In seiner Kolumne für Sport1.de kommentiert Ex-Nationaltorhüter Toni Schumacher das aktuelle Geschehen in der Bundesliga.

Alles bleibt anders.

Kaum eine Bundesliga-Saison war je so durchgeknallt, unberechenbar und bricht die ungewöhnlichen Vorgänge in einer Branche so gnadenlos auf.

Der Ergebnis-Wahnsinn jedes einzelnen Wochendes dokumentiert eindrucksvoll, wie seltsam und anscheinend unerklärbar das Fußball-Business ist. Oder scheint.

Schalke 04 siegt wieder. Unaufhörlich. 9 Punkte aus drei Spielen. Maximum.

Die Notlösungs-Trainer-Crew um Mike Büskens, Youri Mulder und Oliver Reck lässt mit sachlicher und anscheinend kompetenter Arbeit den Traum vom UEFA-Cup weiter leben. Einnahmen, die der Kult-Klub so dringend braucht.

Schon in der letzten Saison haben Büskens Co "Blau-Weiss" den Weg in die Champions-League bereitet. Ihre Bilanz als Bank-Bosse ist inklusive der vergangenen Saison phänomenal: 25 von möglichen 27 Punkten.

Doch jetzt kommt's: Eine Festanstellung wird es nicht geben. Der Klub sucht hinter den Kulissen einen Chef-Coach.

Mit Ausstrahlung, Erfolgs-Bilanz. Einer, der Schalke in den Griff kriegen kann.

Eigentlich Wahnsinn.

Wäre Büskens ein Spieler, hätte er in neun Spielen immer getroffen, der Fünfjahresvertrag wäre längst unterzeichnet. Plus Länderspieleinsatz...

Seltsame Fußballwelt. Dabei geht der Trainer-Trend doch eindeutig zum "Selbermachen", zum "Mann aus den eigenen Reihen".

Markus Babbel ist so ein Beispiel.

Angetreten im Durcheinander der Erfolglosigkeit, marschiert der Ex-VfB-Profi (noch) ohne Trainerschein locker durch die Liga und wird den Titel entscheiden. Für Wolfsburg, für Bayern oder eben für sich selbst. Warum?

Weil er, anscheinend, die Bedürfnisse des Teams durch seine Nähe viel besser einschätzen und ausloten konnte als ein "fremder Notnagel".

Michael Oenning in der Zweiten Liga ist auch solch ein Beispiel. Als Assi gekommen, führt er Nürnberg als Chef mit langem Anlauf, Ruhe und Ahnung zurück in die Bundesliga.

Das bekannteste Gesicht dieser "OBI"-Trainer zum "Selberbauen": Jürgen Klopp.

Ergebnis in Dortmund: Die wenigsten Niederlagen in der Bundesliga, eine solide Saison mit Potenzial nach oben, kaum Theater, kein schrille Krise.

Oder: Thomas Schaaf, Holger Stanislawski, Bruno Labbadia.

Einst neue Namen. Frisch und unverbraucht. Mit Mut und "anderen Ideen".

Eines haben alle gemeinsam: Die Sucht nach Ruhe und Unauffälligkeit. Kein Getöse nach draußen. Fußball zählt, die Arbeit auf dem Platz, der Geruch des Rasens, die Liebe zum Spiel.

Gefährlich sind nur diejenigen im jeweiligen Klub, die diese Denke nicht teilen können, weil sie diese Art des Fußball-Business nicht verstehen.

Die, die Bruno Labbadia nun schon ins Visier genommen haben, weil er mit seiner jungen, talentierten Mannschaft nicht den Sprung in den UEFA-Cup schaffen wird. Höchstens über den Pokal-Sieg.

Also wird man abwarten: Eine Sensationsklatsche gegen Mainz und Labbadia, der noch vor ein paar Monaten so unverbrauchte, frische, dynamische Kopf des Werksklubs, darf gehen. Zumindest später, wenn der Pott nicht nach Leverkusen kommt.

Büskens wird gehen. Mit Mulder. Wohin? Warum?

Weil man rund um die Veltins-Arena Glücksspiel betreibt: Magath wird mit VW-City Meister, verlässt dann am Höhepunkt des Glücks den Golf-Klub und heuert in Doppelfunktion bei "Blau und Weiss ein Leben lang" an.

Darauf hoffen die Verantwortlichen offenbar. Sagt Magath ab, dann will man jemanden, der "frisch und dynamisch" ist.

Olaf Thon, lebende Schalke-Legende, hat von dieser Denke die Nase voll: Rücktritt als Vorstandsberater und Marketing-Gesicht zum Saisonende.

Auch Wahnsinn.

So wie beim Flaggschiff der Liga, dem FC Bayern. Jürgen Klinsmanns "alles anders-Philosophie" ist auf die Halde gelegt worden. Her mit dem Titel, sonst Abflug.

Die Realität sieht anders aus. Tag für Tag malochen. Spielern an den Bewegungen die Form ablesen. In Gesprächen herausfinden, ob der Kopf des Kickers funktioniert oder blockiert. Stimmung schaffen, Selbstvertrauen bauen.

Bis zum nächsten Finale am Wochenende. Nächste Woche gibt es davon schon wieder ein paar ganz wichtige:

Bayern gegen Schalke. Dortmund gegen den HSV. Gladbach gegen Bielefeld. Cottbus gegen Wolfsburg.

Danach bleibt sicher alles anders.

Siegt Büskens, siehe oben.

Siegt Magath, siehe Büskens.

Nur einer kann locker bleiben: Martin Jol. Zwar schon ein Trainer-Fuchs, aber eben auch ein neues Gesicht in der Bundesliga.

Schön frisch und unverbraucht - und mit der Aussicht auf Titel. Gleich drei.

Ich staune weiter. Bis nächste Woche.

Euer Toni Schumacher.

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