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Joachim Löw durchlief in seiner Trainer-Karriere seit 1994 neun Stationen © getty

Joachim Löw spricht im Interview über die Entlassung Jürgen Klinsmanns beim FC Bayern und dessen Konzept als junger Trainer.

Von Martin Volkmar

München - Joachim Löw und Jürgen Klinsmann feierten als Trainer-Duo bei der Weltmeisterschaft 2006 einen großen Erfolg.

Nach zweijähriger Zusammenarbeit und dem dritten Platz bei der WM trennten sich ihre Wege und aus Co-Trainer Löw wurde der neue Chef-Trainer der Nationalmannschaft.

Klinsmann dagegen entschied sich im Januar 2008 für ein Engagement beim FC Bayern.

Dass die Erwartungen beim deutschen Rekordmeister hoch sein würden, wusste Klinsmann, doch offenbar waren sie zu hoch. Die Münchener trennten sich nach 302-tägiger Zusammenarbeit und dem Aus in DFB-Pokal und Champions-League.

Joachim Löw erläutert im Gespräch mit Sport1.de wie er die Nachricht der Entlassung seines Freundes aufgenommen hat und worin er die Gründe für die Trennung sieht:

Sport1.de: Herr Löw, waren Sie überrascht über die Entlassung von Jürgen Klinsmann beim FC Bayern?

Joachim Löw: Ich war davon natürlich auch überrascht, weil ich zu diesem Zeitpunkt nicht damit gerechnet habe.

Sport1.de: Weil nach der Niederlage von Wolfsburg gegen Cottbus die Meisterschaft wieder völlig offen ist?

Löw: Die Meisterschaft ist genau so offen wie vor einigen Wochen und der FC Bayern hat weiterhin realistische Chancen im Titelkampf. Aber wieso und warum der Vorstand die Entscheidung getroffen hat, das kann ich nicht beurteilen, das steht mir auch nicht zu.

Sport1.de: Was empfinden Sie für Ihren einstigen Chef beim DFB?

Löw: Jürgen Klinsmann stand in den letzten Wochen extrem unter Beschuss. Trotz allem war er immer, auch in den ganz schwierigen Phasen, sehr loyal gegenüber dem Verein. Er hat die Kritik angenommen, hat Teamfähigkeit gezeigt und die Fehler nie woanders gesucht. Und er hat immer gesagt, er werde die Meisterschaft nach München holen.

Sport1.de: Spricht das aus Ihrer Sicht für Jürgen Klinsmann?

Löw: In so einer schwierigen Position positiv zu bleiben und weiter nach vorne zu schauen, das zeugt einfach von einem starken Charakter. Das ist manchmal viel wichtiger als ein Sieg oder eine Niederlage.

Sport1.de: Empfinden Sie die Entlassung zum jetzigen Zeitpunkt als ungerecht?

Löw: Das will ich nicht wirklich beurteilen, dafür stehe ich ihm zu nahe. Ob das jetzt gerecht oder ungerecht ist, das lassen wir mal dahingestellt. Diese Frage stellt man sich im Fußball oft, aber die Entscheidung ist jetzt so gefallen, die Verantwortlichen bei Bayern haben sie so getroffen.

Sport1.de: War Klinsmann längerfristig ausgelegtes Projekt gerade beim FC Bayern nicht zum Scheitern verurteilt, weil dort kurzfristige Erfolge absolute Priorität haben?

Löw: Es braucht jeder kurzfristige Erfolge, aber ein Trainer muss natürlich auch für ein Gesamtkonzept sorgen. Jürgen steht für Innovation und für Veränderungen. Selbstverständlich brauchen auch einige Dinge eine gewisse Zeit. Der FC Barcelona ist auch seit 2006 ohne Titel, trotzdem hat man am Konzept festgehalten und jetzt wieder Erfolg damit. Aber Bayern hat jetzt so entschieden, ich will das gar nicht bewerten.

Sport1.de: Ihm wurde vor allem vorgehalten, dass er seine Ankündigungen bis jetzt nicht umgesetzt hat.

Löw: Wenn einer sagt, er möchte jeden Spieler jeden Tag besser machen, dann ist das eine ganz normale Aufgabe eines Trainers. Ich finde das schon kurios hier in Deutschland, das so aufzublasen. Was die letzten Wochen in der Öffentlichkeit ablief zum Thema Jürgen Klinsmann, war eine Extremsituation. Aber Jürgen ist geradlinig geblieben, so wie ich ihn kenne: Immer an seinem Konzept festhaltend und nie die Fehler irgendwo anders suchend. Auch in Extremsituationen zeichnet ihn seine Charakterstärke aus. Das ist für mich imponierend.

Sport1.de: Ein anderer Vorwurf war der Verzicht auf einen Bundesliga-erfahrenen Assistenten. Ganz im Gegensatz zur Nationalmannschaft, wo Sie seine fehlende Routine als Trainer ausgeglichen hätten. Was sagen Sie dazu?

Löw: Das will ich auch nicht beurteilen. Jürgen Klinsmann hat ein Trainer-Team nach bestem Wissen und Gewissen zusammengestellt, und das sind bestimmt alles sehr gute Leute.

Sport1.de: Eine weitere Überraschung war die Reaktivierung von Jupp Heynckes. Wie schätzen Sie Ihren langjährigen Kollegen ein?

Löw: Jupp Heynckes ist ein erfahrener Trainer mit internationaler Erfahrung, der schon viele Erfolge gefeiert hat. (Diskutieren Sie mit: Rettet Heynckes die Bayern?)

Sport1.de: Wie beurteilen Sie nun den Endspurt um die Meisterschaft?

Löw: Die Konstellation, dass noch fünf Teams Meister werden können, ist natürlich hoch spannend. Es ist offener denn je. Jeder Spieltag kann jetzt eine Vorentscheidung bringen, vor allem bei den Duellen der Top-Teams gegeneinander. Da kann noch alles passieren, deshalb wage ich keine Prognose.

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