenker, der auch mal unangenehme Dinge an- und ausspricht, um damit die letzten Prozentpunkte aus den Profis heraus zu kitzeln ist er bekannt.

Genau deshalb haben die Bayern-Verantwortlichen den 46-Jährigen ja schließlich auch als Sportchef nach München geholt und dessen vergleichsweise profillosen Vorgänger Christian Nerlinger entlassen. Oder?

Als "geschäftsführendes Rumpelstilzchen mit Sitz im Vorstand" bezeichnet die "Süddeutsche Zeitung" Sammer.

Ausgerechnet Bayern-Präsident Uli Hoeneß missfällt nun allerdings Sammers jüngste Interpretation seiner Rolle als Chef-Mahner. Bei den Bayern ist vor dem Start in die Champions League gegen ZSKA Moskau am Dienstag (ab 20.15 Uhr im LIVE-TICKER) schon ordentlich Druck auf dem Kessel.

"Matthias muss aufpassen"

Hoeneß rügte Sammer öffentlich für dessen Wutrede nach dem 2:0-Sieg gegen Hannover (Bericht).

"Matthias muss aufpassen, dass er nicht übers Ziel hinausschießt", sagte Hoeneß dem "kicker": "Wenn man so etwas jede Woche macht, verbrennt man sich irgendwann dabei."

Bereits in der vergangenen Saison hatte Sammer das Team zu einem ähnlichen Zeitpunkt kritisiert. Nach dem 2:0-Erfolg gegen Bremen und dem damit sechsten Sieg im sechsten Ligaspiel sprach er von "lätschernem" Auftreten und "Käse", den die Mannschaft gespielt habe.

Trainer Jupp Heynckes reagierte gereizt, das darauf folgende Champions-League-Spiel in Borissow wurde mit 1:3 verloren - doch im Rückblick wurde Sammers Ausbruch als ein Meilenstein in der Triple-Saison gewertet.

Hoeneß kündigt Gespräch an

Die Mannschaft sei anschließend immer auf der Hut vor Nachlässigkeiten gewesen, wurde Sammer gelobt. Sein Präsident verweigert dieses Jahr aber die Zustimmung.

Man bekomme ja das Gefühl, "als ob wir uns für ein souveränes 2:0 entschuldigen müssten", sagte Hoeneß nun der "Bild". Darüber hinaus kündigte er ein Gespräch mit Sammer an, "weil ein Eindruck vom FC Bayern entsteht, der nicht gut ist".

Sammers Aussagen kämen in der Öffentlichkeit so rüber, "als ob wir von fünf Spielen drei verloren und zwei Unentschieden gespielt hätten." Offenbar noch schlimmer für Hoeneß, wie diese Außendarstellung der Münchner wohl auf die Konkurrenz wirkt: "In Dortmund lachen sie sich doch tot."

"Der Feind sitzt draußen"

Tatsächlich liegt der FC Bayern nach vier Siegen und einem Remis in der Liga derzeit lediglich zwei Punkte hinter dem BVB. (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)

Saisonübergreifend sind die Münchner seit mittlerweile 30 Bundesligaspielen ungeschlagen und auf dem besten Weg, Hamburgs Rekord aus den 80ern von 36-Partien ohne Niederlage einzustellen.

"Ich verstehe, dass Matthias den Finger in die Wunde legen will. Allerdings finde ich nicht, dass wir eine Wunde haben", sagte Hoeneß dem "kicker".

Nach dem Dafürhalten des 61-Jährigen sei der Druck von außen nach dem Triple-Gewinn schon enorm hoch: "Den müssen wir intern nicht noch verstärken. Der Feind sitzt draußen, nicht bei uns."

Hoeneß führt personelle Probleme an

Sammer hatte dem Team nach dem Hannover-Spiel unter anderem vorgeworfen, nur noch Dienst nach Vorschrift zu machen, sich hinter dem Trainer zu verstecken, lethargisch und nicht emotionalisiert genug aufzutreten.

Auch dafür hat Hoeneß kein Verständnis. "So mancher, der früher mal Fußball gespielt hat, scheint zu vergessen, wie das schon früher war nach Länderspielreisen", machte der FCB-Präsident eine weitere Anspielung in Richtung Sammer. "Man kann jetzt noch gar keine Top-Form haben, zumal wir ja auch viele Verletzte haben."

Gegen Hannover mussten etwa potenzielle Leistungsträger wie Thiago, Mario Götze, Javi Martinez sowie Bastian Schweinsteiger ersetzt werden.

Matthäus von Sammer geschockt

Und nicht nur bei Hoeneß stößt Sammers Mannschafts-Schelte auf Unverständnis.

"Als ich das gelesen habe, war ich echt geschockt", sagte Ex-Bayern-Kapitän Lothar Matthäus der "tz". "Die Spieler brauchen jetzt Vertrauen - und nicht öffentliche Kritik. Das führt zu noch größerer Verunsicherung", begründete der Weltmeister von 1990 seine Verwunderung.

Auch Sammers Vorwurf, das Team würde hinter seinem Star-Trainer Pep Guardiola eine Art Alibihaltung einnehmen, kann Matthäus nicht nachvollziehen: "Ribery versteckt sich ganz sicher nicht hinter Guardiola, auch Robben oder Lahm nicht."

Rückendeckung vom Kaiser

Viel Gegenwind also für Sportvorstand Sammer. Immerhin aus einer Ecke erhält der aber Rückendeckung.

Ehrenpräsident Franz Beckenbauer findet Sammers Aussagen "legitim" und vertraut, wie er gegenüber "Sky" äußerte, darauf, dass "er die Zeichen der Zeit erkennt" und sieht die Kritik gar als "seine Aufgabe als Sportdirektor".

Auch Bayern-Abwehrspieler Jerome Boateng gab auf der Vereinshomepage brav zu Protokoll, dass Sammer mit seiner Kritik Recht habe: "Ich denke, die Mannschaft wird das annehmen."

Harmonie ist Geschichte

Eins macht der erstaunlich deutliche Wortwechsel in dieser frühen Phase der Saison aber deutlich: Die Harmonie aus der Endphase der Vorsaison ist erst einmal Geschichte.

Von der Brillanz und Dominanz der Rekordspielzeit sind die Münchner unter Guardiola noch ein gutes Stück entfernt. Ob das Frühwarnsystem Sammer für seinen Alarmruf auch im kommenden Jahr gelobt werden wird, hängt einzig und alleine von einer Sache ab:

Der Zahl der Trophäen, die im kommenden Mai auf dem Münchner Rathausbalkon präsentiert werden können.

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