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Matthias Sammer ist seit 2012 Sportvorstand beim FC Bayern München © getty

Die Kadergestaltung ist nicht seine Hauptaufgabe, auch deshalb hat sich Bayerns Sportvorstand längst eigene Nischen gesucht.

Von Mathias Frohnapfel

München - Dass die Säbener Straße in einer 30er Zone liegt, hat Matthias Sammer längst verinnerlicht.

Entsprechend gemächlich tuckert der Sportvorstand des FC Bayern jeden Tag im Dienstwagen seinem Arbeitsplatz entgegen, die Gedanken können wandern.

Oft sinnt der 46-Jährige dabei darüber nach, was beim Triple-Sieger noch besser werden sollte. (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)

Den Sachsen treibt dabei ein beinahe unbändiger Ehrgeiz an.

Ein Ehrgeiz, der ihn zur Ruckrede nach dem Hannover-Spiel trieb und ihm zugleich jede Menge Ärger mit Aufsichtsratschef Uli Hoeneß und Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge einbrachte.

"Meine Aufgabe? Titel holen!"

Als Spieler wusste Sammer immer, wenn er ein gutes Spiel abgeliefert hatte: Das Resultat und das eigene Gefühl waren untrüglich.

Als Sportvorstand sind Sammers Erfolgseinheiten einzig Pokale und Meisterschalen.

"Meine Aufgabe ist mit einem Wort: Titel! Titel holen", verkündete er kürzlich bei der "Munich Talk Night".

In München ist er damit bislang maximal erfolgreich: In den 15 Monaten seit seinem Amtsantritt füllten die Bayern ihre Trophäensammlung mit fünf neuen Exemplaren auf.

Sammer ordnet sich ein

Dass sein Job für Außenstehende schwieriger zu verstehen ist als das Amt eines Trainers, stört Sammer nicht.

Er wolle ohnehin erstmal "seine Rolle" in der FCB-Führungsgefüge finden, gestand er bei gleicher Gelegenheit.

Dabei, meinte der Europameister von 1996, müsse er sich zuerst unterordnen - eben unter Hoeneß und Rummenigge.

"Das Fundament ist von den beiden geprägt. Da gilt es, wenn man dazu kommt, auch Einfluss zu nehmen, aber sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen", sagte er im SPORT1-Interview während der Länderspielpause:

"Es ist absurd zu sagen, ich bin für diesen Klub unverzichtbar. Ich versuche jeden Tag mein Bestes zu geben, man wird sehen, ist das gut oder nicht gut für Bayern."

2012/2013 saßen einige Nadelstiche

In der Rekordsaison 2012/2013 setzte Sammer die Nadelstiche wie ein begnadeter Akkupunkturexperte - bis auf eine Ausnahme.

Als er nach dem Sieg in Bremen über einen "lätschernen" Auftritt lästerte, mochte das keiner verstehen.

Passender wirkte die Sammer-Therapie, als er nach dem Erreichen des Champions-League-Achtelfinales moserte: "Wir feiern das, als hätten wir schon das geschafft, was wir mal in der Vergangenheit geschafft haben: Titel zu gewinnen."

Keine Lust auf Durchschnitt

In der Winterpause bemerkte er nach vermeintlich mäßigen Testspielsiegen: "Unser Anspruch ist nicht Durchschnitt."

Und als Bayern im März den HSV bei einer echten Gala mit 9:2 abschoss, grantelte Sammer: "Die Lehre aus dem Spiel ist nicht, dass der FC Bayern Traumfußball zelebrieren kann. Sondern, dass wir vielleicht bei Ecken zukünftig aufpassen."

Das Ergebnis: Voila, plötzlich standen die Bayern bei Standards besser. Und keiner schimpfte über Motzki Sammer, er wirkte stattdessen wie ein Visionär.

Gegenmodell zu Nerlinger

Beim FC Bayern residiert Sammer im neugebauten Servicecenter, sein Büro liegt also ein gutes Stück weit von den Räumlichkeiten Rummenigges und Hoeneß'.

Die Bayern-Bosse goutieren Sammers feurige Arbeitsweise, der ehemalige DFB-Sportdirektor soll sich ja bewusst vom blassen Vorgänger Christian Nerlinger unterscheiden.

Sie würden aber eben gerne sein Temperament hier und da gerne einfangen - siehe Hannover.

"Meine Aufgabe ist es, dass wir in der Organisation gut aufgestellt sind", sagt Sammer. Zudem führt er auch Gespräche mit den Spielern, wies schon vor der ersten heißen Saisonphase den einen oder anderen Star darauf hin, dass ihm die Einstellung nicht immer passe.

Das Transfergeschehen, anderswo Kernaufgabe des Sportvorstands, bleibt indes aktuell weitgehend unter der Ägide von Karl-Heinz Rummenigge, Trainer Pep Guardiola und Uli Hoeneß.

Sammer spricht bei den Entscheidungen mit, treibt sie wie im Fall von Abwehrmann Jan Kirchhoff mit an. Doch seinen eigentlichen Wirkungskreis sieht er mit Blick aufs Teamgefüge und in der Jugendarbeit.

Nachwuchsbereich und Socuting

"Ich versuche immer mehr, auch in den Nachwuchsbereich zu wirken. Das ist bisher noch zu wenig geschehen. Wir haben uns jetzt auch im Scoutingbereich sehr gut aufgestellt", lässt Sammer wissen.

Vor dem Champions-League-Spiel der Bayern gegen Moskau beobachtete er daher am Dienstagnachmittag noch die Junioren in der neugegründeten U19-Champions-League.

Als der "Spiegel" vor einem Jahr Sammer als "Berufsanfänger auf dem Vorstandsposten" titulierte, nervte ihn das natürlich.

Mittlerweile haben ihn die Erfolge des ersten Amtsjahres eine erste Rüstung gegen solche Einschätzungen verschafft.

"Hat Zeichen der Zeit erkannt"

Und Sammer geht den Leuten lieber einmal mehr als zu wenig auf den Keks. Zumindest Franz Beckenbauer findet das nicht schlecht: "Sammer hat die Zeichen der Zeit erkannt", lobte der "Kaiser" nach der Brandrede des Sportvorstandes.

Als Schlüsselerlebnis für Sammers Rollenverständnis zwischen Mahner und Motzki darf das Jahr 2005 gelten:

Der VfB Stuttgart feuerte Sammer, Beamtenfußball wurde dem geschassten Trainer vorgeworfen.

Dieser Vorwurf, so viel ist gewiss, wird Sammer kein zweites Mal zu Fall bringen.

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