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Sport1.de-Fußballressortleiter Martin Volkmar überreicht Ralf Rangnick den Award © SPORT1

Ralf Rangnick spricht im Interview der Woche über Hoffenheims Aufstieg, die jüngste Krise und die gestiegene Erwartungshaltung.

Von Martin Volkmar

Sinsheim - Die Sonne strahlt hell auf das Trainingsgelände der TSG Hoffenheim - und sie steckt auch Trainer Ralf Rangnick an.

Trotz der zuletzt zwiespältigen Bilanz seines Teams ist der Coach bester Laune, als er von Sport1.de die Auszeichnung als Mannschaft des Jahres 2008 entgegennimmt.

Lange nimmt Rangnick sich Zeit, über den traumhaften Aufstieg aus der Dritten Liga an die Spitze der Bundesliga zu reden - und über die Krise, in der sich der Klub seit der Hinrunde befindet (Zum 2. Teil des Interviews).

Sport1.de: Die Auszeichnung als Sport1.de-Mannschaft des Jahres ist nicht die einzige, die 1899 Hoffenheim Ende 2008 für den Sturm bis an die Bundesliga-Spitze bekommen hat. Hätten Sie so etwas für möglich gehalten, als Sie 2006 hier anfingen?

Ralf Rangnick: Nein, davon konnte man nicht ausgehen. Dass wir es in der ersten Saison trotz eines miserablen Starts geschafft haben, noch in die Zweite Liga aufzusteigen - und zwar frühzeitig -war alles andere als eine Selbstverständlichkeit.

Sport1.de: Auch nicht der folgende Durchmarsch in die Bundesliga.

Rangnick: Wir haben 2007 erst nach dem Aufstieg die Grundsatzentscheidung getroffen, auf ganz junge Top-Talente zu setzen. Das Ziel war eigentlich mittel- bis langfristig. Doch wir haben dadurch den bestmöglichen kurzfristigen Erfolg erzielt - obwohl wir auch da nach vier Spielen ganz unten standen.

Sport1.de: Und wie ging es weiter bis zur Herbstmeisterschaft?

Rangnick: Ich denke, die Kontinuität ist eines unserer Erfolgsgeheimnisse. Wir haben nur drei neue Spieler geholt. Dass die Entwicklung so schnell ging, liegt an der Lernfähigkeit der jungen Spieler und sicherlich auch daran, dass wir ein sehr gut funktionierenden Trainer- und Betreuerstab haben.

Sport1.de: Haben Sie 2006 bewusst diesen Rückschritt vom Champions-League-Teilnehmer mit Schalke in die Drittklassigkeit gemacht?

Rangnick: Ehrlich gesagt wäre es mir schon lieber gewesen, wenn Hoffenheim zu diesem Zeitpunkt zumindest schon in der Zweiten Liga gewesen wäre. Es war schon ein großes Risiko, zumal man hier damals wirklich noch von einem Dorfklub sprechen konnte. Aber im Rückblick war es natürlich ein großer Vorteil, dass wir, in erster Linie Manager Jan Schindelmeiser und ich, alles selber entscheiden konnten und hohe Verantwortung übertragen bekommen haben. Das wäre bei einem Traditionsverein mit festen Strukturen sicher so nicht möglich gewesen.

Sport1.de: Trotzdem soll Ihr Sohn völliges Unverständnis für diese Entscheidung gehabt haben. Wie haben Sie ihn überzeigt?

Rangnick: Er war so wie mein kleiner Sohn auch Schalke-Fan mit Leib und Seele, der mich am liebsten noch heute dort als Trainer sehen würde. In dieses Stadion, diese Fans und auch die Mannschaft, die damals teilweise mitreißenden Fußball gespielt hat, kann man sich als junger Fußballer schon verlieben. Ich bin ja selber bis heute Schalke-Mitglied.

Sport1.de: Dann müssen Sie im Moment sehr leiden unter dem Chaos in der Führung, oder?

Rangnick: Ich glaube, die jetzige sportliche Krise ist das Resultat der Fehlentwicklungen der letzten drei Jahre. Derjenige, der jetzt auf Schalke übernimmt, muss erstmal für Ordnung sorgen. Um dann eine Mannschaft aufzubauen, mit der sich vor allem die Fans wieder identifizieren können.

Sport1.de: Womit wir wieder bei Ihrem Sohn wären, der sich offenbar am Anfang überhaupt nicht mit 1899 Hoffenheim identifizieren konnte.

Rangnick: Mittlerweile haben wir ihn überzeugt. Aber er hat zu Beginn inhaltlich berechtigte Zweifel am Aufstiegsziel gehegt. Und ich wusste auch, dass das kein Selbstläufer wird. Von daher konnte diese Rasanz in der Entwicklung wirklich niemand vorhersehen.

Sport1.de: Ihre Mannschaft ist dafür mehrfach geehrt worden, neben Sport1.de wählten auch die Sportjournalisten das Team zur Mannschaft des Jahres 2008. War das und natürlich die Herbstmeisterschaft der vorläufige Höhepunkt der Entwicklung?

Rangnick: Nein. Das sind Titel, für die man sich nichts kaufen kann. Das Bundesliga-Geschäft ist sehr schnelllebig, das haben ja die letzten Wochen gezeigt. Trotzdem freuen wir uns natürlich über solche Auszeichnungen wie den Preis der Sport1.de-User. Denn das zeigt, dass wir sehr vielen Menschen begeistert haben. Aber es sind eben Auszeichnungen für die Vergangenheit, die einem in der Gegenwart leider nicht viel helfen.

Sport1.de: Viele sind der Meinung, dass es nach diesem Höhenflug nur noch abwärts gehen konnte. Stimmen Sie dem zu?

Rangnick: Nein, überhaupt nicht. Ich suche nicht nach Alibis, sondern es ist einfach Fakt: Uns fehlen über Monate drei Spieler, die an fast allen 42 Vorrundentoren beteiligt waren. Das gilt vor allem für Vedad Ibisevic. Was wäre denn, wenn Bayern über so eine lange Zeit Klose, Ribery und Toni gleichzeitig fehlen würden? Das ist doch klar, dass so ein Verletzungspech Konsequenzen hat.

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Sport1.de: Welche?

Rangnick: Spiele, die wir in der Hinrunde noch gewonnen haben, enden momentan nur Unentschieden. Allerdings hätten wir von diesen sieben oder acht Remis sechs oder sieben gewinnen können oder sogar müssen. Und dann wären wir klarer Tabellenführer.

Sport1.de: Das heißt, Sie sind trotz des Abrutschens von Platz eins auf fünf zufrieden mit Ihrem Team?

Rangnick: Angesichts der Umstände ja. Die Spieler haben mit ganz wenigen Ausnahmen nichts grundlegend falsch gemacht und immer am Limit gespielt.

Sport1.de: Sie selbst haben auch keine Fehler gemacht?

Rangnick: Ich wüsste nicht welche. Hinterher weiß man natürlich immer vieles besser. Aber alleine die Dopingkontroll-Affäre um Andreas Ibertsberger und Christoph Janker hätte einem keiner geglaubt, wenn man sie vorher erzählt hätte. Trotz aller Probleme haben wir unseren Stil immer beibehalten und das ist für mich wichtig.

Sport1.de: Sie haben allerdings mehrfach die Einstellung der Mannschaft kritisiert.

Rangnick: Ich habe in der Winterpause und nach der Niederlage gegen Leverkusen gefordert, sich wieder voll auf den Fußball zu konzentrieren. Aber in den letzten Wochen war die Einstellung top. Das Team ist immer wieder an seine Grenze gegangen, mit Ausnahme der zweiten Halbzeit in Frankfurt. Doch auch das muss man einer jungen Mannschaft mal nachsehen.

Sport1.de: Ist die Erwartungshaltung nach der Herbstmeisterschaft einfach zu groß?

Rangnick: Klar, das ist der Fluch der großen Tat. Deshalb muss man ab und zu daran erinnern, dass wir ein Aufsteiger sind und vor zwei Jahren noch gegen die zweiten Mannschaften von Teams wie Bayern verloren haben. Außerdem: Wir haben die letzten acht Spiele nicht gewonnen, aber wir haben in der Rückrunde auch nur ein Spiel verloren. Das wird gerne unterschlagen.

Im 2. Teil des Interviews spricht Rangnick über langfristige Ziele, die Angriffe auf seinen Klub und seine persönliche Zukunft.

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