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Pal Dardai (l.) ist seit 1997 bei Hertha, Arne Friedrich (r.) seit 2002 © getty

Das Titelrennen ist das spannendste seit Jahrzehnten. Doch alle Kandidaten scheinen die Höhenluft zu fürchten - bis auf einen.

Von Martin Hoffmann

München - Man muss schon tief in den Archiven kramen bei der Nachforschung, wann der Meisterschaftskampf jemals so eng und ausgeglichen war wie jetzt.

Dass der Tabellenführer und der Vierte der Bundesliga am 25. Spieltag nur einen Punkt auseinander sind - das hat es zuletzt 1984 gegeben.

Es waren noch die Zeiten von Ernst Happel und Udo Lattek, die damals als Trainer des HSV beziehungsweise des FC Bayern um den Titel rangen.

Der HSV führte damals mit einem Zähler Vorsprung vor dem punktgleichen Verfolger-Trio Bayern, Stuttgart und Gladbach - aus dem am Ende Stuttgart die Nase vorn hatte.

Aktuell sind die Stuttgarter weit weg vom Titelrennen - aber ihnen ist es zu verdanken, dass es jetzt so dramatisch ist.

Kalter Hauch aus drei Richtungen

Durch dem 2:0-Sieg über Spitzenreiter Hertha (Hertha zurück in der Realität) und den gleichzeitigen Arbeitssiegen von Bayern, Wolfsburg und Hamburg sind die Berliner ihren Vier-Punkte-Vorsprung los und spüren den kalten Hauch der Verfolger jetzt gleich aus drei Richtungen im Nacken.

Es war ein ernüchterndes Erlebnis für die Herthaner. Aber man könnte meinen, dass Coach Lucien Favre dafür in gewisser Weise sogar dankbar ist.

Hört man seine Äußerungen entsteht der Eindruck, dass die Hertha ein Tabellenführer wider Willen ist - und damit nicht der einzige Titelkandidat ist, der ein Bekenntnis zum Titelkampf scheut wie der Einbrecher den Polizeischeinwerfer.

Wenn der Glaube zum Irrglauben wird

Favre hat diese Rolle auch während Hertha noch von Sieg zu Sieg eilte nie angenommen, hält auch jetzt fest: "Wir sind keine Spitzenmannschaft."

Es ist offensichtlich, dass er die Euphorie, die bei Fans und Medien um die Hertha aufgekommen ist, von seinen Spielern fernhalten will - um zu verhindern, dass ihr Glaube an die eigene Stärke zum Irrglauben wird, dass ihr Erfolg ein Selbstläufer ist.

So wie es Herbstmeister Hoffenheim passiert ist, dem dieses Problem - neben dem Verletzungspech - zuletzt zum Verhängnis geworden ist.

"Im Unterbewusstsein anstecken lassen"

Es ist ihm nicht gelungen, wie mehrere Hertha-Spieler gegenüber Sport1.de einräumen.

"Im Unterbewusstsein haben wir uns vielleicht von der Euphorie ein wenig anstecken lassen", erklärt Pal Dardai.

"Vielleicht haben wir das Spiel nach den letzten Wochen zu selbstverständlich genommen", ergänzt Maximilian Nicu.

"Bei jedem haben 5 bis 10 Prozent gefehlt - und das geht nicht", ärgerte sich auch der verletzt ausgewechselte Kapitän Arne Friedrich: "Wir sind eine Mannschaft, die immer an die Leistungsgrenze stoßen muss, um solche Spiele zu gewinnen. Vielleicht sind wir noch nicht so weit, wie alle sagen."

Titelkandidat? "Ach Quatsch!"

Der Stolperstein Selbstzufriedenheit: die Hertha ist darüber ins Straucheln gekommen, Verfolger Wolfsburg will ihm jetzt aus dem Weg gehen.

Trotz sieben Siegen in Folge und dem geteilten zweiten Platz: "Wölfe"-Trainer Felix Magath redet die Ambitionen seines Teams genauso konsequent klein wie Favre die der Hertha.

"Ach Quatsch", antwortete Magath nach dem Sieg in Bielefeld auf die Behauptung, dass sein Team jetzt ein Titelkandidat wäre.

Genau wie Favre sieht auch er sein Team nicht als Spitzenmannschaft: Wenn es eine wäre, "hätten wir nicht so viele Chancen zugelassen".

Wegweisendes Duell in der VW-Arena

Doch ob Magath will oder nicht: Der Titel wird in Wolfsburg nun zum Thema.

Dafür garantiert allein schon die Konstellation, dass die "Wölfe" jetzt exakt gleichauf mit den Bayern liegen - und das just bevor sie den Rekordmeister am Samstag nach der Länderspielpause in der VW-Arena empfangen. (Erst Bayern, dann die Meisterschaft)

Geht die Siegesserie auch gegen seinen alten Klub weiter, wird Magath vielleicht auch den Fuß von der Euphoriebremse nehmen.

Er deutet zumindest schon mal an: Die Frage nach der Meisterschaft "können sie mir nach dem Spiel gegen Bayern stellen".

HSV hat Tief überwunden

Alle Augen werden auf dieses Spiel gerichtet sein - aber man darf auch nicht die Nummer vier im Titelquartett aus dem Blickfeld verlieren.

Der Hamburger SV, nach den Pleiten gegen Wolfsburg und in Gladbach vermeintlich schon raus aus dem Titelrennen, ist durch die Arbeitssiege gegen Cottbus und auf Schalke (HSV verblüfft den eigenen Trainer) wieder mittendrin.

Und durch den UEFA-Cup-Erfolg in der vielbeschworenen "Hölle" von Istanbul (Hamburger Schlag-Züruck-Verein) hat die Mannschaft von Martin Jol auch ein beflügelndes Schlüsselerlebnis im Rücken.

"Nicht wieder dieses Spielchen"

Trotzdem: mit offenem Visier in den Titelkampf wollen auch die Hanseaten nicht gehen.

"Wir fangen jetzt doch nicht wieder mit diesem Spielchen an", ließ Marcell Jansen den Versuch, ihm eine Kampfansage Richtung Spitzentrio zu entlocken.

Ja, will denn hier keiner Meister werden?

Nur Bayern bekennt sich

Natürlich doch. Aber aussprechen tut es nur einer der vier Kandidaten - der bei dem die Meisterschaft zum Selbstverständnis gehört.

"Ich wäre unzufrieden, wenn ich nicht Meister würde, das sage ich ganz offen", erklärt Bayern-Trainer Jürgen Klinsmann im "kicker"-Interview.

Selbst da ist festzuhalten: Von den Bayern (Harmlos, aber erfolgreich) gab es schon offensivere Bekenntnisse.

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