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Jürgen Klinsmann schoss zwischen 1995 und 1997 31 Bundesliga-Tore für Bayern © getty

Im zweiten Teil des Sport1-Interviews erklärt Jürgen Klinsmann, wie der FC Bayern wieder in Europas Spitze gelangen soll.

Von Daniel Rathjen und Martin Volkmar

Sport1: Das hört sich nach langfristiger Planung an. Haben Sie keine Sorge, dass es gerade beim FC Bayern schnell vorbei sein kann, wenn die Erfolge ausbleiben?

Klinsmann: Nein. Das ist einfach die Realität der Dinge. Egal, was man macht. Man wird an den Erfolgen gemessen. Und das ist auch richtig so, damit habe ich kein Problem. Ob ich jetzt fünf verletzte Spieler habe und zwei bei den Olympischen Spielen - das wird so genommen, wie es ist. Ich vertraue denen, die auf dem Platz stehen, total. Ich beschwere mich nie, auch wenn ein Franck Ribery fehlt. Klar ist der wichtig, aber man kann es nicht immer ideal haben.

Sport1: Sie stellen sich also dem Erfolgsdruck?

Klinsmann: Total. Wenn es Rückschläge und dann auch Kritik gibt, dann ist das okay. Das gehört zu diesem Job dazu und das war mir bei meiner Entscheidung für Bayern bewusst.

Sport1: Uli Hoeneß hat gesagt, dass er sich Sie auch langfristig beim FC Bayern vorstellen kann.

Klinsmann: Natürlich ist das denkbar, weil dieser Schritt nach Deutschland für uns als Familie ein sehr großer und sehr gut durchdachter war. Ich möchte jetzt erfahren und erleben, wie man so eine Aufgabe bewältigt. Und wie man dem Verein hilft, seinen Ansprüche gerecht zu werden, auch international. Bei mir ist es so: Wenn sich meine Familie wohl fühlt, steht aus meiner Sicht einem längeren Engagement bei Bayern nichts im Wege. Und die fühlt sich sehr wohl.

Sport1: Bisher galten Sie eher als "Projekt-Arbeiter", weil Sie bei der Nationalmannschaft nach nur zwei Jahren freiwillig wieder aufgehört haben. Hat sich das geändert?

Klinsmann: Klar hätte ich auch nach der WM 2006 weitermachen können, aber da hatte ich nicht mehr die nötige Energie. Das war emotional zu viel. In dieser Berufssparte hat man nicht die Möglichkeit, mal drei Monate Pause zu machen. Es gab also nur den Rückzug, weil alles andere nicht machbar war.

Sport1: Was ist denn beim FC Bayern anders?

Klinsmann: Die neue Konstellation kommt mir entgegen. Ich kann mich auch hier erholen, wenn ich Stress habe. Auch die Fliegerei fällt weg. Ich hatte über 40 Langstreckenflüge in den zwei Jahren. Das ist heavy. Aber das ging nur so. Ich bin heute noch davon überzeugt, dass das die beste Lösung war, um dem Projekt WM 2006 qualitativ am besten zur Verfügung zu stehen. Sonst hätte es mich aufgefressen.

Sport1: Sie haben gesagt, dass der FC Bayern zu den zehn Topklubs in Europa gehört. Trotzdem wird von Uli Hoeneß immer wieder darauf hingewiesen, dass die finanzielle Schere zu Klubs wie Chelsea oder Real Madrid immer weiter auseinander geht. Warum glauben sie trotzdem, dass der FC Bayern in der Champions League wieder vorne mitspielen kann?

Klinsmann: Weil wir eine hohe Qualität im Kader haben, die international bestehen kann. Außerdem ist es für uns eine Herausforderung, die Spieler um die Prozentpunkte besser zu machen, die jeder noch in sich hat. Jeder ist ständig verbesserbar. Und wir erhoffen uns, diese finanzielle Schere durch unseren Erfolg kleiner zu halten.

Sport1: Um dann mit den Großen um die Topspieler mitbieten zu können?

Klinsmann: Um dadurch einen wirtschaftlichen Schub zu bekommen und auch in diesem Bereich präsent zu sein. Wenn ein Spielertransfer das Budget sprengt, müssen wir eben einen anderen Weg gehen. Aber wenn wir wissen, dieser Spieler x macht uns besser, dann müssen wir auch in der Lage sein, mitzubieten. Und das wird der Verein auch können, wenn er richtig davon überzeugt ist. Da liegt eben für uns die besondere Herausforderung, den anderen europäischen Spitzenteams Paroli zu bieten.

Sport1: Und das Potenzial sehen Sie?

Klinsmann: Das sehen wir auf jeden Fall. Wenn alle Spieler wieder fit sind und unsere Arbeit endlich greift, können wir schon jetzt mit jedem Team mithalten. Nur Namen zu kaufen, garantiert ja auch keinen Erfolg. Das zeigt doch das Beispiel Inter Mailand. Die investieren, seit ich da als Spieler weggegangen bin und haben international nie den Erfolg gehabt, den sie sich gewünscht haben. In der Zeit hat Bayern die Champions League, den Weltpokal und den Uefa Cup gewonnen. Und da wollen wir auch jetzt möglichst wieder hin.

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