Der HSV setzt auf Erfahrung. In Bert van Marwijk soll der älteste Trainer der Bundesliga den Tradtionsclub aus dem Keller führen.

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Vom HSV berichtet Clemens Gerlach

Hamburg - Der Auftritt war sehr harmonisch.

Soviel Eintracht wie bei der Vorstellung des neuen Coaches Bert van Marwijk hatte es in Hamburg lange nicht gegeben. HSV-Sportchef Oliver Kreuzer pries den "sehr erfahrenen Mann".

Der Vorstandsvorsitzende Carl-Dieter Jarchow zeigte sich gar "glücklich" über die Verpflichtung des Niederländers. Bei so viel Euphorie ging van Marwijk gleich auf die Bremse.

"Das sind viele Komplimente, dabei habe ich noch gar nicht anfangen", sagte der Mann im anthrazitfarbenen Sakko mit dem schwarzen Hemd.

Viel zu tun haben wird er schon. Der HSV verschliss in den vergangenen Jahren etliche Trainer, die Klubkasse ist leer.

Van Marwijk sieht Positives

Derzeit rangiert der Traditionsverein auf dem Relegationsplatz der Bundesliga.

Die Abwehr ist ein Torso, kein Team kassierte mehr Gegentreffer. In der Offensive läuft auch nicht viel. "Die Situation ist schlecht", sagt van Marwijk.

Immerhin hatte er beim 1:0-Sieg im DFB-Pokal (BERICHT: HSV sendet Lebenszeichen) gegen Zweitligist Greuther Fürth am Dienstagabend "ein paar gute Sachen gesehen". Die Partie verfolgte van Marwijk vor dem TV-Gerät.

Er wollte nicht im Stadion sein, um für noch mehr Aufregung zu sorgen. Der HSV hat den ehemaligen Trainer von Borussia Dortmund mit einem Vertrag bis 2015 ausgestattet.

Zudem gibt es eine "erfolgsabhängige Option auf ein weiteres Jahr", wie Kreuzer SPORT1 erklärte.

"Als Mannschaft verteidigen"

Doch darüber macht sich van Marwijk derzeit keine Gedanken.

Auch nicht darüber, dass er Andreas Möller nun doch nicht wie gewünscht in seinem Trainerstab haben wird. "Meine Aufgabe ist es, für Stabilität und Ruhe zu sorgen." Wie der Nachfolger von Thorsten Fink das bewerkstelligen will, konnte er en detail nicht sagen.

"Wir müssen trainieren und als Mannschaft verteidigen."

Neue Chance für Aussortierte

Als Teambuildingmaßnahme darf man wohl auch die Begnadigung der zuvor aussortierten Spieler Michael Mancienne, Slobodan Rajkovic, Robert Tesche und Gojko Kacar werten.

"Bert van Marwijk wird mit allen ein persönliches Gespräch führen und dann entscheiden, wie es mit ihnen weitergeht. Das war sein ausdrücklicher Wunsch", sagte Kreuzer.

Druck als neuer Leitsatz

Bei aller Zurückhaltung in punkto konkreter Maßnahmen gab van Marwijk so etwas wie sein Credo preis: "Ich mag Druck, jedes Team braucht Druck. Es muss aber realistischer Druck sein."

Nun fragen sich viele, wer wohl den Druck als stärkstes zu spüren bekommen wird.

Vielleicht der nominelle Superstar Rafael van der Vaart?

Van Marwijks Landsmann sorgte zuletzt abseits des Platzes für Schlagzeilen. Das Privatleben des 30-Jährigen stand im Mittelpunkt.

Die sportliche Leistungen van der Vaarts waren in dieser Saison sehr bescheiden.

Van der Vaart, der Liebhaber

Dem Offensivspieler fehlt es an Esprit und Dynamik, er prägt das Spiel nicht. Auch deshalb ist der HSV so erfolglos. "Rafael ist ein sehr begabter Spieler", sagt van Marwijk, "er ist ein Liebhaber."

Um Missverständnisse zu vermeiden, präzisierte van Marwijk gleich seine Aussage: "Er ist ein Liebhaber des Fußballs."

Für van Marwijk ("Die Bundesliga gefällt mir außerordentlich") wird es auch darum gehen, das Team aus der Abhängigkeit von van der Vaart zu befreien.

In Hakan Calhanoglu gibt es bereit ein vielversprechendes Offensivtalent beim HSV.

Bislang allerdings durfte der 19-Jährige, den auch andere Vereine auf dem Zettel haben, nur selten gemeinsam mit van der Vaart spielen. Gegen Fürth liefen beide auf, es funktionierte.

Kreuzer schützt seinen Spielmacher

"Hakan hat eine unglaubliche Qualität, er kann den Unterschied ausmachen", wirbt Kreuzer für den türkischen Nationalspieler. "Rafael ist mit ihm aufgeblüht", sagte Kreuzer SPORT1.

Seinen indisponierten Spielmacher nimmt der Sportchef in Schutz: "Ein einzelner Spieler kann keine Topleistung bringen, wenn die ganze Mannschaft total versagt."

Auch der neue Coach gibt sich betont freundlich. "Ich kenne Rafael, wir haben vier Jahre gut in der Nationalmannschaft zusammengearbeitet", sagt van Marwijk, bis 2012 Coach des Oranje-Teams.

Van der Vaart sagt: "Ich denke positiv über ihn."

Hoffnung auf Konstanz

Die Voraussetzungen für eine produktive Zusammenarbeit könnten aber besser sein.

Bei der EM 2012 beklagte sich van der Vaart öffentlich darüber, keine faire Chance bei van Marwijk zu bekommen.

Das niederländische Team, 2010 noch WM-Zweiter, war zerstritten und scheiterte punktlos bereits in der Vorrunde. "Ich hoffe, dass Bert van Marwijk der Cheftrainer für die nächsten Jahre ist", sagte Jarchow bei der Vorstellung.

Die Hoffnung hatten schon andere beim HSV, und zwar immer dann ganz besonders stark, wenn ein neuer Coach präsentiert wurde. Doch es wurden nur Kurzgastspiele.

Kämpfen für den Normalfall

"Wenn alles normal läuft, ist der HSV ein Verein für Platz 1 bis 6", sagt van Marwijk. Aber momentan ist beim HSV wenig normal.

Von "selbstproduzierten Negativschlagzeilen", spricht Kreuzer. "Der Trainer muss jetzt Resultate reinholen", fordert der Sportchef.

Van Marwijk weiß ebenfalls, dass er liefern muss. Möglichst bald. Was seine Ziele seien, wurde er gefragt. Da lächelte der mit 61 Jahren älteste Trainer der Bundesliga.

"Das kurzfristigste Ziel ist Samstag." Da spielt der HSV bei Eintracht Frankfurt. Motto: Mit kleinen Schritten aus der Krise, um die Aufbruchsstimmung kümmern wir uns später.

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