vergrößernverkleinern
Jos Luhukay löste 2012 Otto Rehhagel als Hertha-Trainer ab © imago

Der Hertha-Coach holt nach dem Triumph über Mainz zum Rundumschlag gegen seine Kritiker aus. Bei 05 regiert die Ratlosigkeit.

Berlin - Der Journalist verpackte das Reizthema freundlich, in eine positiv formulierte Frage.

Ob er denn dieser Abend eine Genugtuung gewesen wäre, wollte er von Jos Luhukay wissen.

Die passende Antwort auf die Kritik an seiner Totalrotation, an den neun Startelf-Änderungen beim Pokal-Aus von Hertha BSC in Kaiserslautern.

Jos Luhukay hätte diese Frage einfach bejahen können. Und sich still freuen können, dass sein Joker Sami Allagui (48. und 73.) und Änis Ben-Hatira (74.) eine drohende Niederlage gegen Mainz 05 noch in einen klaren Sieg verwandelt hatten.

Aber er hatte nach dem 3:1-Heimsieg (Bericht) eine andere Antwort auf die Kritiker parat.

Er gab ihnen in einer emotionalen Pressekonferenz Kontra - deutlich und für seine Verhältnisse auch ziemlich wütend.

"Muss ich mich jetzt rechtfertigen?"

"Muss ich mich jetzt wieder für Mittwoch rechtfertigen?", fragte der Niederländer den Reporter zurück. Er wollte es nicht. Und tat es dann doch, minutenlang.

Seine vermeintliche B-Elf sei eine Mannschaft gewesen, "die 596 Bundesliga-Spiele Erfahrung hatte, die glaube ich blind in der Zweiten Liga um den Aufstieg mitspielen könnte".

Er treffe solche Entscheidungen nicht gedankenlos: "Es war von A bis Z gut überlegt."

Generalkritik am Umfeld

Der Vorwurf, dass es das nicht war, dass er den ewig jungen Hertha-Traum vom Pokalfinale in eigenem Stadion leichtfertig drangegeben hat, trifft Luhukay. Das merkte man deutlich.

Und seine Verteidigung gegen diesen Vorwurf wurde zu einer Generalkritik an dem Berliner (Medien-)Umfeld.

"Ihr tut alle so, als wäre es eine Selbstverständlichkeit, dass wir nun von vier Heimspielen drei gewonnen und eines verloren haben, bei dem wir die deutlich bessere Mannschaft waren. Ihr tut alle so, als ob Hertha alle Mannschaften im Vorbeigehen schlagen könnte."

Keine Thron-Polonaise

So einfach sei das alles nicht, lautete Luhukays Botschaft.

Und darum wollte er auch von einer vermeintlichen Genugtuung nichts wissen:

"Jeder der mich kennt, der weiß, dass ich mich hier nicht auf den Thron setze und nachher eine Polonaise renne."

Keine Jubelstimmung also bei der Hertha, obwohl sie mittlerweile stattliche elf Punkte auf dem Konto hat und zwischenzeitlich auf Platz fünf in der Tabelle vorgerückt ist.

Stattdessen Ärger über die implizite Erwartung, dass doch noch mehr gegangen wäre (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle).

Mainz' fünfte Pleite in Serie

Derlei Sorgen hätte der Mainzer Coach Thomas Tuchel gerade gerne.

Denn nach dem 1:3 (1:0) in Berlin, der fünften Pflichtspiel-Pleite in Folge, ist die Erwartungshaltung das kleinste Problem des FSV.

Nach dem glanzvollen Saisonstart steht den Rheinhessen inzwischen das Wasser bis zum Hals.

"Diese Niederlage trifft uns alle. Wir sind die Partie als absolutes Schlüsselspiel angegangen, und wir haben dieses Schlüsselspiel verloren", sagte Tuchel mit nur noch leicht heiserer Stimme.

"Es wird ein langer Weg"

Er selbst hat seine Grippe zwar fast überstanden, doch der Patient Mainz 05 geht nach wie vor am Stock.

Ein Rezept zur schnellen Genesung hat auch der Trainer, der erstmals in seiner über vierjährigen Amtszeit vier Ligaspiele in Folge verlor, nicht parat:

"Es wird ein langer Weg. Wir werden uns der Situation selbstkritisch stellen und versuchen, den Bock nächste Woche umzustoßen."

Ratlose Spieler

Bei der Frage nach dem Wie antworteten die Spieler meist mit einem ratlosen Achselzucken.

"Intern werden alle Register gezogen, aber es will momentan nicht funktionieren", meinte Torhüter Heinz Müller.

Verteidiger Malik Fathi, dessen Rückkehr nach Berlin mit drei Gegentreffern nach seiner Einwechslung höchst unglücklich verlaufen war, erklärte:

"Wenn du Kacke am Fuß hast, musst du an den Basissachen arbeiten."

Sollte es den Mainzern gelingen, so zu spielen wie in den ersten 45 Minuten im Duell der "Pokaldeppen" gegen Hertha, stehen die Chancen für einen baldigen Befreiungsschlag gut.

Giftig und aggressiv spielten die 05er, so als wollten sie Tuchels zuvor geäußerte Forderung nach echtem "Männerfußball" unbedingt erfüllen.

Allagui tut es leid

Doch Ex-Mainzer Allagui drehte die Gäste-Führung durch Nicolai Müller (7.), nicht ohne sein Bedauern bei den alten Teamkollegen zu hinterlassen.

"Für sie tut es mir leid", hielt der Tunesier fest: "Mainz hat eine tolle Mannschaft mit einem tollen Trainerstab."

Einem Trainerstab, dem sicher auch grad nicht nach Polonaise zumute ist.

teilentwitternE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel