In seiner Kolumne für Sport1.de kommentiert Ex-Nationaltorhüter Toni Schumacher das aktuelle Geschehen in der Bundesliga.

Der Manager der alten Fußball-Dame Hertha tanzt mit seinen Profis auf dem Rasen des Stadions der Freundschaft. Ausgelassen. Glücklich. Selbstbewusst.

Ich kenne Dieter Hoeneß schon sehr, sehr lange - aber so habe ich ihn noch nie gesehen.

Diese Nahaufnahme des einst so verstaubten Hauptstadt--Klubs verdeutlicht: In Berlin reift der Glaube an den Titel mit jedem Spiel, mit jedem Sieg.

Die Souveränität wächst täglich. Der Erfolg in Cottbus hat bewiesen: Hertha knickt nicht ein, leistet sich keine Blackouts wie der HSV. In Cottbus gewinnt man nicht so einfach ? schon gar nicht, wenn Druck auf dem Mannschaftsgefüge lastet.

Aber die Hertha spürt den Druck gar nicht, lebt von Anpfiff zu Anpfiff, genießt den Moment, spielt nicht für die Galerie, sondern nach dem Konzept des Trainers Lucien Favre.

Vielleicht nicht schön, aber effektiv.

Und ganz ehrlich: Wenn Hertha Meister wird ? und diese Mannschaft kann und will das - dann ist es letztlich völlig egal, ob man auch noch den Entertainment-Pokal dazu bekommt.

Der Titel nach Berlin ? das wäre starke Fußballgeschichte. Auch Dank eines Spielers, der das verkörpert was man der gesamten Hertha-Crew anmerkt, ansieht: der unstillbare Hunger nach Erfolg. Andrej Voronin will Titel. Seine Stationen in der Bundesliga (Gladbach, Mainz, Köln, Leverkusen) haben ihn nur träumen, aber nicht nach der Schale greifen lassen.

Diese hungrige Hertha hat den großen Vorteil: diese Mannschaft sieht nur auf sich selbst und schielt nicht auf die Verfolger. Tunnelblick?

In Mönchengladbach sehen sie auch schon wieder Licht am anderen Ende des Tunnels.

4:1 gegen den HSV, Platz 18 endlich verlassen. Die Borussia lebt wieder. Aber irgendwie ärgert mich die Art und Weise dieser verzweifelten Aufholjagd. Mit einem kurzfristig zusammen gekauften Personal. NICHT weil ich Kölner bin...

Nein, weil ich immer großen Respekt vor diesem Klub hatte. Rückfahrten vom legendären Bökelberg waren für mich meistens Alpträume nach Pleiten. Gladbach war moderner Fußball, gespielt von etlichen Eigengewächsen. Doch die Borussia 2009 kann sich vielleicht retten, aber das Management hat die Seele und die Zukunft des Klubs schon längst verkauft.

Jansen, Schlaudraff, Baumjohann, Compper, Polanski, Kluge, Kirch, demnächst Marin. Ganz früher Voronin ? aufgewachsen im Borussia-Internat und dann nach Mainz verscherbelt. Gladbach könnte eine junge, deutsche Mannschaft haben, die gemixt mit internationalen Routiniers dieser Fußball-Tradition eine neue Identität hätte geben können.

Was dort passiert ist, eine Tragödie. Ganz egal ob Trainer-Kauz Meyer doch noch die Rettung schafft. Die Klubführung sollte nach dem letzten Spieltag mal in den Spiegel schauen ? und dann entscheiden.

Lernen könnte man vielleicht vom VfB Stuttgart: Der Stil, wie dort die nach-meisterliche Krise um die Entlassung von Armin Veh gestemmt wurde - Respekt.

Horst Heldt hat schon viel Prügel eingesteckt, selbst im Titeljahr wollte man ihn mit Veh gemeinsam nach sieben bis acht Spieltagen vom Hof des Stadions jagen.

Den Heldt wirft nichts um. Seine Entscheidungen scheint er anders vorzubereiten, nicht immer mit der heißen Nadel, denn auf Teamchef Babbel wären wohl nicht so viele gekommen. Der Erfolg gibt Recht: Drei Punkte Rückstand auf das internationale Fußballgeschäft, von UEFA-Cup bis Champions-League.

In Stuttgart geht noch was. Das größere Problem wird wohl der Trainerschein für Markus Babbel?

Noch zwei Klubs überzeugen mich mit ihrer leidenschaftlichen Arbeit unter erschwerten Bedingungen: Bielefeld und Bochum. Dort wird mit Hingabe und ehrlichem Fight versucht, den Klassenerhalt zu packen. Weil man sich dort vom ersten Spieltag an bewusst war, dass nichts anderes zählt. Keine Träumer eben.

Deshalb habe ich das Gefühl - es wird einen Klub erwischen, der eigentlich vom großen Fußball vor der Saison geträumt hat. Frankfurt oder Hannover - irgendwas fehlt im Kampf gegen Liga zwei.

Aber auch ich habe mich dieses Jahr schon öfter getäuscht. Und deshalb freue ich mich auf nächste Woche. Und die nächste Überraschung.

Bis dahin

Euer Toni Schumacher

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