Für Sport1.de schreibt der ehemalige Nationaltorhüter Toni Schumacher exklusiv über das Geschehen in der Bundesliga.

GEDULD. Die schnörkellose Umschreibung des "Wartens auf bessere Zeiten" ist anscheinend das neue Mode-Wort der Bundesliga.

In Hannover bittet Trainer Dieter Hecking nach dem Ein-Punkt-Start ohne Tor-Jubel um GEDULD ? und ist sauer über die Pfiffe der eigenen Fans.

Bei Borussia Mönchengladbach glaubt Jos Luhukay "ganz sicher an die Wende" und mahnt: "Wir müssen GEDULD haben."

Und selbst beim FC Bayern München wird von noch "gebrauchter Zeit" philosophiert, "bis die Mannschaft funktioniert".

GEDULD ist eine Floskel wie "der Druck war einfach zu groß."

Geduld gibt es nicht im Fußball. Nicht bei den Fans, nicht in den Vorstandsetagen und nicht im Trainerzimmer.

Wer GEDULD fordert, weiß schon, dass etwas schief läuft, dass die eigenen Ziele in Gefahr sind. Auch schon nach dem zweiten Spieltag, nach 180 Minuten Bundesliga.

In Hannover hat Hecking den UEFA-Cup-Platz anvisiert und versprochen. Und keinen Anti-Fußball und Flop-Start. Der formulierte Anspruch macht jetzt Angst.

Nach dem kommenden Auswärtsspiel in Stuttgart nächste Woche und einer möglichen weiteren Enttäuschung brennt in Hannover der Baum, ganz sicher. Dann reißt 96-Boss Martin Kind der Geduldsfaden. Zu Recht.

Oft stundenlang sitzen die eingefleischten Fans eines Klubs im Auto, eingekleidet mit dem neuen, teuren Trikot, die neue teure Dauerkarte in der Hand. Die Vorfreude auf die Bundesliga im Kopf, die Neugier auf die Neuzugänge im Herzen.

Und dann: Nichts, bitte nicht pfeifen, GEDULD mitbringen.

In Mönchengladbach musste jeder wissen: Mit einer personell kaum verstärkten Aufstiegsmannschaft kann man in Liga 1 nicht einfach ankommen und mitkicken und sich sicher fühlen.

Jetzt kommt nächste Woche Werder Bremen in den Borussia-Park, und die Abstiegsangst fühlt sich wieder genauso an wie vor zwei Jahren.

Christoph Daum ist endlich wieder zu Hause in der Bundesliga, nach acht Jahren Abstinenz. Er und sein (und immer noch irgendwie mein) FC aus Köln haben gleich gemerkt: Die Bundesliga kennt und will keine GEDULD.

50.000 Zuschauer haben vor dem Anpfiff euphorisch gefeiert, den Traum davon, mehr als nur gegen den Abstieg zu spielen.

Ergebnis: Ein Schock-1:1 gegen extrem durchschnittliche Frankfurter und die Erkenntnis: Es wird in jedem einzelnen Spiel nur ums Überleben gehen.

Die Bundesliga in Schleichfahrt: Nur 18 Tore an Tag zwei der neuen Saison. Ein Zuschauerschnitt von rund 40.000 Fans pro Spiel.

Aber überall schon spürbar: Die Furcht vor dem Fehlstart. Weil die Verantwortlichen wissen: Nach Spiel drei wird die "erste Hochrechnung" gemacht, kann man die Grob-Tendenz erkennen. Da liegen eben schon jetzt die Nerven blank.

Entspannt ist man bei den Klubs, die bereits langfristig an einer Ziel-Strategie arbeiten und die Momentaufnahmen nicht aus der Fassung bringen können:

In Hoffenheim beim Tabellenführer genießt man den Augenblick und weiß: vom wirklichen Abstiegsfußball haben wir uns schon mal entfernt, aber die Krise kommt noch.

In Schalke, Hamburg und Wolfsburg läuft alles nach Plan. Nicht nur nach zweimal Bundesliga, sondern schon seit Monaten. Der Kurs stimmt, jetzt sind Ergebnisse Puzzleteile und keine Erdrutsche.

In München und Bremen kennt man den Umkehrschluss: Der ewige Anspruch vom Titel verpflichtet JETZT zum sofortigen Siegen.

Denn sollte nach dem kommenden Wochenende bei den beiden Top-Klubs kein "Dreier" auf dem Punkte-Konto stehen, wird sicher das Wort GEDULD irgendwo rausgekramt.

Nur: Klaus Allofs und Uli Hoeneß kennen sich aus und haben vor allem keine GEDULD, wenn es um Erfolg geht.

Herzlichst,

Euer Toni Schumacher

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