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Thomas Eichin (r.) ist Nachfolger von Klaus Allofs bei Werder Bremen
Robin Dutt (l.) und Thomas Eichin stehen vor ihrem ersten Nordderby mit Werder © imago

Die Bremer wehren sich gegen "Untergangsstimmung" und sind vor dem Nordduell beim HSV im Vorteil: Sie haben einen Trainer.

Aus Bremen berichtet Frank Hellmann

Bremen - Robin Dutt musste gar nicht lange nachdenken. Und sich nicht einmal seiner vielfältigen Erinnerungen an den SC Freiburg bedienen.

Mit Rodolfo Esteban Cardoso, jenem filigranen argentinischen Fußballer, der sowohl in Freiburg, Bremen und Hamburg als Bundesliga-Spieler unterwegs war, hat der Trainer des SV Werder Bremen eine viel aktuellere Verbundenheit.

"Ich habe ihn im Frühjahr beim DFB beobachtet", verriet Dutt vor dem Nordderby beim Hamburger SV am Samstag (ab 15 Uhr im LIVE-TICKER und bei SPORT1.fm): "Er hat dort ein bisschen was verraten von dem, was er vorhat."

Auch Werder unter Druck

Dutt war damals noch DFB-Sportdirektor, während Cardoso seine Fußballlehrer-Ausbildung beim Verband begann.

Nun kreuzen sich die Wege im Krisenduell des sechsten Spieltags: Dutt leitet die zuletzt von drei Niederlagen geplagten Bremer an, Cardoso springt nach der Entlassung von Thorsten Fink mal wieder als Interimscoach in Hamburg ein.

Mögen die Schlagzeilen unter der Woche der Elbmetropole gehört haben, könnten die Wogen im Falle einer Niederlage auch an der Weser höher schlagen.

Die sportliche Leitung weiß, dass ein blutarmer Auftritt wie in Mönchengladbach oder gegen Frankfurt dem runderneuerten Ensemble im 99. Nordduell nicht mehr so leicht verziehen würde.

"Die Frage ist nicht, was der HSV macht. Wir müssen uns fragen, was wir machen müssen, um zu punkten", konstatiert Dutt.

Hinten orientierungs-, vorne hilflos

Dabei ist auch der 48-Jährige gefragt, der bekanntlich bei seiner Vorstellung versprach, "keinen reinen Ergebnisfußball" anzubieten, "sondern einen attraktiven Fußball, der Spaß macht."

Doch davon scheint der SV Werder, einst der Inbegriff für hohen Unterhaltungswert, derzeit Lichtjahre entfernt.

Zum notorischen Dilettantismus in der Defensive - zuletzt beim Eigentor des gegen Frankfurt überfordert wirkenden Abwehrchefs Sebastian Prödl zu besichtigen - gesellt sich neuerdings eine erschreckende Hilflosigkeit in der Offensive.

Petersen übt Selbstkritik

Positionsspiel und Laufwege wirken nicht abgestimmt, auch der aus Freiburg verpflichtete Dutt-Intimus Cedrick Makiadi gibt bislang allenfalls einen Mitläufer.

Nach vorne hat Aaron Hunt zwar alle Freiheiten, aber findet kaum einmal einen Mitspieler - weil Dutt nämlich den Mittelstürmer im Grunde abgeschafft hat.

Eingedenk der oft undurchsichtigen Rochaden auf dem Rasen sind jedoch die Stärken von Nils Petersen passe, der die zentrale Rolle benötigt, um sich (mit Toren) einzubringen.

Fast vorbildlich, dass der 24-Jährige dennoch die Schuld bei sich sucht: "Ich habe dem Trainer keine Argumente dafür geliefert, dass ich auf den Platz gehöre."

Nach der Drei-Spiele-Sperre für Franco Di Santo dürfte im Volkspark trotzdem Petersens Stunde schlagen.

Elia in tiefer Formkrise

Und an alter Wirkungsstätte wäre eigentlich auch Eljero Elia in der Bringschuld.

Der niederländische Flügelflitzer reiht Woche für Woche enttäuschende Auftritte aneinander und findet sich erstaunlicherweise - genau wie unter Dutt-Vorgänger Thomas Schaaf - viel zu oft in der Startelf wieder.

Die Schaffenskrise im grün-weißen Gebilde hat ein Sammelsurium von Ursachen. Rückwärtsentwicklungen einzelner Akteure wie bei Elia sind indes einer der Hauptgründe.

Eichin beklagt "ängstliche Erwartungshaltung"

Interessant, dass Geschäftsführer Thomas Eichin selten in diese Art der Einzelkritik geht, weil das auf die Einkaufspolitik von Klaus Allofs zielen würde.

Eichin ließ in dieser Woche lieber auf der Werder-Homepage ein Interview veröffentlichen, in dem er die "ängstliche Erwartungshaltung" beklagt.

Zitat: "Diese Untergangsstimmung, dieses negative Denken im Umfeld bringt niemand weiter."

Neuanfang mit Hindernissen

Der 46-Jährige verweist auf einen Aufbruch "unter völlig neuen finanziellen Rahmenbedingungen".

Nach seinem Gusto heißt das für die kleinere der beide Hansestädte: "Neubeginn, eine andere Weichenstellung, damit auch Umstellung, Experimente. Neue frische Gesichter. Inbegriffen sind bittere Rückschläge wie am Wochenende, aber es werden auch Lichtblicke dazugehören. Da bin ich mir ganz sicher. Vielleicht schon am Samstag in Hamburg."

Klingt wie ein frommer Wunsch.

Aber Werder hat am Samstag zumindest einen Vorteil: Sie haben einen Trainer, keine Interimslösung. Der HSV will einen Fink-Nachfolger erst in der kommenden Woche präsentieren.

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