In seiner Kolumne für Sport1.de kommentiert Ex-Nationaltorhüter Toni Schumacher das aktuelle Geschehen in der Bundesliga.

Das Heilpflaster Bundesliga wirkt.

Für die Bayern war der österliche Wochenend-Termin gegen Eintracht Frankfurt wie ein Aufenthalt im Kurhaus. Nach zwei Demontagen und Blamagen höchster Güte, nach neun Gegentoren in fünf Tagen ist die Bundesliga urplötzlich das Rettungsseil vor dem Totalabsturz.

Der Sieg über Frankfurt hält den Rekordmeister im Titelkampf. Zwar angeschlagen und böse demoliert, aber mit der Gewissheit, dass noch was geht in der "Schlacht um die Schale".

War die Liga für den nationalen Giganten bisher immer der reine Tagesjob mit der Pflicht der Dominanz, ist das Ziel "Deutscher Meister" nun die alleinige, noch mögliche Ausbeute der Saison unter dem Titel "Revolution München".

Das Siegespflaster Frankfurt lindert den akuten Schmerz nur minimal, weil die Verwundung in und um die Allianz-Arena eine ganz tiefe Narbe hinterlassen wird. Weil die vielzitierten Mechanismen des Fußball-Geschäfts im Fall Bayern München nicht greifen.

1. Mit Jürgen Klinsmann als Trainer haben die Köpfe Hoeness/Rummenigge einen "Alten Bekannten" geholt. Die Klinsmann-Philosophie war allen bekannt, die Risiken und Nebenwirkungen auch. Wer jetzt den Trainer Klinsmann in Frage stellt, muss in den Spiegel sehen.

2. Jürgen Klinsmann lebt seinen Beruf nach seinen Werten und Inhalten nach wie vor. Die Ergebnisse sprechen zwar gegen ihn, so wie sie gegen JEDEN Bayern-Trainer heute sprechen würden, aber er hat seine Meinung und vertritt sie. Seine Kompromisse gegenüber der Klub-Leitung hat er geleistet. Also: Job gemacht. Die Resultate sind allerdings angreifbar.

3. Die Schwachpunkte des Kaders (Torwart, Defensive, zu einseitige Hierachie) sind zum schlechtesten Zeitpunkt aufgebrochen. Aber sie waren bekannt. Ein gesunder Luca Toni, eine ausgeglichener Ribery können das Team nur in konstanter Galaform über der Liga halten. Und: Ein van Bommel als Boss ist zu wenig, zumal der schon mit Saisonbeginn angekratzt wurde. Michael Rensing als Nachfolger des Alpha-Tiers Kahn ist einfach überfordert.

Nur wenn die Bayern den Titel holen, geht das Projekt Klinsmann weiter. Eine Schale in der Vitrine wäre dann denen genug, die sonst von Europa träumen.

Aber: Wolfsburg knickt nicht ein. Der Sieg in Gladbach war ein Sieg eines möglichen Meisters. Mit Dusel, ein wenig Geschick, zum richtigen Zeitpunkt. Ein dreckiger Erfolg, der aber als Signal an den Rest der Verfolger ankommt.

Nicht gut gespielt, gewonnen, Mund abputzen weitermachen. Und warten: Auf das Versagen der Meute. Hertha ist weg, Hoffenheim ist weg, Hamburg zeigt Nerven. Nur Stuttgart rast weiter in der Erfolgsspur.

Deshalb ist Markus Babbel auch mein Trainer (oder Teamchef) der Woche. Leise und unbeirrt klettert der einstige Übergangstrainer Stufe um Stufe Richtung "Champions League" wie auch immer final definiert.

Der VfB hat urplötzlich noch alle Optionen, den Druck haben andere. Aus einer scheinbar verkorksten Saison wird plötzlich noch eine Spielzeit der Überraschungen und Möglichkeiten.

Stuttgart hat sie entdeckt. Weil man ruhig geblieben ist, weil Manager Horst Heldt die richtige Nase für die richtige Situation hatte. Anscheinend die Mannschaft so gut beobachtet hat, um zu wissen, welchen Trainer-Stil und Typen sie in der verzwickten, verzweifelten Situation wirklich brauchte.

Verrückt, dieser Meisterkampf.

Normal dagegen der Fight ums Überleben in Liga eins: Cottbus lebt wieder und hofft, Bielefeld kennt sich bestens aus in der seelischen Achterbahnfahrt, Gladbach wehrt sich verbissen und ein wenig glücklos. 91615(DIASHOW: 27. Spieltag)

Doch irgendwie werde ich das Gefühl weiterhin nicht los, dass noch eine Mannschaft von jetzt auf gleich in den Strudel kippt. Ich glaube nicht an die Formel aus drei mach zwei, aus Bielefeld, Mönchengladbach und Cottbus mach ein Glückskind. Da passiert noch was. Siehe Tabellenspitze.

Ich bleibe dran und gespannt.

Bis nächste Woche

Euer Toni Schumacher

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