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Christian Streich gewann von bisher 67 Bundesliga-Spielen 23 und verlor 24 © getty

Dem Sportclub droht der Abstieg. Der Trainer ist aber unumstritten. Bei SPORT1 schildert Streich, warum er alles voraussah.

Vom SC Freiburg berichtet Patrick Mayer

Freiburg - Christian Streich polarisiert die Bundesliga. Manche nennen den Freiburger Coach einen überdrehten Fußball-Besessenen, andere einen Romantiker.

Für den SC-Coach ging es zu Beginn nur aufwärts, seine schwerste Prüfung durchlebt er derzeit.

Der Sportclub ist nach einer furiosen Rückrunde der Saison 2012/2013 und Platz fünf in diesem Jahr eingebrochen.

Die Breisgauer stehen mit dem Rücken zu Wand, der Abstieg droht. Im Interview mit SPORT1 sprach der 48 Jahre alte Trainer über seine emotionale Achterbahnfahrt 2013, Begegnungen mit Fans vor dem Senfregal sowie den Unterschied zwischen dem Sportclub und dem FC Bayern.

SPORT1: Herr Streich, raus aus der Europa League, raus aus dem DFB-Pokal, Abstiegsplatz in der Bundesliga. Sie zweifeln nicht an Ihrer Arbeit?

Christian Streich: Man überlegt immer, was man hätte anders machen können. Aber ich weiß ja, woher es kommt. Wir hatten im Sommer einen enormen Aderlass und es war schwierig, das adäquat aufzufüllen. Wir hatten damals ohnehin eine für Freiburger Verhältnisse unglaubliche Qualität im Team. Durch die vielen Verletzungen und Spiele war diese Saison von vornherein eine unglaubliche Herausforderung, vielleicht die größte, die es in Freiburg je gab.

SPORT1: Sie wirkten mitten in der Euphorie im Sommer wie ein verzweifelter Mahner. War das ein Absturz mit Ansage?

Streich: Für mich ging es nicht um Euphorie. Ich habe geschaut, welche Spieler ich habe und wie viele Spiele auf uns zukommen bis in den Dezember. Das war keine Intelligente Weitsicht, sondern ein völlig rationaler und klarer Blick auf die Dinge.

SPORT1: Dennoch müsste Ihnen angesichts der Hochs und Tiefs im vergangenen Jahr ganz schwindelig geworden sein.

Streich: Es war ein sehr intensives und extremes Jahr. Aber ich war vorbereitet. Ich habe völlig reflektiert auf die Dinge geschaut und im Sommer nie gesagt, dass wir die Größten sind. Eine Saison wie die letzte, das gibt es in Freiburg nur, wenn alles zusammenkommt. Dann kann es auch mal passieren, dass der Sportclub Fünfter wird. Aber wir können keine Wunder vollbringen. (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)

SPORT1: Ein Wunder wäre für viele, wenn Sie in dieser Saison die Klasse halten. Ist der Abstieg mit einkalkuliert?

Streich: Wir beschäftigen uns ganz rational mit diesem Szenario. Wir haben schließlich eine Verantwortung gegenüber unserer Fußballschule und vielen Mitarbeitern. Das machen wir immer - für Freiburg. Bayern München muss sich nicht mit der zweiten Liga beschäftigen, wir aber schon. Wir wollen alles tun, um weiter in der Bundesliga zu spielen, müssen aber rational bleiben.

SPORT1: Rational wie beim Ausscheiden aus der Europa League? Ist das nicht grotesk? Man ackert und tüftelt ein Jahr, um überhaupt dabei zu sein.

Streich: Das ist kein Widerspruch. Eine Mannschaft wie Freiburg, die völlig neu zusammengestellt ist, muss in der Lage sein, sich die ganze Woche auf ein Spiel vorzubereiten. Nur dann können wir unseren Gegnern Paroli bieten. Wir sind extrem auf das Training angewiesen. Andere Mannschaften brauchen dieses weniger, weil sie viel mehr individuelle Klasse haben. (820738DIASHOW: Die Bilder des 16. Spieltags)

SPORT1: Jetzt haben Sie mehr Zeit mit ihren meist jungen Spielern Fehler aufzuarbeiten. Erleichtert?

Streich: Wir sind ein Ausbildungsverein. Unsere Jungs brauchen Regenerationsmöglichkeiten. Sie spielen in der Bundesliga immer an der Kante. Das sind keine Wunderspieler, da muss alles passen. Und wenn man dann unter der Woche spielt, kann man fast gar nichts mehr üben, weil du nur noch am Regenerieren bist.

SPORT1: Sie werden als Jungmenschen-Begleiter beschrieben. Wie geht man in so einer Situation verantwortungsbewusst voran?

Streich: Es geht darum, seine Emotionen im Griff zu haben und auf ein ordentliches Maß zu bringen. Während dem Training kann man vieles vergessen. Ich versuche Spiele einzubauen, die ihnen Freude bereiten.

SPORT1: Einem früheren Interview zufolge haben Sie keine Freude an der Kommerzialisierung der Bundesliga. Bleibt der Sportclub auf der Strecke, weil Sie finanziell nicht mithalten können?

Streich: Wir holen auch Spieler von anderen Vereinen. Der Sportclub sitzt mit im Boot, rudert aber mit einem kleineren Paddel. Aber wir rudern auch, wir gehören dazu. Ich prangere nicht die Kommerzialisierung im Allgemeinen an. Es kommt auf die Art und Weise an: Interessieren sich die Leute, ob die Spieler in ihrem fußballerischen Werdegang weiterkommen oder geht es nur ums Geld?

SPORT1: Den Freiburgern geht es um Identifikation. Sie schilderten einmal, wie die Leute beim Einkaufen vor den Senfregalen zu Ihnen herkommen und den SC loben. Was sagen die Fans jetzt?

Streich: Sie sind nach wie vor freundlich zu mir und ich hoffe, dass ich freundlich zu ihnen bin. Wir tun Ihnen so viel Gutes wie möglich, weil wir fighten. Wir sind aber im Moment nicht in der Lage, Spiele zu gewinnen. Die Freiburger kennen die Gründe dafür.

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