Fink muss in Hamburg gehen. Das ist nachvollziehbar, aber nicht die Lösung der Probleme. Das Chaos scheint stärker als der Verein.

701 Tage. Eine Ewigkeit. Zumindest mancherorts.

Beim Hamburger SV zum Beispiel. 701 Tage war Thorsten Fink Trainer bei den Hanseaten.

Und damit viel länger als seine Vorgänger. Seit 2008 gab es da: Huub Stevens, Martin Jol, Bruno Labbadia, Armin Veh und Michael Oenning. Dazu auf Interimsbasis Ricardo Moniz, Rodolfo Cardoso und Frank Arnesen.

Bis zum Dienstantritt von Fink im Oktober 2011 versuchten sich acht Trainer in 1204 Tagen. Durchschnittliche Halbwertszeit pro Coach: 150 Tage. Fink war folglich schon fast ein Urgestein beim so stolzen Traditionsverein.

Denn: Stolz sind sie in Hamburg noch immer. Man fragt sich nur, worauf eigentlich?

Den letzten großen Erfolg feierte man 1987. Damals gelang der Sieg im DFB-Pokal. Vor 9586 Tagen.

Doch genug der Zählerei und zurück in die Gegenwart.

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Hätte man aus Prinzip an Fink festhalten müssen? Um für Konstanz zu sorgen?

Eigentlich schon. Aber die Faktenlage ließ es nicht zu.

Schließlich war das 2:6 am vergangenen Wochenende nicht der erste Untergang des tief vor sich hindösenden schlafenden Riesen.

Ja, schlafender Riese. So nennt manch einer den HSV immer noch. Dabei könnte man wohl auch einen scheppernden Spielmannszug neben sein Bett stellen - das Schnarchen des Klubs wäre immer noch lauter.

Im vergangenen Monat unterlag der HSV 1:5 gegen 1899 Hoffenheim. Seit Februar gab es zudem ein 1:5 bei Hannover 96, ein 1:4 bei Schalke 04 und ein 2:9 (!) beim FC Bayern.

Wo Schützenfeste gefeiert werden, sind die Hamburger nicht weit. Einzig: Sie dürfen die Getränke mitbringen, mitfeiern dürfen sie nicht.

Dass es für das Gründungsmitglied der Bundesliga am Ende der vergangenen Saison dennoch zum siebten Tabellenplatz reichte, spricht nicht gerade für die Qualität der angeblich stärksten Liga der Welt.

Die Anfälligkeit der Defensive zu beheben, war jedoch nicht Finks einziges Versäumnis.

Nach der Packung gegen Hoffenheim gewährte er zwei freie Tage, die besonders die Sonnenanbeter im Team genossen. Mallorca ist schön.

Nach der Abreibung in Dortmund düste Fink noch am Sonntagnachmittag zur Familie nach München. Man könnte derartige Entscheidungen als unglücklich bezeichnen. Man kann auch andere Worte wählen.

Taktisch präsentierte sich der Trainer eher sprunghaft. Seine ambitionierten Vorstellungen überforderten das Team. Fink schaffte es nicht, seine Ansprüche an das Können der Profis anzupassen.

Ist der Coach also der allein Schuldige? Wird nun zwangsläufig alles gut?

Nein.

Zu chaotisch präsentiert sich der HSV in seiner Gesamterscheinung. Seit Jahren. So war es vor Fink, so wird es ziemlich sicher auch nach Fink sein.

Der Aufsichtsrat redet mit, redet rein, redet viel. Mäzen Klaus-Michael Kühne redet mit, redet rein, redet viel.

Die permanente Unruhe scheint es ganz oben in die Vereinssatzung geschafft zu haben. Gleich neben die finanzielle Not.

Kurzum: In Hamburg reicht es vielleicht für Hollywood. Für Europa reicht es nicht. Nach jetzigem Stand aber vielleicht zum Klassenerhalt. Immerhin.

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