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Guido Buchwald (l.) hat 76 Spiele für die deutsche Nationalmannschaft bestritten © imago

Klinsmanns langjähriger Weggefährte Guido Buchwald stärkt dem Bayern-Trainer den Rücken, sieht aber auch Schwierigkeiten.

Von Martin van de Flierdt

München - Bayern-Trainer Jürgen Klinsmann und Guido Buchwald verbindet eine Menge.

Anfang der 1980er Jahre starten sie beide ihre Profikarrieren bei den Stuttgarter Kickers.

1984 wechselten sie dann gemeinsam zum Lokalrivalen VfB, wo sie fünf Spielzeiten das gleiche Trikot trugen, bevor Klinsmann 1990 zu Inter Mailand wechselte.

Gemeinsam Weltmeister

Mit der deutschen Nationalmannschaft feierten Klinsmann und Buchwald ebenfalls viele Erfolge und wurden 1990 in Italien gemeinsam Weltmeister.

Kein Wunder also, dass Buchwald seinem langjährigen Wegefährten in der aktuellen Situation bei Bayern den Rücken stärkt.

"Erwartungen waren sehr hoch"

"Er macht seine Arbeit sehr gut", sagt der 48-jährige Buchwald im Sport1.de-Interview: "Allerdings waren die Erwartungen am Anfang doch sehr hoch."

Buchwald spekuliert über die Gründe für die aktuellen Probleme des Rekordmeisters, spricht über Andreas Ottl und Christian Lell, sowie die Torwart-Problematik.

Sport1: Herr Buchwald, Sie haben mit Jürgen Klinsmann lange zusammengespielt und kennen ihn sehr gut. Wie sehen Sie seine momentane Lage in München?

Guido Buchwald:Die Situation ist bestimmt nicht einfach. Er macht seine Arbeit sehr gut, allerdings waren die Erwartungen am Anfang doch sehr hoch.

Sport1.de: Der Satz, jeden Spieler jeden Tag ein bisschen besser machen zu wollen, fällt immer wieder auf ihn zurück. Hat er damit selbst eine Erwartungshaltung geschürt, die er nicht erfüllen kann?

Buchwald: Nein, den Erwartungen kann er prinzipiell schon standhalten. Das Problem ist die Schwierigkeit, auch ältere Spieler wie Ze Roberto oder Mark van Bommel besser zu machen. Die haben über Jahre ihre Leistung abgerufen, da kann man nicht mehr viel rausholen.

Sport1.de: Sind Sie also der Auffassung, dass es Klinsmann an Personal mangelt, das er selbst formen kann?

Buchwald: Seit Klinsmann Trainer ist, sind ja nicht wirklich neue Spieler dazugekommen. Er musste sogar mit Oliver Kahn einen unheimlich wichtigen Abgang hinnehmen. Die Mannschaft ist älter geworden. Dem Kader fehlen junge Spieler, die er hätte formen können.

Sport1.de: Was ist mit den Eigengewächsen im aktuellen Bayern-Kader?

Buchwald: Für mich sind Christian Lell oder Andreas Ottl gute Bundesligaspieler, aber für ganz oben, für die europäische Spitze, reichen sie nicht. Ich glaube nicht, dass von den Champions-League-Viertelfinalisten auch nur einer Interesse an einem Lell oder Ottl hätte. Klinsmann hat in der Champions-League erreicht, was möglich war. Man konnte nicht erwarten, dass er mit diesem Kader Barcelona schlägt.

Sport1.de: Dann hätten die Bayern Ihrer Meinung nach also das Jahr eher als Übergangsjahr benennen sollen?

Buchwald: Richtig. Man kann doch nicht davon ausgehen, dass man im Jahr nach dem Double mit dem gleichen Personal minus Kahn ganz Europa aufrollt, nur weil ein neuer Trainer da ist. Wenn der FC Bayern Meister wird, hat er das erreicht, was drin war. Dass er im Pokal gegen Leverkusen ausgeschieden ist, ist ja keine Schande.

Sport1.de: Glauben Sie, dass Klinsmann die Umstellung vom National- zum Vereinstrainer ein bisschen unterschätzt hat?

Buchwald: Nein. Aber am Anfang war die Euphorie zu groß, es wurde zuviel Wirbel um die Sache gemacht. Ein Wundermann ist Jürgen Klinsmann nicht. Ein junger Trainer macht auch den einen oder anderen Fehler.

Sport1.de: Zum Beispiel?

Buchwald: Vielleicht wollte er am Anfang zuviel oder hat die Charaktere der Spieler ein bisschen unterschätzt. Man kann Spieler wie Luca Toni oder van Bommel nicht mehr komplett umbauen. Deshalb kommt Klinsmann vielleicht an diese Spieler nicht so nah heran.

Sport1.de: Klinsmann hat nun Kahn-Nachfolger Michael Rensing auf die Bank gesetzt. Wie stehen Sie dazu?

Buchwald: Er hat Rensing lange vertraut, aber für mich zählt er wie Ottl und Lell zu den guten Bundesligaspielern, die international an ihre Grenzen stoßen. Der Zeitpunkt des Wechsels war schon fragwürdig. Aber den muss ein Trainer nun einmal immer selbst aussuchen.

Sport1.de: Sehen Sie in Hans-Jörg Butt eine Dauerlösung?

Buchwald: Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Bayern braucht einen richtigen Top-Torhüter. Robert Enke wäre da momentan die beste Lösung. Er ist 31 Jahre alt und kann sicher noch vier Jahre seine Leistung bringen. Er wäre sicher froh, mal in einer Spitzenmannschaft zu spielen. Enke hat eine enorme Ausstrahlung er auf dem Platz. Er gehört zu den besten Torhütern in Europa.

Sport1.de: Klinsmann hat beim FC Bayern Größen wie Uli Hoeneß, Karl-Heinz Rummenigge oder Franz Beckenbauer ständig um sich herum. Hat das womöglich seine Handlungsfreiheit eingeschränkt?

Buchwald: Nein. Uli Hoeneß unterstützt ihn zu 100 Prozent. Ein Trainer kann froh sein, solche Ansprechpartner zu besitzen, die unheimlich viel Erfahrung haben. Er wusste, was auf ihn zukommt und dass München kein leicht zu führender Verein ist.

Sport1.de: Uli Stein hat zuletzt bei Sport1.de gesagt, er betrachtet Jürgen Klinsmann bei Bayern bereits als gescheitert.

Buchwald: Das sehe ich ganz und gar nicht so. Deshalb kann ich mir auch nicht vorstellen, dass die Bayern ihn entlassen.

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