Vor dem Hit auf Schalke frotzeln Jerome und Kevin-Prince Boateng über ihre Schwächen - und erinnern sich an gemeinsame Wurzeln.

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Von Mathias Frohnapfel, Christian Ortlepp und Henning Maid

München/Gelsenkirchen - Oft haben sie hier bis in die Dunkelheit hinein gespielt. Trotz Dauerregen, Eiswind und wartender Hausaufgaben.

Im Schatten der Hochhäuser interessierte die Brüder Kevin-Prince, Jerome und George Boateng nur eine Sache: Das Runde muss ins Eckige.

Der Fußballkäfig nahe des Flüsschen Panke in Berlin-Wedding war ihr zweites Zuhause. Ein Zuhause, das die Brüder immer wieder zusammenbrachte.

Kevin-Prince und George wuchsen in Wedding auf, Jerome im bürgerlichen Wilmersdorf.

Die Boatengs eint der gemeinsame Vater, der Jeromes Mutter verließ, als der Sohn fünf Jahre alt war.

Der Käfig als Technikschule

In der Enge des Käfigs haben die Boatengs ihre Technik, ihren Ehrgeiz und ein Stück weit auch die Härte gegen sich selbst entwickelt.

Aus George ist kein Profifußballer geworden, er züchtet heute Hunde. Er ist der einzige, der dem anstehenden Bruderduell neutral entgegenblicken kann.

Für Bayern-Innenverteidiger Jerome und S04-Spielgestalter Kevin-Prince bedeutet das Match auf Schalke (Sa., ab 18 Uhr im LIVE-TICKER und bei SPORT1.fm) dagegen eine Weggabelung für ihre Klubs.

Beide Teams gehen gestärkt von Erfolgsserien in den Klassiker. Jetzt wollen sie mehr.

Grüße ans Bruderherz

"Jerome, Bruderherz, wir sehen uns am Samstag. Das einzige, was sicher ist, ist dass wir Trikots tauschen", richtete der Schalker Antreiber vorab Grüße in Richtung München aus.

Im SPORT1-Interview berichtet er offen über seinen Bruder, frotzelt mit breitem Grinsen über dessen neue hochaufgetürmte Frisur: "Die ist aus den sechziger Jahren, glaube ich."

Jerome hält beim Paralleltermin mit SPORT1 in der Münchner Klubzentrale dagegen. Ihn stört eine Unsitte des ein Jahr älteren Bruders. Welche, das soll später verraten werden.

So selbstverständlich ist es nämlich nicht, dass die Boatengs ausführlich übereinander Auskunft geben.

Funkstille im Sommer 2010

Kurzzeitig fiepte sogar nicht einmal eine SMS-Nachricht auf dem Handy des anderen. Eine gewollte Funkstille.

Bei der WM 2010 trafen die beiden aufeinander. Jerome im Trikot Deutschlands, Kevin-Prince im Dress von Ghana, der Heimat des Vaters.

Kevin-Prince hatte zuvor in England rustikal Michael Ballack gefoult, die WM-Teilnahme des deutschen Kapitäns platzte.

Einige Aussagen von Jerome kamen daraufhin beim Bruder schlecht an. Ein Missverständnis, berichtet der Bayern-Profi heute.

Eine Woche nach WM-Ende liefen sich die beiden bei einem Geburtstag über den Weg. Ein kurzes Gespräch unter Männern und das Ganze war aus der Welt geräumt.

Vom Bad Boy zum Führungsspieler

Jerome galt schon damals als der strebsame Profi, seinen Bruder hielten nicht wenige für unbelehrbar.

Kevin-Prince ging zum AC Mailand, aus Bad Boy Boateng wurde "Boa", der Regisseur und Führungsspieler.

"Er hat in Mailand einen Wandel genommen", berichtet Jerome und rollt mit den Augen, wenn es um die wilden Jugendtage geht.

"Auch andere Spieler haben Fehler gemacht"

"Es ist nervig, wenn man alte Sachen aus Berlin hört. Jeder war mal jung, auch andere Spieler haben Fehler gemacht, als sie jung waren. Er hat sich zu einem sehr guten Spieler entwickelt", sagt Jerome.

Schalke hat jetzt wieder eine ordnende Hand, findet er, und macht auch an ihm die königsblaue Serie von drei siegreichen Spielen ohne Gegentor fest.

Ende August von den Rossoneri gekommen, dirigiert Boateng S04, als ob er wie Bayern-Keeper Manuel Neuer in Gelsenkirchen-Buer das Fußballeinmaleins gelernt hätte.

Und nicht auf einem Hartplatz in der Hauptstadt, der keine Fehler zuließ. "Der Panke verdanke ich alles", meint Kevin-Prince im Rückblick.

Umarmung für den Gegenspieler

Statt ein paar Jungs wie früher werden auf Schalke 60.000 Fans zuschauen - die meisten wegen des jüngsten S04-Höhenflugs ziemlich frenetisch. Zumal es ja gegen die bei den Gelsenkirchenern besonders unbeliebten Bayern geht.

Auch der neue Prince im Pott verspricht, dass die familiären Bande für 90 Minuten ruhen werden. Erst nach dem Spiel soll es eine Umarmung geben.

"Ich hoffe, dass ich ihn dann trösten muss", stichelt er im Gespräch mit SPORT1.

Bislang keine direkten Duelle

Während der Partie soll auf nichts und niemanden Rücksicht genommen werden, auch Foulspielen ist erlaubtes Mittel.

Dabei kam es kurioserweise in den bisherigen Brüder-Duellen zu keinem einzigen direkten Zweikampf.

Gewarnt ist Boateng trotzdem vor dem jüngeren Bruder.

"Früher wurde kritisiert, dass er etwas lethargisch ist. Er hat gezeigt, dass er auch ein Kämpfer ist, sehr viele Emotionen hat", erklärt Kevin-Prince Boateng.

Schon auf dem Bolzplatz setzte Jerome früher alles daran, besser zu sein als er. Ein Prince als Orientierungsgröße.

Ein Lied auf den S04-Sieg?

Sollte am Samstagabend um kurz nach halb neun Kevin-Prince jubeln, stimmt der vielleicht gar ein Liedchen an.

"Er kann verdammt gut singen und er hat schon mal eine Single aufgenommen, vielleicht wird er die mal rausbringen", lässt Jerome wissen.

Dann gibt er auch preis, was ihn am großen Bruder am meisten stört: "Dass er so oft Sonnenbrille trägt, auch wenn es im Raum dunkel ist und er sie nicht abnimmt."

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