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Jürgen Klinsmann trainiert seit Sommer 2008 den FC Bayern © getty

Der Sieg gegen Frankfurt verschafft Bayern-Trainer Jürgen Klinsmann nur eine kurze Verschnaufpause. Er gibt sich kämpferisch.

Von Christian Stüwe

München - Jürgen Klinsmann beantwortete geduldig Frage um Frage.

Zunächst auf der Pressekonferenz, dann den Kamerateams und schließlich den schreibenden Journalisten.

Zur Thematik Butt-Rensing, zur Pleite von Barcelona, zu seiner Person - Klinsmann wurde nicht müde, alles ausführlich zu erläutern.

Erst als ein Reporter wissen wollte, ob er den Machiavelli gelesen habe, musste Klinsmann passen. Das Werk des italienischen Philosophen über Machterwerb und -erhalt hat ja auch nur bedingt mit Bayern München tun.

Aber alles, was sein Team und seine Mission beim FCB betraf, beantwortete Klinsmann kämpferisch wie eh und je.

Natürlich mache es ihm auch jetzt noch Spaß, Bayern-Trainer zu sein. "Da ist nichts kaputtgegangen", beteuerte Klinsmann nach dem 4:0-Sieg über Frankfurt.

Von Amtsmüdigkeit keine Spur.

Dabei war der Bayern-Trainer enormem Druck ausgesetzt, die Partie gegen die Eintracht zu seinem Schicksalspiel ausgerufen worden.

Von Fotografen belagert

Klinsmann hatte sich erstmals vor dem Spiel nicht öffentlich geäußert. Vor dem Anpfiff belagerten die Fotografen Klinsmann derart, dass ihm die Security zur Hilfe kommen musste. Klinsmann wirkte angeschlagen.

Er selbst hatte eingeräumt, dass es "fünf vor zwölf" sei. Seine Nachfolger wurden bereits gehandelt, darunter prominente Namen wie Arsene Wenger, Frank Rijkaard, Bernd Schuster und der Hamburger Martin Jol.

Ein erster Schritt in die richtige Richtung

Auch das 4:0 gegen die Hessen ist noch lange nicht das Ende der Krise, allerhöchsten ein erster Schritt in die richtige Richtung.

"Frankfurt ist nicht Barcelona", stellte nicht nur Bastian Schweinsteiger fest (Desaster in Barcelona). Gegen die braven Hessen reichte es für den Rekordmeister, immer mal wieder das Potenzial der Mannschaft aufblitzen zu lassen.

Sommerfußball nach der Pause

"Nach einer Stunde war dann die Luft raus und es wurde ein wunderbarer Frühlingstag", räumte Klinsmann ein. (zum Nachbericht: Freudloser Auftakt zur Rettungsmission)

Eine charmante Umschreibung für Sommerfußball. Wirkliche Wiedergutmachung und ein Zeichen an das Publikum sehen anders aus.

Ein höherer Sieg wäre mit etwas mehr Engagement durchaus drin gewesen.

Entscheidung fällt für Butt

Immer wieder ertönten vereinzelte "Klinsmann raus"-Rufe aus dem Bayern-Fanblock, der Trainer bleibt auch im eigenen Lager umstritten.

Nicht zuletzt wegen der Entscheidung für Hans-Jörg Butt, der erneut im Tor stand, obwohl Klinsmann versichert hatte, dass Michael Rensing (Spielerportrait) gegen Frankfurt an seinen Arbeitsplatz zurückkehren werde.

"Rensing einen Schritt hinter Butt"

"Von der Qualität her, ist Michael Rensing einen Schritt hinter Butt, definitiv", erklärte Klinsmann überraschend und demontierte damit seine bisherige Stammkraft endgültig.

Eine Entscheidung, die nicht allen schmecken dürfte. Die Fans feierten den beliebten Torwart immer wieder, von den Bayern-Bossen hatte Rensing angeblich die Zusage, die Saison durchspielen zu dürfen.

Doch Klinsmann steht als Trainer auch für unpopuläre Entscheidungen, seinen Weg geht er unbeirrt. Nicht zuletzt deswegen bietet er eine breite Angriffsfläche für Kritik.

Diese scheint an ihm abzuprallen.

"Nie als Missionar hingestellt"

"Man haut mir den Leitsatz, dass ich jeden Spieler jeden Tag ein bisschen besser machen möchte um die Ohren", sagte Klinsmann am Sonntag im DSF-Doppelpass: "Aber jeder Mensch muss einen Leitsatz haben. Das dabei ein bisschen mal ein bisschen mehr, mal ein bisschen weniger bei raus kommt, ist doch klar."

Dann räumte Klinsmann ein, dass er noch lange nicht am Ziel ist: "Ich habe in den zehn Monaten unheimlich viel gelernt." Und er möchte weiter lernen. Beim FC Bayern. Er bekräftigte einmal mehr, dass er davon übereugt ist, sein Engagement auch in der kommenden Saison fortzusetzen.

"Ich habe mich nie als Missionar oder Reformator hingestellt", verteidigte Klinsmann seine Fortschritte: "Ich habe nur gesagt, dass ich die Arbeit gerne machen möchte und den Verein vorbringen werde."

Steigerung gegen Barca gefordert

Der Sieg gegen Frankfurt nimmt den Kritikern zunächst den Wind aus den Segeln. Vermutlich allerdings nur bis Dienstag, wenn der zarte Aufschwung auf dem Prüfstand steht.

Gegen Barcelona ist eine weitere deutliche Steigerung nötig, wie auch Klinsmann weiß: "Wir nehmen uns jetzt sehr viel vor für Dienstagabend, um uns mit Anstand aus der Champions League zu verabschieden."

Nicht Frankfurt, sondern die "wohl beste Mannschaft der Welt" (Klinsmann) ist Messlatte für die krisengeschüttelten Bayern und den Coach. "Wir werden versuchen, zu gewinnen", kündigte der frühere Stürmer an.

Nächster Schritt aus der Krise?

Eine ordentliche Leistung gegen Barca wäre der nächste Schritt aus der Krise.

Dann muss in Bielefeld die Jagd auf Wolfsburg und die Meisterschaft fortgesetzt werden. Um in München weiter auf der Bank zu sitzen, muss Klinsmann den Titel wohl auch holen.

Schwächeln die Bayern erneut, werden schnell wieder die Wengers, Schusters und Rijkaards an der Säbener Straße herumgeistern. Falls sie dies nicht sowieso weiter tun. Und Klinsmann könnte dann bald viel Zeit haben. Zum Beispiel, um Niccolo Machiavelli zu lesen.

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